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Interview „Für jedes Kind die passende Lösung finden“
Mehr Interview „Für jedes Kind die passende Lösung finden“
13:35 13.06.2010
Dr. Andreas Seidel, Ärztlicher Leiter SPZ
Dr. Andreas Seidel, Ärztlicher Leiter SPZ Quelle: Janine Jakubik
Celle Stadt

Seit zehn Jahren gibt es das Sozialpädiatrische Zentrum (SPZ) in Celle. Was sind eigentlich die Kernaufgaben dieser Einrichtung und an wen richtet sich das Angebot?

Sozialpädiatrische Zentren sind überregional tätige Fach­ambulanzen für entwicklungsgestörte und behinderte Kinder und Jugendliche, in denen verschiedene Fachleute interdisziplinär unter einem Dach zusammen arbeiten. Das erste SPZ wurde 1968 in München gegründet, heute gibt es 120 solcher Zentren in Deutschland.

Wie kann man sich das konkret vorstellen? Mit welchen Erkrankungen kommen die Kinder zu ihnen und was passiert dann mit ihnen?

Die Kinder werden meist von ihrem Kinderarzt oder dem Hausarzt zu uns überwiesen. Das Spektrum der Erkrankungen reicht von Aufmerksamkeitsstörungen über Entwicklungsstörungen bis hin zur neurologischen Erkrankungen, wie beispielsweise Epilepsie. Je nachdem, mit welcher Fragestellung der Patient zu uns kommt, werden die entsprechenden Fachleute von uns an der Untersuchung beteiligt. Zu unserem Team gehören Ärzte, Psychologen sowie Therapeuten aus den Bereichen Logopädie, Ergotherapie, Physiotherapie, Psychotherapie und Urotherapie und unsere medizinischen Fachangestellten.

Zusammen arbeiten wir dann einen Behandlungsplan für das Kind aus. Wichtig dabei ist, dass wir immer auch auf die Lebenssituation und die Möglichkeiten der Familie sowie Wohnortnähe achten.

An diesem Sonnabend findet das jährliche Herbstsymposium des SPZ statt. Thema „Beeinträchtigungen erkennen, Entwicklung fördern, Ressourcen stärken“. Worum geht es genau?

Dabei stehen die Themen Förder- und Risikofaktoren der Kindesentwicklung im Vordergrund. Dazu haben wir sehr interessante Referenten eingeladen. Beispielsweise wird im Vortrag von Prof. Sieglinde Ellger-Rüttgardt die UN-Behindertenrechtskonvention und ihre Bedeutung für das System der sonderpädagogischen Förderung dargestellt. Dies ist ein neues und besonders spannendes Thema.

Aktuell ist es in Deutschland immer noch so, dass der Großteil der betroffenen Kinder in Förderschulen unterrichtet werden. Dabei zeigen Studien, dass es für alle Beteiligten von Vorteil sein kann, wenn eine integrative Lösung angestrebt wird. Das behinderte Kind kann auf diese Weise wohnortnah unterrichtet werden und hat die Möglichkeit an dem ganz normalen Alltagsleben in der Schule und am Wohnort teilzuhaben. Aber auch für die nicht behinderten Kinder hat der integrative Unterricht viele Vorteile. Sie stärken ganz klar ihre Sozialkompetenz und lernen für Schwächere einzustehen. Ihre Leistungsfähigkeit wird dabei nicht beeinträchtigt.

Welche Voraussetzungen sollten in den Schulen erfüllt werden, damit ein integrativer Unterricht gut funktionieren kann und alle Beteiligten von der Situation profitieren können?

Dies ist natürlich eigentlich eine Frage an den Pädagogen und nicht an den Kinderarzt. Allgemein ist zu sagen, dass die Schulen in denen integrativ gearbeitet, also das gemeinsame Unterrichten von Behinderten und nicht behinderten Kindern praktiziert werden soll, zum Beispiel die räumlichen Voraussetzungen den neuen Anforderungen angepasst werden müssen, zum Beispiel, wenn ein Rollstuhlfahrer eine solche Schule besucht. Es bedarf einer Zusammenarbeit der Lehrer aus der Regelschule sowie der Sonderpädagogen vor Ort. Das Beispiel der integrativen Kindergärten hat gezeigt, dass gemeinsame Bildung und Erziehung möglich sind. In den meisten skandinavischen Ländern ist eine integrative Beschulung seit vielen Jahren die Normalität. Trotzdem wird das Bildungssystem meiner Meinung nach nicht ganz ohne besondere Fördereinrichtungen auskommen.

Oft gewinnt man den Eindruck, dass die Zahl der Kinder, die an Aufmerksamkeitsdefiziten leiden, zunimmt: Stichwort ADHS. Wie beurteilen Sie diese Tendenz?

Man kann allgemein davon ausgehen, dass etwa fünf Prozent der Kinder eines Jahrgangs eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung haben. Das stimmt dann aber ganz klar nicht mit dem Eindruck überein, der in der Öffentlichkeit oft erweckt wird, dass die Fallzahlen deutlich steigen. Denn die Diagnose ADHS geht über die simple Gleichung, das Kind ist zappelig und hat Probleme sich zu konzentrieren, dann muss ja ADHS dahinter stecken, deutlich hinaus.

Was sich in den letzten zwanzig Jahren aber deutlich verändert hat ist, dass die Kinder tendenziell immer weniger Alltagserfahrungen sammeln, die früher ganz selbstverständlich waren. Gemeinsame Mahlzeiten im Kreis der Familie werden seltener, die Kinder bewegen sich immer weniger. Dafür nimmt der Medienkonsum schon bei den Kleinsten drastisch zu. Das schlägt sich natürlich auf die kindliche Entwicklung nieder. Störungen der Aufmerksamkeit können auch durch schlechte Entwicklungsbedingungen bedingt sein. Da müssen wir meiner Ansicht nach auch ansetzten und möglichst früh anfangen, Familien und Kindern bei Bedarf Hilfe zukommen zu lassen. Langfristig zahlt sich eine gelungene Präventionsarbeit immer aus.

Von Janine Jakubik