Projekt der Diakonie

„Immer ein nettes Gespräch“

Die Diakonie Südheide schenkt Menschen nach der Pflege 15 Minuten Zeit für Gespräche. Elfriede Mönnich aus Winsen nimmt das Angebot dankbar an.

  • Von Svenja Inken Gajek
  • 28. März 2019 | 16:24 Uhr
  • 12. Juni 2022
  • Von Svenja Inken Gajek
  • 28. März 2019 | 16:24 Uhr
  • 12. Juni 2022
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Winsen.

Für Elfriede Mönnich ist die Familie sehr wichtig. Wenn sie am Tisch in ihrem kleinen Haus in Winsen bei Kaffee und Keksen sitzt und von ihrem Leben erzählt, spürt man stets die große Verbundenheit zu ihren Kindern und Enkeln.

Mönnich ist 1936 geboren und nicht mehr ganz so gut zu Fuß. Die gastfreundliche Dame möchte noch so viel wie möglich allein erledigen, doch das Alter macht ihr mittlerweile zu schaffen. Sie ist auf den ambulanten Pflegedienst der Diakonie Südheide angewiesen. Dieser bietet seit 2016 ein besonderes Geschenk an, das gerade bei der Pflege immer noch viel zu kurz kommt: das Geschenk der Zeit. Unter dem Namen „zuGabe“ wird den Patienten der Diakonie angeboten, sich pro Woche eine Viertelstunde lang nach der Pflege mit der anwesenden Pflegekraft hinzusetzen und sich zu unterhalten. Bereichsleiterin Andrea Böker verdeutlicht die Bedeutung einer solchen Einrichtung: „Pflege in Deutschland ist vor allem leistungs- und verrichtungsbezogen ausgelegt. Der Körper des Menschen wird gepflegt, aber die Seele nicht.“

80 Mitarbeiter für 270 Pflegebedürftige

Die Zugabe wird durch Spenden und Zuschüsse des Kirchenkreises finanziert. In Celle und Winsen betreuen derzeit 80 Mitarbeiter der Diakonie Südheide rund 270 Pflegebedürftige. Der Pflegeberuf ist nach wie vor ein weibliches Tätigkeitsfeld und nicht besonders begehrt. Laut Statistischem Bundesamt arbeiteten 2017 knapp 1,1 Millionen Personen bei Pflegediensten und in Pflegeheimen. Mehr als 85 Prozent davon waren Frauen. Etwa 25.000 bis 30.000 Stellen konnten nicht besetzt werden.

Der Geschäftsführer der Diakonie Südheide, Maik Mengel, hofft, dass Angebote wie die Zugabe bald auch in anderen Pflegestationen umgesetzt werden, so dass diese Tätigkeit insgesamt attraktiver wird: „Wir müssen mehr Anreize für junge Menschen schaffen, wenn diese mit dem Gedanken spielen, sich als Pflegekräfte ausbilden zu lassen“, betont er. Der Ansatz scheint in die richtige Richtung zu gehen, das Projekt hat 2018 den Fundraisingpreis der Landeskirche Hannover in der Kategorie Nachhaltigkeit gewonnen.

Keine leichte Kindheit

Mönnich hat viel aus ihrem Leben zu berichten: Ihr Mann Günther starb vor 16 Jahren. Sie bedauert, dass ihm seine Eltern keine Ausbildung ermöglichen konnten. „Mein Günther musste nach der Schule Disteln stechen für die Schweine, für Schularbeiten blieb da keine Zeit“, erzählt sie bedrückt.

Auch Mönnich selbst hatte keine leichte Kindheit. Sie ist bei ihren Großeltern in Walle aufgewachsen, ihr Vater ist kurz vor Kriegsende gefallen. Als junge Frau hat sie in Celle zwei Jahre lang Hauswirtschaft gelernt. „Ich hätte mit Sicherheit auch das Zeug dazu gehabt, auf die Realschule zu gehen“, bemerkt die 82-Jährige selbstbewusst, „das konnten meine Großeltern aber nicht bezahlen“. Ihrem Mann half sie häufig bei der Arbeitssuche, so konnte sie ihm in den 50er Jahren zunächst eine Stellung als Zaunzieher beschaffen, da sie als Haushaltshilfe bei den Besitzern der betreffenden Firma gearbeitet hat. Nach ihrer Hochzeit im Jahr 1958 wechselte sie zu einer Anstellung in einer Drogerie. Auch dorthin nahm sie ihren Mann mit, dieser wurde Auslieferungsfahrer und musste nun nicht mehr bei Wind und Wetter draußen arbeiten.

Nach Schließung des Ladens ging Günther Mönnich zu einem Autohaus in Wietze und besuchte dort einen Kursus in Wagenaufbereitung. Bei der Bitte um eine Lohnerhöhung wurde er daraufhin von einem Vorgesetzten als „einfacher Arbeiter“ bezeichnet. Dies lastete lange Zeit auf dem Selbstbewusstsein des Ehepaares. „Mein Mann hat damals zu mir gesagt: Und wenn uns sonst auch nichts im Leben gelingt, unsere Jungs sollen ein Papier haben“, erinnert sich Mönnich. Sie selbst arbeitete bis zum Eintritt in die Rente mit 60 Jahren als Zimmerfrau.

„Auf die Menschen konzentrieren“

Von den Patienten gibt es überwiegend positive Rückmeldungen zum Zeitgeschenk. Allerdings möchten diejenigen pflegebedürftigen Menschen, die ihren Ehepartner noch bei sich haben, die Zugabe oft nicht nutzen. „Es gibt auch viele Fittere, die nicht wollen, dass wir noch länger bleiben“, sagt Pflegehelferin Rita Sammrey, „die sprechen schon mit ihrem ambulanten Friseur oder Masseur und wollen danach lieber ihre Ruhe haben“.

Wenn die Menschen sich jedoch unterhalten wollen, sind die Themen dabei ganz unterschiedlicher Natur, es geht um die Familie, Urlaube, Essen oder allgemeine Wünsche. „Manchmal weinen sie auch“, sagt Sammrey. „Kriegszeitzeugen erzählen ab und zu von dem Leid, das sie ertragen mussten. Man kann sich in so einer Situation dann voll und ganz auf die Menschen konzentrieren.“ Lediglich über die Kirche werde nicht gesprochen, abgesehen von der Frage, ob überhaupt noch Kirchenbesuche mit den Verwandten stattfinden.

Lieblingsthema ist die Familie

Obwohl Mönnich nicht einsam ist, nutzt sie die Zugabe gern. „Für welche, die niemanden mehr haben, ist das eine ganz tolle Sache“, sagt sie. Ihr Lieblingsthema ist und bleibt die Familie. Dies erkennt man auch deutlich an der Dekoration des Wohnzimmers. An der Wand hängen jede Menge Familienfotos aus unterschiedlichen Jahrzehnten. Mönnich hat zudem ein sehr gutes Gedächtnis und kann sich noch an viele Einzelheiten erinnern. Ihr glücklichster Moment war es, als ihr jüngster Sohn Detlef mit dem Meisterbrief als Tischler in der Tür stand und jubelnd rief: „Mutti, ich hab‘ ihn.“ Der ältere Sohn Andreas hat ebenfalls einen Handwerksberuf ergriffen, er ist Elektriker. Beide Söhne sind verheiratet, zwischen Mönnich und ihren Schwiegertöchtern besteht ein gutes Verhältnis. Sie hat insgesamt vier Enkelkinder, die ihre Oma gerne besuchen.

Damit sie für die Familientreffen gut vorbereitet ist, müssen die Pflegekräfte vor allem bei der morgendlichen Routine behilflich sein. Bei allen Patienten wird je nach Grad der Selbstständigkeit bemessen, was genau zu tun ist. Fast alle werden morgens geduscht oder gewaschen und dann angezogen. Einige brauchen lediglich Hilfe beim Anlegen der Kompressionsstrümpfe, manche möchten selbst ihre Zähne einsetzen und ihre Haare kämmen. Mönnich ist noch weitgehend selbstständig, sie braucht nur beim Anziehen der Kleidung und beim wöchentlichen Duschen Unterstützung.

Leidenschaft für Handarbeiten

Auf diese Weise gepflegt, kann sich die 82-Jährige auf ihren Tag freuen, den sie vor allem mit Handarbeiten ausfüllt. Sie besitzt bereits eine beeindruckende Sammlung an Untersetzern, Topflappen und umhäkelten Kleiderbügeln, die sie gerne verkaufen und ein Teil der Einnahmen für die Zugabe spenden möchte. Ihr großer Wunsch ist es, wieder mit ihrem E-Bike fahren zu können, doch davon hat ihr Arzt erst einmal abgeraten. Außerdem sammelt sie leidenschaftlich gerne die Gesprächskarten – Postkarten mit Landschaftsbildern und einem Bibelspruch, auf deren Rückseite als Beleg und Erinnerung das Datum und die anwesende Pflegekraft der Zugabe vermerkt sind.

Beide Seiten profitieren

Das Projekt der Diakonie ist für beide Seiten – Pflegebedürftige und Pflegekräfte – ein voller Erfolg. Denn obwohl 15 Minuten für den Außenstehenden zunächst wenig erscheinen, so seien sie laut Böker und Sammrey nach getaner Arbeit genau das richtige Maß für eine Unterhaltung. „Es ist eine harmonische Zeit, die während der normalen Pflege einfach nicht möglich ist“, sagt Sammrey. Mönnich jedenfalls ist froh über das Projekt: „Egal, wer zum Pflegen kommt, wir haben immer ein nettes Gespräch.“