Wunsch nach Normalität

So kommen Celler Kinder durch Corona-Pandemie

Geschlossene Schulen, fehlende Freunde: Wie kommen Celler Kinder durch die Corona-Pandemie? Hat häusliche Gewalt zugenommen? So sehen Experten die Entwicklung.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 21. Apr. 2021 | 14:00 Uhr
  • 12. Juni 2022
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  • 21. Apr. 2021 | 14:00 Uhr
  • 12. Juni 2022
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Celle.

Manchmal benötigen Eltern bei Sorgen und Problemen mit Kindern nur einen Rat. „Manchmal ist die Situation in den Familien aber auch so verfahren, dass sie allein nicht mehr weiter wissen“, sagt Anja Werner, Leiterin der Erziehungsberatungsstelle des Landkreises Celle. Sie differenziert sehr genau, ob und wie Hilfe erforderlich ist – auch jetzt in der Corona-Zeit, in der Fachleute befürchten, dass die Anzahl von häuslicher Gewalt deutlich zunimmt.

Homeschooling und Homeoffice sorgen für Ängste und Konflikte

Nach den bisherigen Erfahrungen während der Coronazeit spielen Themen wie Homeschooling und Homeoffice in Kombination und Homeoffice in Anwesenheit von kleinen Kindern eine Rolle. Dabei stehen häufig Ängste und Rückzugstendenzen oder aggressives Verhalten bei Kindern und Jugendlichen im Mittelpunkt. Aber auch familiäre Konflikte aufgrund von Isolation der gesamten Familie oder existentielle Sorgen auf Elternebene wirken sich auf das Familienklima aus. „Es melden sich auch viele getrennte Eltern, deren Konflikte sich unter Corona verschärfen“, sagt Anja Werner.

Häusliche Gewalt hat abgenommen

Nach Ansicht des Sprechers des Landkreises Celle, Tore Harmening, sei es aber insgesamt recht beruhigend, dass die befürchteten Entwicklungen zu Kindswohlgefährdung, zu Inobhutnahmen von Kindern und Jugendlichen oder auch Fälle von häuslicher Gewalt in der Corona-Zeit in Celle nicht zugenommen haben: Wurden 2019 noch 599 Fälle häuslicher Gewalt registriert, so reduzierte sich die Zahl im Jahr 2020 auf 558.

Inobhutnahmen und Kindeswohlgefährdungen rückläufig

Ähnlich die Anzahl von Inobhutnahmen: Sie stieg zwar von 110 (2019) auf 130 (2020), aber im ersten Quartal dieses Jahres waren es lediglich 15 Fälle. Und auch Kindeswohlgefährdungen waren rückläufig: 298 im Jahr 2019, 250 (2020) und 52 im ersten Quartal 2021. Natürlich: Das sind noch immer zu viele Fälle, aber die befürchteten Auswirkungen durch die Corona-Pandemie sind nicht eingetreten.

Normales soziales Leben ist weggebrochen

Die Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Professorin Alena Buyx, sieht inzwischen eine Pandemiemüdigkeit in etlichen Familien zu Hause. Sie sagte, dass vielen Kindern ihr normales soziales Leben abhanden gekommen sei. So auch die Schule als Raum, in dem man nicht nur lernt, sondern wo man sich auch austausche. Die Hofpause, der Sport, Freunde und Großeltern – „alle möglichen Dinge fehlen.“ Die Kinder würden das zwar erstaunlich gut mitmachen, aber es summiere sich.

Corona-Regeln sollten nachvollziehbar sein

Eine Regionalisierung, also regionale Entscheidungen zu Corona-Maßnahmen, sei nicht unbedingt nur was Schlechtes. Man sollte sehr viel stärker differenzieren, wie es in der Region aussieht. „Wir brauchen sehr viel mehr Kommunikation, um den Leuten zu vermitteln, was in ihrer Region gilt und warum.“ Lokal und regional sollte gut erklärt werden, Maßstäbe sollten einheitlich und nachvollziehbar sein, meint Buyx.

„Pandemiemüdigkeit“ in vielen Familien

Man könne schon den Eindruck haben, dass manches Kind depressiv sei, und könne sich fragen, wie es für Alleinerziehende oder für Familien mit Erkrankungen oder Familien in existenzieller Not sei, sagt Buyx. Denn Pandemiemüdigkeit komme inzwischen in vielen Familien vor. Das sei sehr belastend. Das Problem scheint in der Politik angekommen zu sein, dass der Bereich Kita und Schule ganz essenziell ist. Der müsse als erstes in den Blick genommen werden, so die Vorsitzende des Ethikrates.

Celler Eltern suchen auch Heilpraktiker auf

Die Heilpraktikerin Andrea Herbst, die in Celle durch ihre Vorträge zum Thema Hochsensibilität in der Familienbildungsstätte bekannt ist, befürchtet, dass viele Menschen in Corona-Zeiten viele große Probleme bekommen werden, weil sie Zukunftsängste haben und ihre normalen Lebensumstände nicht mehr ordentlich strukturieren können. Die Frage sei, wie Eltern die häusliche Situation abpuffern können: „Ich spüre das sehr gut, denn ich habe Eltern, die in meine Praxis kommen und um Hilfe bitten. Der Gedanke, den ich habe, ist einfach, dass wir Heilpraktiker in dieser Arbeit noch nicht wahrgenommen werden.“

In Erziehungsberatungsstellen bestünden oft lange Wartezeiten. „Es dauert oft Monate im Voraus, bevor überhaupt der erste Kontakt zu einem Fachmann da ist“, erläutert Herbst. „Ich weiß, dass wir Heilpraktiker in solchen Zeiten zu tun haben, aber wir sind noch nicht überbelastet.“

Celler Erziehungsberatungsstelle hilft Familien zeitnah

Dem widerspricht die Celler Erziehungsberatungsstelle: „Wenn Eltern sich an uns wenden, bekommen sie zeitnah Unterstützung. Haben die Kolleginnen den Eindruck, dass eine Akutsituation vorliegt, wird sofort eine Fachmitarbeiterin oder ein Fachmitarbeiter hinzugezogen.“ Sonst würden die Eltern innerhalb einer Woche zurückgerufen. „Viele Eltern nehmen inzwischen über E-Mail Kontakt zu uns auf, auch da reagieren wir innerhalb einer Woche. Jugendliche bekommen am gleichen Tag einen Rückruf mit einem Terminvorschlag.“

Umgehende Hilfe in Notfällen

Jugendliche werden grundsätzlich unter Berücksichtigung der aktuellen Hygienevorschriften in die Beratungsstelle eingeladen. Mit den Eltern wird gemeinsam entschieden, ob die Begleitung per Telefon, per Video oder vor Ort in der Beratungsstelle erfolgt. Zudem können das Sozialpädiatrische Zentrum (SPZ) und die Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie von Martina Berrisch angefragt werden.

Dagmar Wiese-Cordes ist Leiterin des Celler Jugendamtes. Im interview berichte sie über ihre Arbeit.

Welche Möglichkeiten haben Sie, Familien und Kindern gezielt zu helfen?

Wiese-Cordes: Die Fachkräfte aus dem allgemeinen Sozialdienst vermitteln in Konfliktsituationen, beraten professionell bei Erziehungsproblemen sowie bei familienrechtlichen Konflikten. Sie informieren über weitergehende passgenaue Hilfen zur Erziehung oder andere Unterstützungsmöglichkeiten. Kinder und Jugendliche können sich bei Problemen auch selbst an die Sozialen Dienste wenden und bekommen hier Rat und Hilfe.

Welche Erfahrungen haben Sie bisher gemacht?

Wiese-Cordes: Einige Eltern brauchen eine Zeit lang intensivere Hilfe bei der Erziehung. Die Arbeit der Fachkräfte zielt darauf, die Eltern so zu unterstützen, dass sie mit ihren Kindern und als Familie auf Dauer zurechtkommen. Deshalb wird im Einzelfall eine geeignete Hilfe vermittelt, vielleicht eine Erziehungsberatung, ein Elternkursus, eine Sozialpädagogische Familienhilfe oder eine unmittelbare Hilfe für das Kind oder den Jugendlichen. Art und Umfang der Hilfe richten sich nach dem erzieherischen Bedarf im Einzelfall. Kinder haben ein Recht darauf, geborgen und gesund aufzuwachsen.

Wie verhalten Sie sich im Konfliktfall?

Wiese-Cordes: Es ist Auftrag des Jugendamts, das Wohl von Kindern und Jugendlichen zu schützen. Wir gehen allen Hinweisen nach, wenn ein Kind in Gefahr sein könnte. Dazu gehören auch Hinweise der Polizei auf häusliche Gewalt, bei der Kinder in Familien betroffen sind. Wir suchen den Kontakt zu der betroffenen Familie, um gemeinsam mit ihr Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Was bedeutet das konkret?

Wiese-Cordes: Die Arbeit der Fachkräfte zielt darauf ab, die Eltern so zu unterstützen, dass sie mit ihren Kindern und als Familie auf Dauer zurechtkommen. Wir arbeiten dabei eng mit anderen Institutionen zusammen, zum Beispiel mit Kindertagesstätten, Schulen, Ärzten und der Polizei. Im Mittelpunkt steht die Frage: Was muss sich ändern, damit das Wohl des Kindes oder des Jugendlichen wieder geschützt ist?

Im äußersten Fall muss das Jugendamt Kinder in Obhut nehmen, für eine kurze Zeit unterbringen, um ihr Wohlergehen sicherzustellen. Die Kinder kehren in die Familie zurück, wenn in solch einer schwierigen und belastenden Situation die Eltern bereit sind, Hilfe anzunehmen und dadurch das Kindeswohl wieder geschützt ist.

Spüren Sie Auswirkungen der Pandemie auf die Familien?

Wiese-Cordes: Auch unter Corona-Bedingungen und den damit einhergehenden Kontakteinschränkungen gewährleisten wir, dass der Kinderschutz sichergestellt wird, die Beratung, die Unterstützung und die Erziehungshilfen für Kinder, Jugendliche und deren Familien weiter geleistet werden. Dabei wird auf den Gesundheitsschutz aller Beteiligten geachtet. Gespräche und Hilfeplanungen finden, wenn Hausbesuche nicht unbedingt notwendig sind, in den Besprechungsräumen des Jugendamtes oder in Räumen der beteiligten freien Träger der Jugendhilfe statt. Vermehrt finden auch Kontakte über Telefon- und Videokonferenzen statt.

Gibt es in dem Zusammenhang für Sie eine zeitliche oder personelle Überforderung – wie lang ist die Wartezeit bis zum freien Termin?

Wiese-Cordes: Die Sozialen Dienste handeln in Krisenfällen weiterhin sofort. Termine zur Beratung oder bei Erstkontakten können im Regelfall weiter innerhalb weniger Tage in einem direkten Kontakt angeboten werden. Sind Ihre Ressourcen ausreichend, um optimale Hilfen für Kinder und Familien zu leisten? Unsere personellen und materiellen Ressourcen sind ausreichend, um die Aufgaben, insbesondere Hilfen zur Erziehung und Kinderschutz, nach fachlichen Kriterien zu erfüllen.

Von Lothar H. Bluhm

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