Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Anmelden
Mittendrin Triathleten trotzen heißen Temperaturen
Mehr Mittendrin Triathleten trotzen heißen Temperaturen
13:03 13.06.2010
Volkstriathlon in Müden am 05.07.2009
Volkstriathlon in Müden am 05.07.2009 Quelle: Torsten Volkmer
Müden (Örtze)

MÜDEN. „Jetzt geht’s los“, stupst der ältere Herr im beigefarbenen Sakko seine neben ihm auf der Bank sitzende Begleiterin an und deutet nach rechts auf den vor ihnen liegenden Heidesee. Ganz ruhig und unberührt war die Wasseroberfläche bis eben. Doch jetzt nach dem Start beginnt dort auf der rechten Seite ein intensives Kraulen von 151 Sportlern.

„Das sieht ja aus wie eine Flutwelle, wie ein kleiner Tsunami“, hört man am Ufer. 350 Meter Wasser liegen vor den Athleten, bevor sie links hinter der Boje auf den Anleger steigen und im Laufschritt ihre Fahrräder erreichen. Der erste Teil von drei Disziplinen hat begonnen.

Luft 26, Wasser 22 – die Bedingungen für den 21. Volkstriathlon sind gut, die Zuschauer nutzen das warme Sommerwetter für ein Sonnenbad auf der Wiese. Nicht immer konnten die Beobachter den Wettkampf bei so schönem Wetter verfolgen.

Seit 1989 schickt der MTV Müden die Sportler auf die Strecke. Eigentlich immer limitiert auf eine Höchstteilnehmerzahl. Jetzt zum 21. Mal. Es sei halt ein Volkstriathlon, der sich aus der damaligen Volkslaufbewegung entwickelt hat, weiß der diesjährige Organisator Andreas Ull. Seit 15 Jahren stecken die Helfer des Sportvereins immer die gleiche Strecke ab: 350 Meter Schwimmen im Heidesee, 23 Kilometer Radfahren auf einem Rundkurs von Müden nach Müden und zwei Laufrunden um den See – inmitten und hautnah zu den sportinteressierten Zuschauern. Da wird geklatscht, gepfiffen, motiviert und angefeuert.

In den Anfangsjahren kam es auf dem Kopfsteinpflaster im Ort zu unangenehmen Stürzen der Radfahrer, daher habe man sich für diese ebenere Variante mit einem Teil der Strecke über die Panzerringstraße entschieden, schaut Ull zurück.

Start im künstlich

angelegten Heidesee

1976 wurde die Örtze teilweise in einen künstlich angelegten See umgeleitet: Es entstand der Heidesee. 6,5 Hektar ist er groß und lädt zum Segeln, Angeln und zu Spaziergängen ein – und zum Schwimmen während eines Triathlons.

Müden an der Örtze gilt als eines der schönsten Dörfer in der Lüneburger Heide, gilt als „Perle der Südheide“. „Denn bei uns können Sie dem Stress des Alltags entfliehen und die Beschaulichkeit sowie den Charme eines typischen Heidedorfes genießen“, wirbt der Verkehrsverein für einen Aufenthalt. Jahrhunderte alte Bauerngehöfte unter urwüchsigen Eichen im historischen Ortskern vermitteln eine eindrucksvolle Atmosphäre.

Gerade diese ruhige Atmosphäre, die gute Stimmung und die Nähe zu den Zuschauern sind für viele Sportler gute Gründe, Jahr für Jahr in Müden zu starten. „Insbesondere durch die zentrale und übersichtliche Lage des Sees kann der Wettbewerb über weite Teile mit Spannung verfolgt werden“, hatte Ull die interessierten Sportler eingeladen, „Familienangehörige, Betreuer und Zuschauer werden während des Wettbewerbs mit Kaffee und Kuchen sowie mit aktuellen Streckeninformationen versorgt.“

Helmut Pelikan ist bisher 17- mal in Müden gestartet. Er ist mit 73 Jahren der älteste Starter und bekommt heute bei seinem 18. Lauf die Nummer 27 mit schwarzem Stift auf den Oberarm gemalt: „Seit 41 Jahren bin ich Volksläufer. Sport getrieben habe ich schon immer.“ Hier in Müden habe es ihm von Anfang an gefallen, betont der Mann aus Garbsen und grüßt auf „Hallo Hartmut“ freundlich zurück. Man kennt sich. „Müden gefiel uns von Anfang an. Hier ist es gemütlich, dörflich, ruhig – nicht Action und Hektik.“

Penible Vorbereitung

in der Wechselzone

Fein säuberlich legen die Sportler neben ihre Rennräder ihre Handtücher, Rad- und Laufschuhe und, soweit sie mögen, Socken bereit. „So erkenne ich meinen Platz schneller wieder und muss nicht suchen“, erklärt ein Teilnehmer die penible Ordnung im Fahrerlager. „Excite Softride“ in edlem Blau, „Cervelo“, „Cuba“ oder „Giant“ sind die Rennmaschinen beschriftet. Hier und da ist mit Papierklebeband ein Müsliriegel am Rahmen befestigt, die Wasserflaschen sind gut gefüllt. Wichtiger Proviant während der 23 Kilometer langen Rundtour.

„Ich bin vor den Rennen immer aufgeregt“, gesteht Maren Stumpf von TuS Celle 92. Gemeinsam mit ihren Mannschaftskollegen geht sie heute an den nassen Start. Ihre Klubkameradin Marion Suchy war schon in den letzten beiden Jahren sehr erfolgreich.

Gerhard Tietje startet zum ersten Mal bei einem Triathlon. Der Lachendorfer begann vor zwei Jahren mit dem Rennradfahren. Ein 220-Kilometer-Radmarathon habe ganz gut geklappt, beurteilt der Sparkassenkaufmann seine Leistungen. Du hast ’ne Klatsche, würde ihn seine Familie verspotten. Seine Frau Sabine wäre heute auch mit in Müden: „Leider liegt sie krank im Bett“, bedauert der 55-Jährige in seinem hautengen Sportanzug. „Immer schön leicht treten, nicht so große Übersetzungen nehmen“, sagt er sich, dann sei das kein Problem.

Zu heiß: Pech mit dem

platten Reifen

Ganz anders erging es dem Franzosen Philippe Leblanc: Für ihn war der Triathlon bereits nach dem Schwimmen beendet, denn der hintere Reifen seines leuchtend gelben Colnago-Aluminium-Rades platzte, bevor es richtig losging. Es war einfach zu heiß am Heidesee. „Le Pneu …“

In den 80er Jahren entstand in Deutschland die Triathlonkultur und inzwischen hat sich der Dreikampf im Breitensport etabliert. Dazu hat sicher auch der allgemeine Fitnesstrend beigetragen. Nach Angaben der Deutschen Triathlon-Union steigt die Anzahl von professionell organisierten Rennen in ganz Deutschland von Jahr zu Jahr.

Die Steigerung der Professionalität der Veranstaltung liegt auch dem MTV Müden am Herzen. Darum begrüßte er das Angebot von Mathias und Katja Strampe und Sylvia Thießen, die Sportler nach dem Rennen durch Massagen und Physiotherapie zu regenerieren. „Wir haben zwei Liegen und einen Platz und etwa fünf bis zehn Minuten eingeplant“, ist Katja Strampe sicher, dass das Angebot angenommen wird. „Dadurch werten wir den Lauf deutlich auf.“

Als Einsteigerwettkampf mit der Kurz- oder Sprintdistanz gilt der Triathlon in Müden auch als Jedermann-Triathlon. Die Wettkampfstrecken werden ununterbrochen nacheinander bewältigt. Die Wechsel (Schwimmen-Radfahren und Radfahren-Laufen) gehören dazu.

Zur Stärkung gibt’s Bananen, Äpfel und Zitronentee

Michael Günther vom DRK Müden beobachtet das ganze Rennen aufmerksam. Gemeinsam mit den Rettungssanitätern Arno Klaner und Sandra Oleschinski und den Kollegen in der Versorgung sind auch sie für die Gesundheit der Sportler zuständig: „Mit dem Rettungswagen machen zwei den ‚Lumpensammler‘“, beschreibt Günther die einzelnen Aufgaben. Die anderen verteilen Tee, Wasser, Äpfel und Bananen. „Wir hatten zwei Kisten Bananen und 65 Liter Zitronentee“, wird eine erste Zwischenbilanz gezogen.

Aus einer neuen Studie des amerikanischen Kardiologen Dr. Kevin Harris vom Minneapolis Herz-Institut geht hervor, dass das Risiko eines Herzstillstandes für Anfänger beim Triathlon doppelt so hoch sei wie beim Marathon. Die Hauptgründe lägen in der ungewohnten Belastung beim Schwimmen, denn das kalte Wasser und der Wettkampfstress können bei Untrainierten für Situationen sorgen, die eine Verkrampfung des Herzens fördern können. Insofern werde mindestens ein Minimum an Training empfohlen.

„Komm heil an!“

Triathlon als Familiensport

Anja und Dieter Hanke sind mit ihrer Tochter Sabrina aus Ashausen nach Müden gekommen: „Müden ist in dieser Saison für uns das erste Rennen“, sagt Anja über das Vorhaben der Familie, noch weitere vier oder fünf Wettkämpfe zu bestreiten. Für sie steht die Gesundheit an erster Stelle, deshalb lautet ihr Motto zum Triathlon immer „Komm heil an!“

Die beiden britischen Hebammen Lesley Woodward und Lucy Gaal laufen viermal in der Woche. Jetzt starten sie im Heidesee: „A Challenge“ – eine Herausforderung sei es für sie, meint Lucy.

„Das Pfeifen hört gleich auf …“, ist sich Gerald Sommer aus Wathlingen beim Zieleinlauf ganz sicher. Er hat Erfahrungen mit sich, seinem Körper und den Belastungen, die er ihm in gut einer Stunde zumutet. Das sind Grenzbereiche. Auch der erste, der ins Ziel kommt, ist nass von Kopf bis Fuß: Rudolf Wächter aus Fallersleben ist so nass, als habe er gerade geduscht und seinem Vereinskameraden Dirk Sandeck steht die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben.

Total erschöpft, aber total zufrieden: „Lief doch gut“, freut sich Wächter und kann seinen Erfolg kaum fassen. Wächter wurde Sieger, Sandeck Zweiter. Schnellste Frau ist Marion Suchy: „Mit vierzig und vier Kindern …“

Von Lothar H. Bluhm