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Interview „Krach während der Schlafenszeit ist problematisch“
Mehr Interview „Krach während der Schlafenszeit ist problematisch“
13:53 13.06.2010
Dr. Peter Hannemann erklärt im CZ-Interview Auswirkungen auf Körper und Psyche der Anwohner.
Dr. Peter Hannemann erklärt im CZ-Interview Auswirkungen auf Körper und Psyche der Anwohner. Quelle: Peter Müller
Celle Stadt

Wie reagiert der menschliche Körper auf andauernden Lärm?

Lärm wird als Störung empfunden. Lärm kann dazu führen, dass eine Verständigung nicht mehr möglich ist und bei den Betroffenen in Anspannung und Reizbarkeit resultieren. Besonders problematisch ist jedoch eine Lärmbelastung während der Schlafenszeit, da Lärm zu kurzen Weckreaktionen führt, sogenannten „Micro-Arousals“. „Micro-Arousals“ werden vom Schlafenden gar nicht wahrgenommen, führen aber dazu, dass die für die Erholfunktion des Schlafes notwendigen Tiefschlafphasen deutlich abnehmen. Die Folge: Die Betroffenen sind morgens nicht ausgeschlafen und müssen sich anstrengen, wach zu bleiben. Denkvermögen, Aufmerksamkeit und geistige Wendigkeit lassen nach. Viele Menschen reagieren mit erhöhter Reizbarkeit, vermehrter Ängstlichkeit, depressiver Verstimmung oder mit Kopfschmerzen und Augenbrennen.

Welche Auswirkungen haben die nächtlichen Lärmbelästigungen an der Celler Bahnunterführung auf den Organismus der Anwohner?

Meine Familie ist gerade erst nach Celle gezogen, so dass wir über manche Einzelheiten der Baumaßnahmen und die damit verbundenen nächtlichen Lärmbelastungen noch nicht so viel mitbekommen haben. Wenn die Lärmbelästigung ein gewisses Ausmaß überschreitet und sich die Anwohner nicht dadurch der Lärmbelastung entziehen können, dass sie beispielsweise ihren Schlafraum in ein Zimmer verlegen, das weiter von der Geräuschquelle entfernt ist, oder sich durch „Ohrenstöpsel“ schützen, kann es prinzipiell zu den eben genannten Befindlichkeitsstörungen kommen.

Wie sieht es mit der Psyche aus?

Schlafstörungen können Denkstörungen und Depressionen verursachen. Das Nachlassen der Leistungsfähigkeit kann zu Konflikten im Berufs- und Privatleben führen, was dann wiederum die depressive Stimmungslage weiter verschlimmern kann.

In einigen Fällen leiden Anwohner, darunter angehende Auszubildende, unter Schlaflosigkeit. Sie klagen bereits jetzt über Müdigkeit am Tag. Welche Auswirkungen kann der regelmäßige Schlafentzug haben?

Regelmäßiger Schlafentzug erhöht neben den genannten Auswirkungen das allgemeine Unfallrisiko, begünstigt Infekte und erhöht das Risiko, einen Bluthochdruck zu entwickeln. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Betroffene häufiger unter sozialen Konflikten leiden und dass das Risiko für Alkohol- und Medikamentenmissbrauch steigt.

Welchen Einfluss haben die Lärmbelästigungen auf den Schlaf, die Gesundheit und die Psyche von Kindern?

Für Kinder gilt das Gleiche wie für Erwachsene; Schlafentzug führt bei Kindern jedoch insbesondere zu Gedächtnis- und Lerndefiziten: Anspruchsvolle Denk- und Lernprozesse fallen dann besonders schwer.

Was empfehlen Sie den Menschen, die Nacht für Nacht den Baulärm ertragen müssen? Wie können sie sich schützen?

Die Möglichkeiten, sich vor Lärm zu schützen, sind begrenzt: Wenn es möglich ist, den Schlafbereich in einen Teil der Wohnung zu verlegen, der weniger von Lärm betroffen ist, ist dies eine sehr sinnvolle Maßnahme. Im Medizinalhandel gibt es unterschiedliche „Ohrenstöpsel“, die sich dem Gehörgang anpassen und die Lärmeinwirkung vermindern.

Ist Lärm heutzutage ein ernstes Umweltproblem?

Lärm ist definiert als ein unerwünscht hoher Geräuschpegel, der – je nach Intensität – belästigend oder gesundheitsschädigend sein kann. Lärm ist ohne Zweifel ein sehr ernstes Umweltproblem, wobei Verkehrslärm, Lärm aus industriellen Anlagen und Nachbarschaftslärm eine wesentliche Rolle spielen. Trotz zahlreicher gesetzlicher Vorgaben zur Verminderung von Lärmimissionen, zum Beispiel für PKWs, hat sich die Gesamtsituation in den letzten beiden Jahrzehnten nur unwesentlich geändert, weil beispielsweise die Vorschriften für die Lärmimission durch Autos strenger geworden sind, aber andererseits die Gesamtzahl der PKWs zugenommen hat.

Von Christian Uthoff