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Interview Freiwillige in Celle: "Die innere Tür ist immer offen"
Mehr Interview Freiwillige in Celle: "Die innere Tür ist immer offen"
17:42 04.12.2015
    IdW: Simone Welzien zum Ehrenamtlichentag am Samstag
    IdW: Simone Welzien zum Ehrenamtlichentag am Samstag Quelle: Alex Sorokin
Celle Stadt

Laut Freiwilligensurvey engagieren sich rund 41 Prozent der Niedersachsen in ihrer Freizeit. Wer sind die Ehrenamtlichen?

Wir sprechen lieber von freiwilligem Engagement, weil dabei betont wird, dass derjenige aus freien Stücken etwas tut, was sich für die Gesellschaft auszahlt. Dabei geht es querbeet durch die Branchen. Oft sind es Menschen, die bereits aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind und mitunter körperliche Einschränkungen haben. Mit einem Ehrenamt wollen sie ihrem Alltag eine Struktur geben. Auch Menschen, die einen Teilzeitjob haben, engagieren sich häufiger. Wir haben auch festgestellt, dass sich mehr Frauen als Männer einbringen. Aber zum Beispiel auch eine vollberufstätige Frau möchte gern etwas zurückgeben. Eine sagte neulich zu uns: "Ich habe so viel Gutes erlebt, ich möchte etwas zurückgeben."

Was haben die Ehrenamtlichen von ihrem Engagement?

Jeder, der hier arbeitet, muss es nicht. Die Ehrenamtlichen engagieren sich gemeinnützig, anders als im Wirtschaftsunternehmen. Sie freuen sich, dass sie sinnvolle Dinge tun können. Das gibt ihnen auch ein Stück Authentizität, beantwortet also die Frage nach dem "Wer bin ich?". Sie können damit ein Stück Demokratie und Gesellschaft leben. Wir im KESS haben auch eine Netzwerkfunktion. Immer wenn wir jemanden kennenlernen, entsteht auch ein Stück regionale Identität, ein Gefühl von Zuhause.

In den Vereinen hört man oft von Nachwuchsproblemen. Engagieren sich auch junge Menschen?

Ganz bewusst gehen wir nicht mit einer zu hohen Erwartungshaltung an sie heran. Wir wissen, dass sich oft auf der Reise sind. Das gehört zum Erwachsenwerden dazu. Wir haben auch noch nicht von Problemen mit den Arbeitgebern gehört. Weil ihnen ein Helfersystem wie das der freiwilligen Feuerwehr zugute kommt, haben sie meist Verständnis, wenn der Alarm losgeht. Wir sehen uns in der Rolle der Reisebegleiter. Wer sich bei uns engagiert, bekommt Einblick in Politik und die Arbeit als Team. Einige Praktikanten melden sich nach vielleicht zehn Jahren wieder. Dann freuen wir uns, wenn sie wieder zu uns kommen.

Was ist die Aufgabe der hauptamtlichen Mitarbeiter im KESS?

Wichtig ist ein klärendes Gespräch vor Beginn des Engagements, damit beide Seiten langfristig etwas voneinander haben. Die Profis der sozialen Arbeit schauen, ob Geben und Nehmen im Einklang sind. Es wird gezielt gefragt, was derjenige gerne tun möchte und gleichzeitig, was jemand auf keinen Fall mehr tun möchte. Es ist wichtig, dass Aufgaben und Menschen zusammenpassen. Wenn jemand nicht das zurückbekommt, was er sich wünscht, meldet sich schnell der innere Schweinehund.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Wenn jemand in psychotherapeutischer Behandlung ist, wird geschaut, dass die Personen nicht in Situationen kommen, die ein Trauma verstärken könnten. Die Frage ist, was wir wem zumuten können. Es wäre auch unsensibel, eine Frau mit unerfülltem Kinderwunsch eine Schwangere begleiten zu lassen. Beim Helfen kommt man oft in den Tiefen des Lebens an.

Haben Ehrenamtliche ein Helfersyndrom?

Manchmal haben Freiwillige falsche Erwartungen, dann müssen wir den Druck herausnehmen. Wir sprechen mit ihnen über das Ziel ihrer Aufgaben. Bei der Hausaufgaben-Begleitung geht es zum Beispiel nicht darum, für das Kind die Aufgaben zu übernehmen. Nach Montessori braucht man also so viel Hilfe wie nötig und so wenig wie möglich. Es ist wichtig zu fragen: Darf ich dir helfen? Sonst gibt es Missverständnisse.

Bei der aktuellen Flüchtlingswelle sind Städte und Gemeinden auf freiwilliges Engagement angewiesen ...

Dabei ist es wichtig zu wissen, dass gesetzlich verankert die Verwaltung die Verantwortung trägt. Auch eine professionelle Koordination ist notwendig und kostet Geld. Die Ehrenamtlichen sind nicht schuld, wenn etwas nicht funktioniert und zusammenbricht. Wenn ich etwas nicht mehr möchte, steht mir immer die innere Tür offen, durch die ich gehen kann. Deswegen darf man keinen Druck aufbauen.

Ein anderes Beispiel in Celle ist die Weihnachtsbeleuchtung.

Genau. Ich als Einzelner bin nicht schuld, dass es keine Beleuchtung mehr gibt. Aber ich darf hinterher nicht jammern, wenn ich doch so gern eine Beleuchtung gehabt hätte.

Von Dagny Rößler