Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Anmelden
Mittendrin Durch Zufall ein Operettenstar
Mehr Mittendrin Durch Zufall ein Operettenstar
13:08 13.06.2010
Hilde Joest (89)
Hilde Joest (89) Quelle: Torsten Volkmer
Winsen (Aller)

„Wenn ich heute ein Theater betrete, dann ist diese Stimmung, das Kribbeln im Bauch wieder da. Der Geruch der Bühne und der Requisiten, das berührt mich immer noch“, erzählt die Winserin. Dennoch ist ihre Zeit auf der Bühne vorbei. „Und das ist auch in Ordnung. Manchmal vermisst man das zwar, aber ich habe so viel erlebt. Das reicht für zwei Leben.“

Theaterleidenschaft als

Fünfjährige entdeckt

Schon im Alter von fünf Jahre hat sich die kleine Hilde für das Theater begeistert. „Mein Vater ist mit mir in Märchen gegangen und Sonntagnachmittags in die Operette. Da stand für mich fest: Das will ich auch mal machen“, schildert Joest ihre ersten Kontakte mit der Bühne. Ihre Augen glänzen, wenn sie von den schillernden Kostümen, ihren zahlreichen Hüten und ihrem Leben voller Reisen und Auftritte erzählt. „Manchmal kann ich gar nicht glauben, dass ich das alles erlebt habe“, gibt sie zu.

Mit 15 Jahren kam sie nach Berlin und besuchte eine Schauspielschule. Sie lernte dort zu spielen und nahm Gesangsstunden. „Dass ich dann einmal in Operetten singen würde, hätte ich nicht gedacht. Ich wollte spielen, um jeden Preis auf die Bühne.“ Als Joest nach ihrer Schauspielausbildung ihr erstes Engagement in Bielefeld annahm, hat sie Rotz und Wasser geheult, sagt sie: „Berlin war meine große Liebe. Die Stadt war 1936 zu den Olympischen Spielen der Mittelpunkt der Welt, hier lebte man. Ich wollte nicht weg, aber ich bin gegangen.“ In Bielefeld sei sie von einer Probe zur nächsten gerast, hätte im Ballett mitgetanzt, in der Oper gesungen und alles gespielt, was ihr angeboten wurde. „In den Königskindern, habe ich die Kinderrolle gesungen. Auch junge Knaben habe ich in Operetten gespielt. Das war herrlich. Ich habe so viel kennen gelernt.“ Ihre erste Rolle war die „Donna Laura“ in der komischen Oper „Donna Diana“. „100 Mark habe ich damals im Monat verdient. Das war wirklich sehr wenig“, schildert Joest. „Allerdings habe ich bei einer netten Familie ein möbliertes Zimmer gehabt. 90 Mark habe ich da bezahlt, wurde dafür aber mitversorgt und hatte Familienanschluss.“ Außerdem sei sie von ihrem Vater lange unterstützt worden.

In Bielefeld Weichen

für Zukunft gestellt

Drei Jahre spielte die Winserin in Bielefeld am Stadttheater. Eine Zeit, die die Weichen für ihr ganzes Leben stellte: „1938 habe ich dort meinen Mann Hans Hermann kennen und lieben gelernt. Er war als Operettenbuffo engagiert. Die Mädchen liefen ihm hinterher und die Mütter waren verrückt nach ihm“, erzählt die Künstlerin schmunzelnd. Doch er wollte nur sie: „Es war die ganz große Liebe. Er war ein Star am Theater und mein ganz privater Star. Das war eine sehr turbulente Zeit.“ Und das nicht nur privat sondern auch beruflich. Denn hier sei sie durch einen Zufall ganz zur Operette gekommen: „Zwei Tage vor der Premiere ist in Bielefeld die Operettensoubrette krank geworden. Da habe ich die Rolle mal eben schnell übernommen. Ich hatte einen riesen Erfolg damit.“ Bis zu diesem Wendepunkt ihrer Bühnenkarriere, hatte Joest sich immer als ernsthafte Schauspielerin gesehen. „Ich wollte nicht, dass man über mich lacht. Aber ich war wohl zu klitze klein, um ernsthafte Rollen zu spielen. Da ich singen konnte ging mein Weg dann eben anders weiter.“

Nie lange an einem Ort

geblieben

Nach ihrer Bielefelder Zeit reiste Joest von einem Engagement zu nächsten Oberhausen, Landsberg und viele mehr. „Man war immer ein Jahr an einem Theater und dann zog man weiter“, beschreibt sie ihr Leben auf der Bühne. So spielte sie 1941 und 42 im heute polnischen Landsberg. „Alle drei Wochen hab ich da eine neue Operette gespielt“, erzählt die 89-Jährige. Hier meisterte sie auch eine ihrer größten Herausforderungen: „Ich spielte die Adele in der Fledermaus. Diese Rolle wird sonst durch die Oper besetzt. Das war eine Rolle mit den schwersten Gesangs-Partien überhaupt.“

Bis 1945 spielte die Winserin trotz des Krieges immer noch an Theatern. Zum Schluss in Kiel. „Dann waren auch die letzten Theater geschlossen und wir mussten das Kriegsende abwarten.“ Ihr Mann fand sie, von der Front in Berlin zurückkommend, in Kiel und schaffte mit ihr den Weg zurück nach Oberhausen. Hier begann die Theaterkarriere von Joest aufs Neue. „Die Leute waren ausgehungert nach etwas Lustigem. Sie wollten den Alltag vergessen“, erklärt Joest. So hätten sie ein fahrendes Theater auf die Beine gestellt. „Damit haben wir eine Menge Geld verdient. Bis zur Währungsreform. Dann konnten wir wieder bei Null anfangen, schon zum zweiten Mal.“

Auch ein Schlaganfall

hält sie nicht auf

Kämpfen hat sie in ihrem langen Leben wirklich gelernt. „Vor 8 Jahren hatte ich einen Schlaganfall und war komplett rechts gelähmt“, erzählt Joest. „Innerhalb von vier Wochen habe ich wieder alles gelernt. Meine Wut über meine Hilflosigkeit hat mir geholfen. Aufgegeben habe ich noch nie.“

Ihre längste Zeit an einem Theater, verbracht Joest in Essen. 20 Jahre spielte sie dort, es kannte sie jeder, sie war ein Star. „Etwa 1000 Mal habe ich die Iduna im Feuerwerk gespielt und ,Oh mein Papa’ gesungen. Langweilig wurde das nie.“ Und das während ihr Mann immer wieder an anderen deutschen Orten als Spielleiter war. „Das ist in dem Beruf nun mal so.“

Ihre letzte Zeit dort pendelte sie aus Hannover. „Dort haben wir ab 1966 in Garbsen gewohnt. Mein Mann hatte die Stelle des Leiters am Gastspielhaus Aegi bekommen.“ Als Wochenendedomizil baute sich die Familie ein kleines Haus in Winsen. Bis ins hohe Alter trat Joest immer wieder an verschiedenen Theatern auf, spielte auf Tourneen. Ihren letzten Bühnenauftritt hatte sie am Celler Schlosstheater 1990 in dem Stück „Hurra, die Deutschen kommen.“ „Ich habe die Oma gespielt. Ob junges Mädchen, lustige und weniger lustige Rollen, am besten haben mir die Rollen als Hexe in Märchen gefallen. Einfach toll mal böse zu sein.“

Lebenslauf

✐Am 31. Juli 1920 in

Altharzdorf bei Reichenberg

in Böhmen geboren.

✐1926 bis 1931 Besuch der

Volksschule in Reichenberg.

✐1931 bis 1935 Besuch der

Bürgerschule

✐1935 bis 1937 Besuch der

Reimann-Schauspielschule

in Berlin.

✐1937 bis 1940 erstes

Engagement am

Stadttheater in Bielefeld .

✐1938 Ehemann

Hans Hermann in Bielefeld

kennen gelernt und

✐1942 am 18. November

geheiratet.

✐1940 bis 1941 Landes-

theater in Detmold

✐1941 bis 1942 Dreisparten-

haus in Landsberg

✐1942 bis 1943 Theater in

Oberhausen.

✐1944 bis 1945 Engagement

in Kiel.

Ende 1945 bis 1948

eigenes Theater im

Ruhrgebiet.

✐bis 1970 Engagements

in Essen.

✐2. Juli 1962 Geburt von

Tochter Manuela in Essen.

✐1966 Umzug nach

Hannover und Kauf eines

Wochenendgrundstückes

in Winsen.

✐1975 Umzug nach Winsen.

✐Seit 1970 Tourneen mit der

Landesbühne und Auftritte

an verschiedenen Häusern.

✐1990 letzter Bühnenauftritt

im Celler Schlosstheater

im Stück „Hurra, die

Deutschen kommen“.

Von Jasmin Nemitz