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Mittendrin Möchte mich von den Musen küssen lassen
Mehr Mittendrin Möchte mich von den Musen küssen lassen
19:29 02.08.2011
Nina Schwabe vor dem Caroline-Mathilde-Porträt im Residenzmuseum des Celler Schlosses.
Nina Schwabe vor dem Caroline-Mathilde-Porträt im Residenzmuseum des Celler Schlosses. Quelle: Rolf-Dieter Diehl
Celle Stadt

Als Caroline Mathildes Zofe Elisabeth Marie von Eyben war die leidenschaftlich und hingebungsvoll agierende Schauspielerin buchstäblich hautnah dabei, als ihr Geliebter Struensee sich mehr und mehr der Königin zuwandte. Aus verletzter Eitelkeit und unter dem Druck des Hofbeamten Guldberg wurde sie schließlich zur Verräterin, die dem Hofgericht die entscheidenden Hinweise und Beweismittel zur Verfügung stellte, welche zur Verhaftung von Struensee und Caroline Mathilde führten.

Im Gespräch mit der CZ blickt Nina Schwabe noch einmal zurück, frei nach dem Motto „Wie alles begann“: Sie machte 1994 am Kaiserin-Auguste-Viktoria-Gymnasium ihr Abitur. Danach nahm sie erst einmal eine „Auszeit“, die sie auch zur Selbstfindung nutzte. In Südfrankreich spannte sie einen weiten und immer wieder für neue Aktivitäten geöffneten Bogen von Musik, Theater und Tanz mit allen nur denkbaren Variationsmöglichkeiten. Den Appetit dafür hatte sie sich schon Anfang der 90er Jahre im legendären Celler Jazzkeller in der Hehlentorstraße geholt, wo sie unter anderem mit dem Saxophonisten Peter Missler gemeinsam auftrat.

Als sie 1995 in Bremen das Studium der Kulturwissenschaften aufnahm, kam sie mehr und mehr zu der Überzeugung, dass die Theorie, der rein gedankliche Umgang mit den schönen Künsten sie nicht ausfüllte. Sie spürte ihr pulsierendes Faible für Rundfunk, Film und Theater und wollte praxisnah arbeiten, sich hautnah mit den Künsten befassen, sich von den Musen küssen lassen statt nur über sie zu lesen. Und sie näherte sich diesem Ziel über ein Praktikum als Filmemacherin, das sie ab 1997 zielbewusst absolvierte. Und schließlich machte sie eine Ausbildung zur Cutterin (Schnittmeisterin beim Film).

„Danach musste ich erst einmal wieder Luft holen“, erzählt sie mit erinneungsträchtigem Augenaufschlag. 1999 gründete sie das Techno-Trio „Die küssenden Cousinen“. Mit destrusen Tracks und darüber gesungenen Songs, bestehend aus einer Mischung von Fantasiesprache und Scatgesang, mischte sie in dieser Formation bis 2005 die Musikszene in Hamburg auf. Dazu fungierte die ungemein kreative und rastlose Künstlerin als DJane in einem Hamburger Club. „Nicht so glamourös wie eine Disco, dafür sehr viel stilvoller“ beschreibt sie die Atmosphäre. Heute tritt Nina Schwabe unter dem Pseudonym „Sophie Loup“ auch als Songwriterin und Interpretin unter anderem von Chansons und „Sing-a-song-Balladen“ in Erscheinung.

Ihre erste unmittelbare Berührung mit dem Film bekam die vielseitig begabte Künstlerin im Jahr 2004 in Hamburg. Viermal holte sie der Filmemacher Klaus Lemke bis 2009 dort vor die Kamera, angefangen mit dem Klischee-behafteten Macho-Film „3-Minuten-Heroes“ aus dem Reeperbahn-Underground bis hin zum Psychothriller „Dancing with Devils“, der in den tristen Straßen und Kneipen zwischen Eimsbüttel und St.Pauli spielte und mit dem Norddeutschen Filmpreis ausgezeichnert wurde. „Klaus Lemke arbeitete meist nur mit einem improvisierten Drehbuch“, beschreibt Nina Schwabe die für sie ungemein spannenden Dreharbeiten. „Und da es keine vorgeschriebenen Dialoge gab, hatte das Ganze etwas von Improvisationstheater an sich.“ Aber für die gelernte Cutterin war es wie ein Sprung über den Graben auf eine blühende Wiese. „Bis dahin saß ich fast nur am PC und beschäftigte mich mit dem Schneiden bereits abgedrehter Filmsequenzen, während sich draußen das Leben abspielte“, denkt sie zurück, „ich fühlte mich wie ein Kind am Rande des Spielplatzes, das nicht mitspielen darf.“

Von dem geplanten Filmprojekt „Eine königliche Affäre“ hatte sie von Freunden erfahren. Von einem „Kostümfilm“ war die Rede. Die Rolle der Zofe war noch frei. Sie bewarb sich kurzerhand und bekam den Zuschlag. Natürlich kannte sie die geschichtlichen Hintergründe der Dokumentation aus der Schule und von Museumsbesuchen her. Und wie oft ist sie an dem Schloss vorbeigegangen, in das Caroline Mathilde einst verbannt wurde. Aber wenn man plötzlich mitten in die Zeit hineinversetzt wird, die man bis dahin nur als lang zurückliegende Geschichte wahrgenommen hat, wenn man sich unmittelbar mit den Menschen konfrontiert sieht, die doch eigentlich Jahrhunderte weit entfernt sind, bekommt man plötzlich Gänsehaut.

Zehn Tage dauerten die Dreharbeiten, für deren Kulisse man das Rokoko-Lustschloss „Wilhelmsthal“ bei Kassel ausgewählt hatte. Der weiträumige Park und das authenische Interieur in den Räumlichkeiten hatten sich geradezu dafür angeboten. „Aber der Restaurator des Schlosses schaute uns penibel auf die Finger, dass wir auch ja nichts anfassten, während wir uns in der Kulisse bewegten“, lacht Nina Schwabe. Für die szenischen Darstellungen wurden Kopien der Möbel angefertigt, beispielsweise das königliche Bett mit dem prunkvollen Aufbau. Und auch die Kostüme waren bis hin zur kleinsten Verzierung originalgetreue Nachbildungen. „Es war wie ein Traum, in diese prachtvollen Kleider schlüpfen zu dürfen“, schwärmt die schöne junge Schauspielerin. Da ergab es sich fast zwangsläufig, dass man sich in die Rolle hineinversetzte und Teil dieser stinkfeinen Gesellschaft wurde. „Die Kostüme haben uns nicht nur äußerlich verwandelt“, erzählt sie mit leuchtenden Augen. „Wir fühlten uns wie die höfischen Protagonisten, wenn wir in unseren Brokatkleidern, Kniehosen und Reifröcken mit aufgesetzter Lockenpracht durch den Park schlenderten, nein, schritten.“

„Übrigens“, lächelt Nina Schwabe zum Abschluss unseres Gespräches, „jetzt kann ich sehr viel besser nachvollziehen, wie meine Urgroßmutter sich mitunter gefühlt haben muss. Sie war eine geborene Kropotkin und vor nunmehr fast einhundert Jahren Hofdame am russischen Zarenhof.“

Rolf-Dieter Diehl

Vita Nina Schwabe:

1994 Abitur am Kaiserin-Auguste-Viktoria-Gymnasium.

1995/96 Studium der Kulturwissenschaften in Bremen.

1997-1999 Praktikum als Filmemacherin in Hamburg, Ausbildung zur Cutterin.

1999-2005 Mitglied der Techno-Band „Die küssenden Cousinen“ und Einsatz als DJane in Hamburg.

2004-2009 Cutterin bei verschiedenen Produktionsfirmen.

2004-2009 Dreharbeiten in Hamburg: Darstellerin in insgesamt vier Filmen von Klaus Lemke, darunter „3-Minuten-Heroes“ und „Dancing with Devils“.

2007-2009 Bildredakteurin bei „Spiegel online“.

seit 2009 TV-Sprecherin, unter anderem beim „Hamburger Journal“. Daneben Musikerin mit dem Pseudonym „Sophie Loup“.

2011 Darstellerin der Zofe von Caroline Mathilde in der Arte-Dokufiktion „Eine königliche Affäre“.

Von Rolf-Dieter Diehl