Recycling in Eicklingen

So will Branche Plastikmüll neues Leben geben

Auf dem Firmengelände der Ressel GmbH in Eicklingen zeigt eine Plastik-Reinigungsanlage die Lösung für das Müllproblem. So funktioniert der innovative Prozess.
  • Von Lothar H. Bluhm
  • 30. Sept. 2021 | 12:14 Uhr
  • 30. Sept. 2022
  • Von Lothar H. Bluhm
  • 30. Sept. 2021 | 12:14 Uhr
  • 30. Sept. 2022
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Eicklingen.

Düsseldorf, Stuttgart, Köln, Braunschweig, Münster – die Liste der Zulassungsstellen der Besucherfahrzeuge auf dem Firmenparkplatz ist lang. Rund 80 Fachleute aus dem Bundesgebiet nehmen jetzt an der Fachtagung „Zukunft zum Anfassen“ der Ressel GmbH in Eicklingen teil. Fachleute aus der Kunststoff-Branche.

Stephan Damer ist stolz und zufrieden. Der Chef des niederländischen Unternehmens Blue-Plastics in Eindhoven präsentiert den interessierten Tagungsbesuchern seinen Prototyp einer Plastikreinigungsanlage. In einer Stunde kann die Maschine zehn Kilo Kunststoff von Farben und Beschichtungen reinigen und für die folgenden Recyclingschritte vorbereiten. „Das ist eine weiße Folie, die mit acht verschiedenen Farben bedruckt ist“, beschreibt er das geschredderte Ausgangsmaterial, das an Konfetti erinnert.

„Wenn man das unbehandelt in ein Recyclat eingibt, kommt ein graues Material raus.“ Das sei aber auf dem Markt nicht gefragt, weil man weißes Material haben will und genauso bedrucken möchte. „Wenn wir dann aber die Farbe abwaschen können, kommt da wieder eine weiße Folie raus, die man dann auch wieder als weiße Folie einsetzen, regranulieren kann.“ So könne das recycelte Material einer Neuware durchaus Konkurrenz machen. So könne man den Stoff sieben Mal benutzen, ohne dass er schlechter wird. Plastik sei eigentlich viel zu gut, um nur einmal verwendet zu werden, findet der niederländische Experte und beeindruckt so die Besucher der Fachtagung.

Kosten von 350 Euro zum Waschen von Folie

Es breitet sich der leichte Geruch nach Lösungsmitteln aus, als Technikmanager Will Huiveneers den Prototypen in Betrieb nimmt: „Das Recyceln ist viel günstiger. Wir brauchen viel weniger Energie. Wir haben ein System mit einem organischen Lösungsmittel, das wenig Energie braucht, um in die Dampfphase zu gehen.“ So koste es rund 350 Euro, eine Tonne Folie mit Wasser zu waschen. Die Behandlung in der neuen Anlage sei hingegen kostengünstiger und man spare CO2-Ausstoß und Energie – bei einem besseren, saubereren Endresultat.

Gastgeber Michael Ressel, Geschäftsführer der Ressel GmbH Kunststoffverpackungen, sieht in der Pilotanlage eine zukunftsweisende Entwicklung: „Wir müssen weg von der Wegwerfgesellschaft. Wir müssen unsere Ressourcen und Rohstoffe besser schützen und wiederverwerten. – Stichwort Kreislaufwirtschaft.“ Nach der Fachtagung „Reizthema Kunststoff“ vor zwei Jahren hat er sich zu diesem zweiten Event entschlossen: „Von Fachleuten für Fachleute. Nur wenige Mitarbeiter mit jahrelanger Erfahrung haben bislang den gesamten Recycling-Ablauf – vom weggeworfenen Kunststoff bis zum neuen Produkt – im Original sehen können. Das wollten wir an unseren Zukunftstagen ändern.“ In Zusammenarbeit mit Partnerunternehmen wurden so die Zukunftstage gestaltet. „Den Abschluss eines Kreislaufs und dessen Wiederbeginn live erleben, das ist Zukunft zum Anfassen.“

Ressel ist schon länger dabei, in seinem Familienunternehmen den Anteil von Recyclingmaterial bei der Herstellung von Plastikflaschen zu erhöhen: „Wir müssen mit den Rohstoffen sorgsam umgehen“, ist sein Credo. Über 40 Millionen Kunststoffflaschen werden hier Jahr für Jahr für den europäischen Markt produziert – überwiegend aus Recyclat und Regranulat. Ressel: „Wir brauchen Lösungen und wir machen es nicht für uns. Unsere Generation wird das Desaster mit Wasserarmut, Hitzeperioden, Waldsterben, Ozonloch noch überleben, aber unsere Kinder oder Enkel werden kämpfen und lernen müssen, damit umzugehen.“ Es passiere etwas in der Natur, was nicht passieren sollte, allzu lange habe man Ratschläge aus der Wissenschaft ignoriert. „Es ist erbärmlich, was vom Kyoto-Protokoll seit 1997 umgesetzt wurde.“ So habe etwa das Duale System die Aufgabe, die Verpackungen zu recyceln und nicht ins Ausland zu exportieren, stellt Ressel fest.

Zwar gelte Deutschland als Sortierweltmeister, für das Kompostieren reiche die Mülltrennung aber nicht aus, appelliert Diplomingenieur Stefan Grüner vom Kompostwerk in Hohenhameln bei Peine, in das auch Celler Bio-Abfälle transportiert werden: „Kunststoffe in Biotonnen bereiten uns große Probleme, denn sie verrotten nicht in der Zeit von vier bis sechs Wochen.“ Nur vier bis sechs Wochen braucht das Werk, um aus reinen Bioabfällen zertifizierten Kompost herzustellen, der die Bodenfruchtbarkeit fördert. „Die Landwirte sind froh, dass sie Kompost bekommen können“, sagt Grüner, es sei aber ein mühsames Geschäft, Plastikteile zu entfernen: „Für uns ist Kunststoff ein Fremdstoff, der herausgeholt werden muss.“

Studie: Hier landen Kunststoffe in der Umwelt

Eine kürzlich veröffentlichte Studie des Umweltbundesamts hat erstmals systematisch den Verbleib von Kunststoffen in der Umwelt für Deutschland untersucht. Dies sind die Mengen, die nach ihrem Eintrag nicht durch Reinigungs- oder andere Maßnahmen wieder entfernt werden. Demnach verbleiben verkehrsbedingt etwa 133.000 bis 165.000 Tonnen Kunststoff pro Jahr in der Umwelt, vor allem verursacht durch Reifenabrieb. Der Baubereich verursacht einen jährlichen Verbleib von rund 9.000 bis 60.000 Tonnen, Landwirtschaft und Gartenbau kommen zusammen auf einen Verbleib von etwa 6.000 bis 22.000 Tonnen.

Rund 650 bis 2.500 Tonnen verbleiben durch Littering, also achtloses Wegwerfen oder Liegenlassen von Abfällen, in der Umwelt. Weitere Quellen sind Verbraucherprodukte wie Fasern von Kleidung oder Farben und Lacke mit circa 900 bis 2.500 Tonnen sowie der Spiel-, Sport-, Freizeit- und Eventbereich (beispielsweise Granulate für Kunstrasenplätze, Spielgeräte) mit rund 1.800 bis 3.100 Tonnen.

Nachgefragt bei Diplomingenieur Stefan Grüner

Die Aufgabe des Biogenen Zentrums Peine mit dem Kompostwerk in Hohenhameln ist die Kompostierung von Bio- und Grünabfällen. Geschäftsführer Stefan Grüner spricht über Probleme bei der Herstellung von zertifiziertem Kompost.


Auch aus dem Celler Bereich wird Bioabfall nach Hohenhameln geliefert. Schon durch mechanische Aufbereitung und biologische Behandlung bereiten Sie das angelieferte Material aus den Biotonnen auf die Kompostierung vor. Sie stellen aber immer wieder Störstoffe bei der Aufbereitung fest. Welche sind das?
In erster Linie handelt es hier um Plastiktüten, worin die Bürger ihre Bioabfälle sammeln. Aber auch verdorbene Lebensmittel inklusive Verpackung, Blumentöpfe oder gebrauchte Kaffeekapseln finden wir.


Nach der Bioabfallverordnung dürfen maximal 0,5 Prozent Fremdstoffe, davon 0,1 Prozent Folien im Kompost sein. Lässt sich dieser Grenzwert einhalten?
Dafür müssen wir einen großen technischen Aufwand betreiben, um die Fremdstoffe aus dem Material herauszuholen. Mithilfe von Siebmaschinen, Windsichern und Magnetabscheidern gelingt uns das. Allerdings gibt es derzeit keine Maschine, die alle Fremdstoffe aus dem Kompost abtrennen kann. Die beste Voraussetzung zur Produktion von gutem Kompost ist ein sauberer Bioabfall ohne Fremdstoffe.


Die Aufklärung der Nutzer, keinen Kunststoff in die Biotonne zu werfen, steht für Sie an erster Stelle, um Fremdstoffe im Bio-Abfall zu vermeiden. Welche Optionen haben Sie als Kompostierer, den Fremdstoffanteil zu verringern?
Wir können hier immer wieder an die Verantwortung eines jeden einzelnen Bürgers appellieren: Bitte werfen Sie kein Plastik, kein Glas, keine Verpackungen und keinen Restmüll in die Biotonne. So kann jeder mithelfen, die Umwelt zu schützen. Meine Erfahrung zeigt aber leider, dass Appelle und Aufklärung alleine nicht ausreichen. Es gibt weiterhin eine kleine Anzahl von Bürgern, die Plastik oder andere Abfälle über die Biotonne entsorgen. Hier sind die Kommunen aufgerufen, durch regelmäßige Kontrollen die Sauberkeit der Bioabfälle in den Tonnen zu überprüfen. Wenn dabei Fremdstoffe festgestellt werden, gehört der Inhalt nicht in ein Kompostwerk, sondern muss zusammen mit dem Restmüll entsorgt werden. Es gibt bereits eine Reihe von Kommunen in Niedersachsen, die diesen Weg konsequent umgesetzt haben. Die dort gesammelten Bioabfälle sind wirklich sehr sauber und enthalten fast keine Fremdstoffe mehr.


Ist für Sie nachvollziehbar, ob der aus Celle angelieferte Biomüll auffällig sauber oder auffällig verschmutzt ist. Wie hoch ist denn überhaupt der Celler Anteil an Ihrer Kompostierung?
Der Anteil liegt bei circa 17 Prozent. Die Qualität kann mit den eben erwähnten Maßnahmen sicherlich noch verbessert werden.


Sie haben kürzlich einen Versuch mit biologisch abbaubarem Kunststoff gemacht. Zu welchen Ergebnissen kamen Sie?
Wir haben Verpackungen aus biologisch abbaubaren Kunststoffen zusammen mit Bioabfall gemischt und separat über zwölf Wochen in unserer Anlage kompostiert. Einen nennenswerten Abbau konnten wir nicht feststellen.


Welches Fazit ziehen Sie aus dem Versuch?
Auch biologisch abbaubare Kunststoffe sollten nicht in die Biotonne gegeben werden, da sie dort in der zur Verfügung stehenden Zeit nicht ausreichend abgebaut werden. Auch kann die bei uns eingesetzte Technik diese Materialien nicht von „normalen“ Kunststoffen unterscheiden. Somit landen auch biologisch abbaubare Kunststoffe zusammen mit den anderen aussortierten Fremdstoffen am Ende in einer Müllverbrennungsanlage.


Wie fällt ihre Bilanz aus zum Verhalten der Bevölkerung bei der Mülltrennung, bei der Deutschland als „Weltmeister“ bezeichnet wird?
Die überwiegende Mehrheit der Bürger hat den Sinn der getrennten Sammlung von Bioabfällen verstanden. Daraus stellen wir hochwertige und gütegesicherte Kompostprodukte her. Diese werden als Humusdünger in der Landwirtschaft, dem Gartenbau und in Erdenwerken eingesetzt. Das ist ein Beispiel für funktionierende Kreislaufwirtschaft. Es gibt aber eine Minderheit, die aus Bequemlichkeit, Unkenntnis oder Gleichgültigkeit neben organischen Abfällen auch Fremdstoffe wie Plastik, Glas, Textilien und andere Abfälle in die Biotonne geben. Diese Menschen müssen wir gemeinsam davon überzeugen: Kein Plastik in die Biotonne!