Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Anmelden
Interview Unausgewogene Ernährung und zu wenig Bewegung
Mehr Interview Unausgewogene Ernährung und zu wenig Bewegung
15:11 13.06.2010
Oberarzt Dr. David Ipsen
Oberarzt Dr. David Ipsen Quelle: Janine Jakubik
Celle Stadt

Immer mehr Menschen leiden an Diabetes. Welche Formen der im Volksmund Zuckerkrankheit genannten Erkrankung gibt es überhaupt und wer sind die Betroffenen?

Die Zahlen der Erkrankten steigen tatsächlich rasant. Waren es im Jahr 2006 weltweit noch 246 Millionen Betroffene, erwarten Experten bis bis zum Jahr 2025 einen Anstieg auf 380 Millionen. Deshalb ist es wichtig und richtig, sich anlässlich des heutigen Weltdiabetestages mit dem Thema auseinander zu setzten und aufzuklären. So ist meist gar nicht bekannt, dass es nicht „den" Diabetes gibt, sondern dass verschiedene Formen der Erkrankung auftreten, die sich sowohl in Ursache als auch Symptomatik deutlich voneinander unterscheiden. Die zwei wichtigsten Diabetesformen sind der sogenannte Typ 1 und der Typ 2 außerdem gibt es Sonderformen, wie beispielsweise die Schwangerschaftsdiabetes.

Wie unterscheiden sich Typ 1 und Typ 2 Diabetes voneinander? Gibt es Unterschiede in der Behandlung?

Der Typ 1 wird auch Insulinmangel-Diabetes genannt. Sie wird auch die jugendliche Diabetes genannt. Aufgrund einer Bauchspeicheldrüsenerkrankung kann der Körper kein Insulin mehr produzieren. Dieses körpereigene Hormon ist bei gesunden Menschen dafür zuständig, Zucker aus der Nahrung über das Blut in die Zellen zu bringen. Funktioniert die Bauchspeicheldrüse nicht mehr, können die Zellen den Zucker nicht mehr aufnehmen. Das führt zu einer Übersäuerung. Wird das nicht rechtzeitig erkannt, kann es zu einer lebensbedrohlichen Situation kommen.

Die Typ 2 Diabetes nennt man auch Insulinresistenzdiabetes. Hier funktioniert die Bauchspeicheldrüse noch teilweise und produziert Insulin, die Körperzellen des Patienten reagieren aber nicht mehr so stark auf das Insulin. Das kann beispielsweise bei starkem Übergewicht der Fall sein.

Wie äußern sich die verschiedenen Formen von Diabetes? Welche Symptome haben die Betroffenen? Und wie sieht die Behandlung aus?

Das ist wieder je nach Art der Diabetes unterschiedlich. Beim Typ 1 kommt es zu einer gefährlichen Stoffwechselentgleisung in Folge dessen der Arzt dann Insulinmangel-Diabetes diagnostiziert. Die Patienten müssen sich dann regelmäßig Insulin spritzen. Auch eine sogenannte Insulinpumpe ist möglich. Über sie wird kontinuierlich eine bestimmte Menge Insulin in den Organismus geleitet.

Typ 2 Diabetes manifestiert sich langsam. Die Zellen reagieren immer unempfindlicher auf Insulin. Symptome, die im Laufe der Zeit auftreten können sind beispielsweise vermehrter Durst zusammen mit einem verstärkten Harndrang. Auch eine stärkere Infektanfälligkeit und einer ungewöhnlich längeren Genesungszeit sind Symptome, die dazu führen sollten, dass die Betroffenen ihren Hausarzt aufsuchen. Leider dauert es durchschnittlich immer noch sechs bis acht Jahre, bis die Erkrankung tatsächlich diagnostiziert wird und erste Therapiemaßnahmen eingeleitet werden können. Steht fest, dass der Patient an einer Diabetes Typ 2 leidet, wird man es zunächst mit einer Umstellung der Ernährung und mehr Bewegung versuchen, eine Verbesserung herbei zu führen. Wenn das nicht genügt, verabreichen wir sogenannte Zuckertabletten. Der nächste Schritt wäre eine Mischtherapie von gespritztem Insulin in Kombination mit Zuckertabletten. Und erst, wenn diese ganzen Therapiemöglichkeiten erschöpft sind, würde man bei einer Typ 2 Diabetes ausschließlich mit zu spritzendem Insulin therapieren.

Eigentlich war Typ 2 Diabetes vornehmlich bei älteren Patienten zu finden. Jetzt sind immer häufiger auch Kinder und Jugendliche davon betroffen. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Durch den westlichen Lebensstil werden immer mehr Kinder und Jugendliche übergewichtig. Sie ernähren sich nicht ausgewogen, konsumieren viele Fertigprodukte. Dazu kommt ein immer größer werdender Bewegungsmangel. Computerspiele und Fernsehen ersetzen das Spielen draußen bei Wind und Wetter. Das führt natürlich dazu, dass die betroffenen Kinder mit Krankheiten zu tun habe, die vor wenigen Jahren gänzlich untypisch für diese Altersklasse waren. Deshalb ist eine umfassende Aufklärungsarbeit in Kindergärten, Schulen und auch bei den Eltern enorm wichtig, um diesem Trend gezielt entgegen zu wirken.

Mit welchen Folgeschäden muss ein Patient rechnen, der an Diabetes erkrankt ist?

Ein Patient mit einer Insulinresistenzdiabetes muss eben nicht nur regelmäßig seine Zuckertabletten nehmen. Es ist auch notwendig, dass er seinen Stoffwechsel regelmäßig von einem Arzt kontrollieren lässt, damit man die Medikamentengabe auf seinen jeweiligen Gesundheitszustand optimal abstimmt.

Häufig auftretende Folgeschäden sind beispielsweise Schäden der Nerven. So wird die Ummantelung der Nerven im Laufe der Krankheit immer weiter abgebaut. Das ist wie bei einem Kabel, bei dem die Isolierung zerbröselt. Es kommt zu einem Leistungsverlust. Das kann sogar soweit führen, dass der Patient in seinen Füßen nichts mehr fühlen kann. Hat er dann einen Stein im Schuh, den ein gesunder Mensch sofort entfernen würde, weil es drückt, merkt der Diabetiker das gar nicht. Er lässt den Stein im Schuh, was schlimmstenfalls zu erheblichen Entzündungen führen kann. Manchmal kann ist in solchen Fällen sogar notwendig werden, den entzündeten Fuß zu amputieren. Auch kann es im Laufe einer Diabetes zu einer Schädigung der Niere kommen. Auch Augenschäden sind möglich.

Seit kurzem haben Sie die Berechtigung, eigenständig Diabetologen im AKH auszubilden. Wird Diabetologie ein immer wichtigeres Feld im medizinischen Alltag?

Dadurch, dass die Zahl der Betroffenen rasant ansteigt und noch kein Anhalten dieser Entwicklung absehbar ist, wird die Arbeit von Experten in der Behandlung von Zuckerkranken immer stärker nachgefragt werden. Deshalb ist es uns wichtig, Mediziner auf diesem Gebiet fortzubilden. Außerdem arbeiten wir stark mit Experten anderer Fachgebiete zusammen. Beispielsweise im Fall der Schwangerschaftsdiabetes mit der Kinder- und Frauenklinik. Und selbstverständlich auch mit den niedergelassenen Kollegen, die ja meist die Erstdiagnose stellen.

Von Janine Jakubik