Wald durch Hitze bedroht

Im Würgegriff des Klimawandels

Der Klimawandel bedroht den deutschen Wald. Forstleute tüfteln an Strategien, um die Bestände mit Neupflanzungen widerstandsfähiger Sorten zu sichern.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 24. Apr. 2019 | 12:48 Uhr
  • 12. Juni 2022
  • Von Cellesche Zeitung
  • 24. Apr. 2019 | 12:48 Uhr
  • 12. Juni 2022
Anzeige
Bergen.

Die müssen raus!“, deutet Philip Winkel auf die mit knallroter Farbe gekennzeichneten Fichten. Die Bedrohung durch Schädlinge wie den Borkenkäfer bereite ihm und den Waldbesitzern große Sorgen, sagt Bezirksförster Winkel anlässlich des heutigen „Tags des Baumes“. Immerhin beträgt der Fichtenanteil des von ihm betreuten Waldbestandes mehr als ein Drittel. „Und die Fichten sind besonders vom Buchdrucker und vom Kupferstecher gefährdet.“

Außerdem: „Das Sturmtief Bennet hat in der Bezirksförsterei Bergen am Rosenmontag erheblichen Windwurf verursacht, der in den Wäldern jetzt aufgearbeitet werden muss“, sagt der Förster der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, Philip Winkel. Er ist für die Privat- und Kommunalwälder in den Gemarkungen Bergen, Belsen, Offen, Sülze, Eversen, Diesten und Teile von Hassel und Walle zuständig. Lange Zeit hatten die hochmechanisierten Harvester das Schadholz nicht beseitigen können, weil es zu nass war. Jetzt ist es im Wald viel zu trocken, jetzt drängt die Zeit: Steigende Temperaturen und zunehmende Sonnenstunden fördern die Entwicklung der beiden Käferarten, mahnt Winkel. „Durch die starke Trockenheit, lange Sonnenstunden und fehlende Niederschläge des Vorjahres stehen die Bäume vor allem auf den normalerweise gut wasserversorgten Standorten erheblich unter Trockenstress. So haben die Käfer ein leichtes Spiel, denn die Abwehrkräfte der Bäume sind stark geschwächt.“

Waldfläche im Kreis Celle: 70.000 Hektar

Der deutsche Wald ist insgesamt akut bedroht. Und damit auch alle Leistungen, die der Wald für die Gesellschaft erbringt. Diese gehen über die wichtige Rohstoffbasis hinaus und schließen auch die Erholungsleistungen, die Schutzfunktion und den Lebensraum Wald ein.

Dabei dient der Wald vielen Eigentümern als wirtschaftliche Existenzgrundlage. Auch im Kreis Celle, denn die forstwirtschaftliche Nutzfläche beträgt hier rund 70.000 Hektar. Allein für 3850 Hektar Privatwald ist Bezirksförster Philip Winkel seit zwei Jahren zuständig. Kürzlich wurden fünf Hektar Wald weggenommen, die vom Vorjahr stark gebeutelt waren: „Es ist Eile geboten! Manchmal hilft nur der radikale Weg, um Schlimmeres für umliegende Waldbestände zu vermeiden.“

Solche Ereignisse wie die Dürre 2018, Waldbrände, Stürme und auch die damit verbundene Bedrohung durch Borkenkäferbefall nehmen starken Einfluss auf die Bestände. „Wie brisant die Lage ist, hat die Öffentlichkeit noch gar nicht zur Kenntnis genommen“, stellt Niels Zukowski von der Forstbetriebsgemeinschaft Celler Land mit Bedauern fest. Der Diplom-Forstingenieur beziffert die Schadereignisse in Deutschland auf rund 5,5 Milliarden Euro. „Die Schäden wirken sich auf die Holzpreise aus: Die sinken.“ Da sei die geplante Förderung zur Beseitigung neuartiger Waldschäden in Höhe von 25 Millionen Euro für ganz Deutschland auf fünf Jahre verteilt nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Diese absolut unzureichende, ja fast lächerliche Summe zeige, wie wenig Kenntnis der prekären Situation selbst in der Politik herrsche. „Es ist schwer abzusehen, was da noch kommt“, denkt Zukowski an den Borkenkäferbefall insbesondere der Fichtenbestände. „Es kommt eine Menge, das ist noch nicht vorbei, denn viele Käfer haben im Waldboden und auch unter der Rinde überwintert. Wir gehen von einem vielfachen Aufkommen des Käfers in diesem Jahr aus: Das Problem ist riesengroß!“

Wald in Deutschland meist in Privathand

Der größte Waldanteil in Deutschland liegt in privater Hand und ist überwiegend klein strukturiert und zersplittert. Rund die Hälfte der Privatwaldfläche teilen sich über eine Million Familienbetriebe mit weniger als 20 Hektar.

Beim Bundeskongress von Vertretern des Kleinprivatwaldes in Wernigerode, kamen kürzlich Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet zusammen. Sie sprachen vom „Wald im Würgegriff des Klimawandels“: Der deutsche Wald sei akut bedroht. „Das Katastrophenjahr 2018 hat mit seinen Stürmen, der langanhaltenden Dürre und durch verschiedene Schadinsekten dem deutschen Wald zugesetzt. Eine Waldfläche, 250-mal so groß wie der Hambacher Forst, ist bereits heute abgestorben. Zurück bleiben große Kahlflächen in unseren wertvollen Erholungswäldern. Die vielfältigen Leistungen, die der Wald für unsere Gesellschaft erbringt, sind von großflächigem Absterben sowie der Schwächung der restlichen Wälder enorm bedroht“, heißt es in einer verabschiedeten Resolution. Neben der wichtigen Erholungsfunktion seien auch die Nutz- und Schutzfunktionen der Wälder in Gefahr. „Ohne Hilfe werden unsere gewohnten Waldbilder aus der Landschaft verschwinden. Zudem verlieren wir den Wald als stärkste Waffe gegen den Klimawandel“, stellten die Waldbesitzer fest.

Sie sehen sich in der Verantwortung, die Wälder wiederaufzubauen. Dafür müssen mindestens 250 Millionen junge Bäume gepflanzt werden. „Wir wollen auch künftigen Generationen einen intakten Wald hinterlassen.“

Informationen

„Wann fangen wir endlich an, Klimaschutz ernst zu nehmen?“, fragte kürzlich der Präsident des Deutschen Forstwirtschaftsrates, Georg Schirmbeck. Hintergrund war die Vorlage des Klimaschutzberichtes 2018, aus dem hervorgeht, dass die festgelegten Ziele für den Klimaschutz 2020 um acht Prozent unterschritten werden.

„Das letzte Jahr hat nachdrücklich gezeigt, welche verheerenden Folgen der Klimawandel für Wald und Waldbesitzende hat: Über 70 Millionen Kubikmeter Schadholz in Europa und Schäden in Milliardenhöhe sind eine erste Bilanz, die uns konkret beunruhigt.“ Was Menschen bereits heute erleben, sei eine rasche Veränderung ihres gewohnten Umfeldes und Landschaftsbildes, so Schirmbeck. „Damit verbunden sind Einschränkungen im Erholungswert sowie der zeitweise Verlust weiterer Schutzeigenschaften des Waldes.“ (lhb)

Von Lothar H. Bluhm

Von