Lizenz zurückgegeben

Eldorado der Erdölpioniere

Dem Landkreis Celle fehlt zur weiteren Ergründung von Erdgas- und Erdölvorkommen „Explorationspotenzial“, deshalb wurde die Erlaubnis zurückgegeben.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 10. Apr 2022 | 11:00 Uhr
  • 12. Jun 2022
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  • 12. Jun 2022
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Wietze.

Aus, vorbei: Celle ist raus. Das Celler Ölfeld spielt bei der Versorgung Deutschlands mit Energie keine Rolle mehr, kann also beim Ukrainekrieg und der geplanten Reduzierung der Lieferungen von russischen Energieträgern nicht mehr berücksichtigt werden.

Rückgabe der Lizenz

Mit der kürzlich erfolgten Rückgabe der Lizenz zum Ergründen von Erdgas- und Erdölvorkommen von der Wintershall Dea Deutschland GmbH an das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) ist ein Schlusspunkt gesetzt worden. Für das Feld Celle mit einer Größe von 572 Quadratkilometern zwischen Wathlingen, Winsen und Wietze sowie in Teilen des Nordkreises und im Bereich der Region Hannover und des Heidekreises. Wie das LBEG mitteilt, nennt das Unternehmen ein fehlendes Explorationspotenzial als Grund für die Rückgabe der Erlaubnis.

"Ölwanne der Republik"

Insgesamt gibt es bis heute in Deutschland erhebliche Erdöl- und Erdgasvorkommen, wobei Norddeutschland gern als „Ölwanne der Republik“ bezeichnet wird. Allerdings deckt die Menge heimischen Erdöls gerade mal zwei Prozent des deutschen Gesamtbedarfs von rund 96 Millionen Tonnen.

Russland wichtigster Energielieferant

Die Russische Föderation hingegen gilt als Deutschlands wichtigster Energielieferant. So importierte die Bundesrepublik 2020 gut 28 Millionen Tonnen Rohöl aus Russland. Das entspricht rund einem Drittel der Rohölimporte. Beim Erdgas ist der Anteil der Russlandimporte noch deutlicher: rund 56,3 Milliarden Kubikmeter entsprechen rund 55 Prozent der Importe.

Geschichte der Erdölförderung

Dabei reicht die Geschichte der Erdölförderung in Deutschland bis ins 16. Jahrhundert zurück: „Die erste „Teerkuhle“ in Niedersachsen ist für 1546 in Hänigsen bezeugt. In Wietze soll 1652 mit der Ausbeutung der Lohmannschen, später Wallmannschen Teerkuhle begonnen worden sein“, hat der Leiter des Deutschen Erdölmuseums Stephan Lütgert recherchiert. Das Schweröl, damals „Teer“ genannt, wurde demnach anfänglich wohl nur in der näheren Umgebung vor allem als „Wagenschmiere“ und auch als Arznei vertrieben. „Nur weil dieses Vorkommen lange bekannt war, hat Hunäus dort bohren lassen – in der Hoffnung, Kohle zu finden, die damals wirtschaftlich noch interessanter war. In der vorindustriellen Zeit war die obertägige Förderung ausreichend, deshalb hat man nicht gebohrt.“

Erste Bohrung in Wietze

1858 brachte der Bohrmeister Hahse im Auftrag des Geologen Konrad Hunäus in Wietze die erste Bohrung nieder. Kein Wunder, dass sich das einstige Bauerndorf Wietze mit größer werdender Nachfrage zum Eldorado von Erdölpionieren, die mit dem „schwarzen Gold“ ein gutes Geschäft machen wollten, wandelte.

1899 beginnt Erdölboom

Ab 1875 wurde die Bohrtätigkeit ausgeweitet. Wobei die Entrepreneure häufig aus dem Ausland kamen. Der Erfolg war jedoch mäßig. Erst 1899 begann der eigentliche Erdölboom mit der ersten eruptiv fündigen Bohrung nördlich des Flüsschens Wietze, auf dem heutigen Gelände des Deutschen Erdölmuseums.

Maximales Fördervolumen 1909 erreicht

1905 waren bereits 32 Erdölgesellschaften in Wietze tätig. Das maximale Fördervolumen wurde schon 1909 erreicht. Aufgrund der nachlassenden Pumpen-Förderung (mit damals nur 15 Prozent Ausbeute) baute man ab 1918 ein Erdöl-Bergwerk, das zuletzt auf eine Streckenlänge von 95 Kilometer kam.

Öl-Bahnhof wäre ein guter Zeitzeuge

Ein guter Zeitzeuge der anfänglich stürmischen Entwicklung wäre der 1903 errichtete Öl-Bahnhof Wietze-Steinförde, auf dem der Großteil des Öls verladen wurde. Dort entstand im gleichen Jahr auch der „größte Öltank des Continents“. Der Bahnhof wäre ein guter Zeitzeuge. Wäre…

Modellbau mit absoluter Präzision

„Man nimmt heute die Größe des Wietzer Bahnhofs, wie er damals war, gar nicht mehr wahr“, findet der Thörener Reinhard Gierach. Gierach ist passionierter Modellbauer. Er baut mit absoluter Präzision aufgrund alter Pläne, Ansichten und Abbildungen an einem fast zehn Meter langen Modell im Maßstab 1:160, das die Bahnhofsanlage Wietze-Steinförde mit allen Details um 1960 darstellt: Ob Lastwagenwaage, Bahnhofsrampe oder Kopfsteinpflasterstraßen, ob Prellböcke, Grubenholzverladung oder Toilettenhäuschen. Auch das an den Bahnhof anschließende Erdöllager mit 22 Öltanks und die Erdölverladung auf Tankzüge werden in dem Modell gezeigt. „Ganze Schienenstränge der ehemaligen Allertalbahn sind demontiert, Gebäude abgerissen“, sagt Gierach. „Wietze war aber um 1904 für lange Jahre die größte Erdöltanklagerstätte in Europa. Die gewaltigen Öltanks hatten damals einen Durchmesser von bis zu 36 Metern und waren zehn Meter hoch.“

Katasterplan als Vorlage

Allein das Modell des Erdöllagers mit Verladung wird 2,80 Meter mal 1,50 Meter groß. „Die Bahnhofsanlage war damals 1100 Meter lang – von Signal zu Signal“, hat Gierach gemessen: „Zum Glück habe ich einen Katasterplan vorliegen, auf dem alles ganz genau eingezeichnet ist.“

Produktion eingestellt

1963 wurde die Produktion im Ölschacht eingestellt, wie Lütgert, erläutert: „Im Zuge der Liberalisierung des Marktes waren die Gestehungskosten des Wietzer Schacht-Öls deutlich zu hoch – etwa bei dem Dreifachen, was die Tonne auf dem Weltmarkt kostete.“ Ende der 1960er Jahre endete auch der letzte Pumpbetrieb.

Ölkrise 1973 zeigt Abhängigkeit

Eine ähnliche Situation wie heute hatten wir schon einmal 1973, als man mit Sonntagsfahrverboten versuchte aus der durch den Nahost-Konflikt – Jom-Kippur-Krieg – verursachten Ölkrise zu kommen. Lütgert: „Da haben wir zum ersten Mal gemerkt, dass man sich nicht in solche massiven Abhängigkeiten begeben darf. Zumal mit solchen Staaten, deren Regime zweifelhaft sind… Damals kamen über 50 Prozent des Rohöls aus dem Nahen Osten, aber in Nordwestdeutschland wurden immerhin gut sechs Millionen Tonnen Rohöl gefördert.“

Erdgas-Förderung auf ein Viertel reduziert

Heute deckt Öl aus niedersächsischen Quellen lediglich ein Prozent des Bedarfes, wobei sich die Ölnachfrage unwesentlich verändert hat. Die Versorgung der Europäischen Union mit Erdgas stützte sich bisher zu einem großen Teil auf Lieferungen aus Russland. „Das begann eben 1973, aber die heimische Förderung – 1999 noch bei fast 23 Milliarden Kubikmeter – hat sich zwischenzeitlich auf ein Viertel reduziert“, weiß Lütgert, „was die Abhängigkeit nicht gerade verkleinert hat“. Er erinnert daran, dass Ronald Reagan den deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt schon 1981 in Ottawa davor gewarnt hat, sich durch die Abhängigkeit von russischen Energielieferungen durch die UdSSR erpressbar zu machen.

Komplettausfall kompensieren

Mit dem völkerrechtswidrigen Krieg Russlands in der Ukraine muss gefragt werden, wie diese Abhängigkeit künftig deutlich reduziert werden kann und was im Fall einer Lieferunterbrechung von russischen Erdgasexporten passieren würde. Wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW) herausgefunden hat, zeigen Modellrechnungen, dass die Europäische Union bei einem Komplettausfall russischer Erdgaslieferungen einen Großteil kompensieren kann: „Kurzfristig stehen die effiziente Bewirtschaftung bestehender Infrastruktur, die Diversifizierung der Bezugsverträge sowie Maßnahmen zur Nachfrageanpassung im Mittelpunkt. Mittelfristig sollte der Ausbau erneuerbarer Energien im Kontext des EU Green Deal beschleunigt werden, inklusive eines zeitnahen Ausstiegs aus der Nutzung fossilen Erdgases, der die europäische Energiesicherheit weiter stärken würde.“ Ein Gasembargo würde nach einem Dossier des DIW im Euroraum deutliche Spuren hinterlassen – in den Nordländern wie Deutschland ähnlich wie in den Südländern wie Italien.

Von Lothar H. Bluhm

Förderprogramm zur Untersuchung ehemaliger Gruben

Seit mehr als 160 Jahren wird Erdöl in Niedersachsen gefördert. Erdgas seit den 1950er Jahren. In der Historie wurden salz- und ölhaltige Reststoffe aus Bohrungen in Schlammgruben eingelagert. Das geschah unter behördlicher Aufsicht und entsprach den damaligen Umweltstandards.

Um festzustellen, ob von diesen historischen Standorten Belastungen für die Umwelt ausgehen, ist 2016 ein Förderprogramm zur Untersuchung ehemaliger Öl- und Bohrschlammgruben gestartet. Dieses beruht auf einer Vereinbarung zwischen dem Niedersächsischen Ministerium für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz und dem heutigen Bundesverband Erdgas, Erdöl und Geoenergie e.V. Die Erdgas- und Erdölproduzenten beteiligen sich im Rahmen der Vereinbarung mit bis zu fünf Millionen Euro an den Kosten der Untersuchungsmaßnahmen.

Zur Vereinbarung gehört eine Liste mit 474 Standorten. 220 davon sind bisher in das vom Staatlichen Gewerbeaufsichtsamt Hildesheim koordinierte Förderprogramm aufgenommen worden. 142 Standorte wurden bereits unabhängig begutachtet.

Im Rahmen eines Vortrags am Mittwoch, 20. April, im Deutschen Erdölmuseum in Wietze werden von Dr. Uwe Kallert aus dem Niedersächsischen Umweltministerium einerseits die Vereinbarung und andererseits die Ergebnisse der bisher durchgeführten Untersuchungsmaßnahmen vorgestellt. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr.

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