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Mittendrin Mindestlohn: "Bei Bezahlung darf Herkunft keine Rolle spielen"
Mehr Mittendrin Mindestlohn: "Bei Bezahlung darf Herkunft keine Rolle spielen"
17:28 14.12.2015
Ein Flüchtling aus Eritrea hat eine Ausbildung zum Bäcker begonnen. Die IHK ist dagegen, dass bei Asylbewerbern Ausnahmen beim Mindestlohn gemacht werden.
Ein Flüchtling aus Eritrea hat eine Ausbildung zum Bäcker begonnen. Die IHK ist dagegen, dass bei Asylbewerbern Ausnahmen beim Mindestlohn gemacht werden. Quelle: Stefan Puchner
Celle Stadt

Die Zahl der arbeitslos gemeldeten Asylbewerber im Bereich Celle ist noch sehr überschaubar: „111 Flüchtlinge sind bei uns registriert und sieben Vermittlungen konnten wir bisher erfolgreich durchführen“, sagt Marc Seemann, Pressesprecher der Agentur für Arbeit in Celle. „Wir vermitteln nach Gesetz, also auch in Stellen mit Mindestlohn.“ Allerdings seien fehlende Sprachkenntnisse ein großes Problem für viele Flüchtlinge. Darum seien jetzt bei verschiedenen Bildungsträgern Sprachkurse angelaufen, die speziell auf die Asylbewerber zugeschnitten sind.

Mit dabei sind auch die Technischen Ausbildungsstätten Celle. Geschäftsführer Andreas Schröder: „Der theoretische Unterricht wird anschaulich und praxisnah durch Exkursionen ergänzt und ist für maximal 25 Personen aus den Herkunftsstaaten Syrien, Irak, Iran und Eritrea konzipiert. Voraussetzung ist eine Aufenthaltsgestattung oder eine Bescheinigung über die Meldung als Asylsuchender.“ Der Einstiegskurs umfasst 320 Unterrichtseinheiten und vermittelt erste Basiskenntnisse der deutschen Sprache. Er unterstützt die Teilnehmer beim Deutschsprechen in konkreten Lebenssituationen.

Sprachkurse, schnelle Verfahren zur Kompetenzfeststellung und den Abbau von Hürden, die Wartezeiten für Flüchtlinge auf Arbeitssuche verlängern, sollten auch nach Meinung des Hauptgeschäftsführers der Industrie- und Handelskammer Lüneburg-Wolfsburg (IHK), Michael Zeinert, auf der Prioritätenliste ganz oben stehen. „Man muss bedenken, dass die Anstellung eines Flüchtlings in der Regel immer eine Investition für Unternehmer bedeutet.“ Betriebe vermitteln zunächst Arbeitskultur und -abläufe und nehmen in Kauf, dass sich Prozesse verzögern, weil es zunächst viel zu erklären gibt. Die Sprachbarriere mache das nicht leichter. „Fakt ist: Die regionale Wirtschaft kann die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt nicht allein stemmen.“ Zeinert fordert Politik und Verwaltung auf, entsprechende Voraussetzungen zu schaffen.

Die IHK lehnt allerdings Sonderregelungen beim Mindestlohn nur für Flüchtlinge ab. „Bei der Bezahlung darf die Herkunft des Menschen keine Rolle spielen“, sagt Zeinert. Anders sehe es beim Thema Qualifikation aus: „Vor dem Hintergrund, dass von den Arbeitslosen aus den wichtigsten Asylherkunftsländern nach Angaben der Agentur für Arbeit 80 Prozent keine Berufsausbildung haben und sie oftmals nur über geringe Deutschkenntnisse verfügen, halte ich es für sinnvoll, die Ausnahmen für Langzeitarbeitslose auf Flüchtlinge auszudehnen.“ Konkret würde diese Änderung bedeuten, dass Arbeitgeber sechs Monate lang weniger als den Mindestlohn von derzeit 8,50 Euro zahlen dürften.

Für Praktika sollte grundsätzlich länger als bisher eine Ausnahme vom Mindestlohn bestehen. „Dann haben Betriebe und Praktikanten die Möglichkeit, einander besser kennenzulernen. Das ist für eine Ausbildung oder Beschäftigung ganz wichtig“, meint der Hauptgeschäftsführer. Die IHK unterstützt Unternehmen, die einen Flüchtling beschäftigen möchten.

Von Lothar H. Bluhm