Weltfrauentag

„Alles macht der Mann“

Welche Bedeutung hat der Weltfrauentag am 8. März hat bei den Cellern? Wir haben uns umgehört.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 07. März 2019 | 13:55 Uhr
  • 12. Juni 2022
  • Von Cellesche Zeitung
  • 07. März 2019 | 13:55 Uhr
  • 12. Juni 2022
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Celle.

Kein Geburtstag, keine bestandene Prüfung – und dennoch eine Gratulation. Womit hat man sie am 8. März verdient? Mit dem Frausein – ganz einfach. Eine schöne, aber für deutsche Verhältnisse – zumindest in den alten Bundesländern – ungewohnte Geste, jedoch eine Selbstverständlichkeit für russische Männer.

Festtag für Frauen in Osteuropa

Am Freitag ist Weltfrauentag und diesen machen die Herren der Schöpfung in Osteuropa zum Festtag für die Frau. „Dieses Datum ist Weihnachten, Valentinstag, Geburtstag, Muttertag – alles in einem“, erläutert die Vorsitzende der Deutsch-Russischen Gesellschaft Celle, Evgenia Panteleeva-Stammen. „Alles macht der Mann“, ergänzt die Malerin und Kunstpädagogin Elena Schick, die vor rund 20 Jahren ihre Heimat Russland verließ. Die Vorbereitungen sind vergleichbar mit denen für Weihnachten in Deutschland. Möglichst unauffällig werden Geschenke besorgt und gut versteckt, bis der große Tag da ist. Bereits der 7. März ist am Nachmittag arbeitsfrei. Dann werden die Mitarbeiterinnen in den Betrieben mit Blumen beschenkt. „Das geht schon in den Kindergärten und Schulen los, da wird gebastelt und gemalt“, berichtet Schick.

Ob Mutter oder nicht spielt keine Rolle

„Es hört auch im Altersheim nicht auf“, fügt Panteleeva-Stammen hinzu. Sie hat sich extra noch mal in Moskau bei ihren Freundinnen erkundigt, ob sich etwas verändert habe. „Noch viel mehr geworden. Wir haben mittlerweile auch Valentinstag noch zusätzlich im Programm“, antworteten diese. „Die Russen feiern alles gerne“, kommentiert Panteleeva-Stammen, „aber der 8. März ist rausgehoben. Es gibt drei hohe Feiertage: Neujahr, 9. Mai und 8. März.“ Die Männer danken den Frauen, feiern sie – ob Mutter oder nicht spielt keine Rolle. Schwester, Kollegin, Schwiegermutter, Freundin, Lehrerin, Ehefrau – alle bekommen Blumen und kleine Geschenke. „Die Männer haben Stress mit der Vorbereitung“, erklärt Schick vor einem Blumenbild stehend. Blumen sind ein wichtiger Bestandteil, der 8. März ist ein Frauen-Blumenfest, sagt die Kunstpädagogin. Abends stehen dann Restaurantbesuche auf dem Programm, Live-Musik ist wichtig, am Tisch werden Gedichte vorgetragen, Trinksprüche ausgebracht, und es wird getanzt.

"Wir haben das vermisst"

„Es war ein regelrechter Schock“, erinnert sich die Germanistin Panteleeva-Stammen an ihren ersten Weltfrauentag in Deutschland Anfang der 1990er Jahre. Der Tag verlief wieder jeder andere. „Wir haben das vermisst“, sagt Schick, „ich dachte, es ist überall wie bei uns.“

Es gibt ihn ja auch in Deutschland, die Ursprünge des Frauentages sind international, aber in Russland kommt eine Besonderheit hinzu. Die Februarrevolution, die die Zarenherrschaft beendete, wurde im Jahr 1917 von Arbeiterinnen, Ehefrauen von Soldatinnen und Bäuerinnen ausgelöst, die auf die Straße gingen und aufmerksam machten auf die Unterversorgung mit Lebensmitteln und andere Folgen des Ersten Weltkriegs. Um diese Rolle zu würdigen, wurde 1921 in Moskau offiziell der 8. März als internationaler Gedenktag eingeführt.

Kämpfen für das Wahlrecht"

„Nein, der spielt für mich keine Rolle“, lautet die typische Antwort bei einer Umfrage in der Celler City im Vorfeld des Termins. Dabei war sein Ausgangspunkt von größter Bedeutung für alle Frauen weltweit. Es ging um das Wahlrecht für beide Geschlechter und Gleichberechtigung. Die Idee, einen nationalen Kampftag für das Frauenwahlrecht einzurichten, stammte aus den USA, wo weibliche Mitglieder der Sozialistischen Partei und bürgerliche Frauenrechtlerinnen 1909 erstmals gemeinsam für ihr Stimmrecht demonstrierten. Die deutsche Sozialistin Clara Zetkin orientierte sich an der erfolgreichen Aktion, als sie auf der zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz 1910 in Kopenhagen vorschlug, einen internationalen Frauentag ins Leben zu rufen. Am 19. März 1911 war Premiere.

Das Ende des Ersten Weltkrieges markierte eine Wende. Im Jahr 1919 durften Frauen in Deutschland zum ersten Mal wählen, ein Ziel war erreicht, auf den Kampftag wollte man jedoch nicht verzichten, veranstaltete aufgrund der Spaltung der Sozialistischen Bewegung in KPD und SPD am Beginn der Weimarer Republik sogar zwei. Bei den Nationalsozialisten hatte ein auf das Engagement von Sozialistinnen zurückzuführender Gedenktag keine Chance, sie verboten ihn offiziell und führten stattdessen den Muttertag ein, der ihrem Frauenideal weit mehr entsprach.

Vereinte Nationen tragen zu Belebung bei

Er überlebte das Dritte Reich, der Frauentag verlor hingegen im Westen des geteilten Deutschlands schnell an Bedeutung, in der DDR erhielt der Ehren- und Gedenktag den Charakter einer ideologisch überlagerten sozialistischen Veranstaltung. In der Bundesrepublik gewann der 8. März mit dem Aufkommen der neuen Frauenbewegung Ende der 1960er Jahre etwas von seinem ursprünglichen Format zurück. Die Vereinten Nationen trugen zur Wiederbelebung bei, indem sie der bereits 1910 in Kopenhagen festgeschriebenen internationalen Prägung Nachdruck verliehen. 1977 verabschiedeten sie eine Resolution, die alle Staaten darum bat, einen Tag des Jahres zum Tag für die Rechte der Frauen und des Weltfriedens zu erklären. Auf nationaler Ebene verlieh die deutsche Wiedervereinigung neuen Schwung.

Frauentag in Celle

„Von Kolleginnen, die aus Ostdeutschland stammen, weiß ich, dass am 8. März Blumen verschenkt werden. Aber Bedeutung hat das für mich nicht. Ich erwarte keine Blumen, keine Geschenke, nichts“, sagt Jennie Lehmann in der Celler City. Fest verankert hat sich der Gedenktag in den Köpfen des weiblichen Teils der Bevölkerung in den alten Bundesländern nicht, obwohl es seit 1994 wieder Veranstaltungen, Demonstrationen für Frauenrechte und Vorträge in größerer Zahl gibt.

Auch in der Herzogstadt steht am Freitag einiges auf dem Programm. Der Verein Frauenräume in Celle lädt in Zusammenarbeit mit dem Mehrgenerationenhaus ab 16 Uhr zu Vorträgen und geselligem Miteinander ein. „Die Frau ist doch immer noch in einer Sandwich-Position zwischen Beruf und Familie. Pflege und Kinder werden immer noch eher als Frauensache angesehen“, sagt die pädagogische Leiterin des Mehrgenerationenhauses, Kordula Sommer, im Vorfeld des Events. Aber es geht ihr und der Vorsitzenden des Vereins nicht nur um die aktuelle Situation, sondern auch um die Würdigung der Vorkämpferinnen. „Die Frauen, die sich schon vor Jahrzehnten engagiert haben, zum Beispiel im Stadtrat, habe ich bereits damals sehr bewundert“, blickt Stumpf auf Zeiten zurück, als der Mann noch damit einverstanden sein musste, dass die Ehefrau arbeitet und den Arbeitsvertrag mit unterzeichnete. „Ich bin mir der Entwicklung sehr bewusst“, betont Sommer.

Veränderungspotenzial für die Zukunft

Dennoch gibt es noch viel Veränderungspotenzial für die Zukunft. Egal ob der Schwerpunkt auf dieser Perspektive oder der Historie dessen, was schon erreicht wurde, liegt, der Ansatz ist rational ausgerichtet und damit ein völlig anderer als im osteuropäischen Raum. Ob sich Männer zu den lokalen Veranstaltungen anlässlich des Frauentages einfinden, wird sich zeigen. Sicher ist ihre Anwesenheit bei den privaten Feiern der russischsprachigen Celler Community. „Ja, natürlich sind Männer dabei“, sagt Evgenia Panteleeva-Stammen, „sonst könnten sie den Frauen doch nicht zeigen, dass sie die Krone der Schöpfung sind.“

Von Anke Schlicht

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