Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Anmelden
Hintergrund Damit Rassismus keinen Platz hat
Mehr Hintergrund

Aufrüttelnde Referate beim Missionstag / Online-Seminar zu wichtigem Thema

18:22 26.11.2020
Kampfansage gegen Rassismus: Demonstranten beim Protest in Los Angeles.
Kampfansage gegen Rassismus: Demonstranten beim Protest in Los Angeles. Quelle: Ringo Chiu (Archiv)
Anzeige
Gemeinde Südheide - OT Hermannsburg

Um das Thema geht es auch in einer heute beginnenden Online-Seminarreihe des evangelisch-lutherischen Missionswerks in Niedersachsen (ELM). Das in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Erwachsenenbildung veranstaltete „ELMinar“ findet in Form von drei aufeinander aufbauenden Zoom-Konferenzen in englischer Sprache immer freitags von 16 bis 18 Uhr statt und ist kostenlos (Anmeldung hier).

Wie sehr das Thema den leitenden Bischof der evangelisch-lutherischen Kirche im Südlichen Afrika umtreibt, zeigte beim coronabedingt nur per Videokonferenz durchgeführten Missionstag bereits das Eingangsstatement von Job Ubane. Er sprach vom Rassismus in Südafrika als einer traurigen, traumatischen und schrecklichen Geschichte, die noch lange nicht überwunden sei. Auch dass die Kirchen in Südafrika nach wie vor getrennt sind in „weiße“ und „schwarze“ Kirchen, sei vor dem Hintergrund, dass wir alle Kinder Gottes sind, nicht zu verstehen.

"Nicht ‚Opfer‘ der Mission, sondern ‚Täter in Mission‘"

Meinungen wie die, Missionare hätten Schwarzen die Bibel gebracht, aber am Ende den Schwarzen das Land genommen, würden die Stimmung im Land anheizen. Doch Ubane widersprach und verwies darauf, dass er selbst ein „Produkt der Mission“ sei: „Ich wurde getauft und konfirmiert von einem weißen Missionar, den ich Onkel Ernie nannte. Ich bin also nicht ‚Opfer‘ der Mission, sondern aus Überzeugung ‚Täter in Mission‘.“ Trotzdem stellt auch Ubane fest, dass er als Schwarzer immer noch nicht in weißen Nachbargemeinden predigen darf.

Ubane benannte auch die Folgen der „Bantu-Erziehung“, bei der Weiße entschieden, was schwarze Kinder sinnvoll lernen oder nicht lernen sollten. Diese Form der Erziehung wirke bis heute nach und verhindere eine wirkliche „Einheit in Vielfalt“.

„Bei diesen Themen war Kirche gut“

Befragt, ob die Auseinandersetzung mit Rassismus und Diskriminierung in Deutschland im Gegensatz zu Südafrika nicht ausreichend stattfinde, antwortete der hannoversche Landesbischof Ralf Meister, dass dieses Thema tatsächlich nicht weit genug oben auf der Tagesordnung stehe. Er betonte allerdings auch, dass die deutsche Kirche sehr wach sei in Fragen von Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit. „Bei diesen Themen war Kirche gut“, stellte er fest.

Mit Verweis auf die deutsche Geschichte betonte Meister, dass das Thema Rassismus speziell bei uns einen hohen Stellenwert haben müsse – sowohl in der Aufarbeitung des Kolonialismus als europäischem Phänomen, als auch in der historischen Aufarbeitung von rassischem und theologischem Antisemitismus. Für Kirche sei das eine besondere Aufgabe, denn: „Rassismus ist eine Verleugnung Gottes“, sagte Meister.

Silvia Genz, Präsidentin der evangelisch-lutherischen Kirche in Brasilien, thematisierte als weiße Frau, dass die europäischen Nachkommen in dem südamerikanischen Land überall Vorteile hätten – und sie schloss davon auch die Kirche in Brasilien nicht aus. „Wo ist die Kirche Teil der Lösung, wo Teil des Problems?“ Weiße hielten sich oftmals für die „besseren Kinder Gottes“. Wenn irgendwo etwas Illegales passiere, gelte der erste Blick beispielsweise immer der Hautfarbe. Genz appellierte: „Wir müssen bei uns anfangen und so Beispiel geben. Das fängt bei der Aufnahme von farbigen Gemeindegliedern an.“

"Starker Glaube macht nicht immer großzügig“

Diesem Appell schloss sich Landesbischof Meister an: „Wir beanspruchen manchmal sehr exklusiv, eine Glaubensüberzeugung zu haben. Starker Glaube macht nicht immer großzügig anderen gegenüber.“

Ubane betonte, Kirche könne Teil der Lösung sein, wenn sie bereit sei, sich international gegenseitig partnerschaftlich zu unterstützen. Partnerschaftliche Konzepte seien für ihn „Gott in Aktion“. Er sieht in Partnerschaften ein Mittel, dagegen zu protestieren, dass Menschen die Würde genommen werde und dem Hass, der durch die Apartheid befördert wurde, entgegenzutreten. Wie in Brasilien konstatierte er auch für Südafrika, dass europäische Nachkommen von einem systemischen Rassismus profitiert hätten.

Für Landesbischof Meister kann die Kirche maßgeblich zu einer Lösung beitragen – in der Anwendung biblischer Prinzipien zur Überwindung von Alltagsrassismus. Er verwies auf die Schöpfungsgeschichte, nach der wir alle nach dem Bild Gottes geschaffen und daher bereits im Ursprung gleichwertig und würdig seien.

Starke Bilder gegen Rassismus

„Die Bibel hat schöne und starke Bilder, die uns helfen können, Rassismus zu überwinden, aber das reicht offenbar noch nicht,“ sagte Meister und verwies als Hoffnungszeichen darauf, dass noch keine Generation vor uns so vielfältig in anderen Kulturen gelebt habe wie wir. Er selbst sei in eine Schulklasse mit ausschließlich Kindern deutscher Herkunft und Sprache gegangen und habe als Kind wenig Kontakt zu anderen Kulturen gehabt. „Wie anders war das jetzt, als ich bei der Taufe meines Enkels erleben durfte, dass um den Taufstein vermutlich so viele muslimische Freunde wie noch nie standen. Dazu muss man vielleicht wissen, dass mein Sohn eine Fußballmannschaft trainiert“, sagte Meister schmunzelnd. Er setzt auf den Wert von Begegnung.

Tief verankert sei bei Menschen weißer Hautfarbe das Gefühl der Überlegenheit, räumte auch Michael Thiel, Direktor des Evangelisch-lutherischen Missionswerks (ELM), Rassismus auch in der Arbeit des ELM ein. „Rassismus kommt ganz nah an uns heran, bis in die Familie“, sagte Thiel und erläuterte, seine indische Schwiegertochter leide unter ihrem weißen Vorgesetzten, der sie nicht ernst nehme, obwohl sie besser ausgebildet sei als er.

Geld bedeute Macht, sagte Thiel. „Die, die Geld haben, laufen Gefahr, zu sagen, wo es lang gehen soll. Deshalb entscheiden unsere Partnerkirchen und nicht das ELM darüber, wie die Gelder, die das Missionswerk für die Arbeit mit Partnerkirchen generiert, verwendet werden sollen.“

Aufgabe, aus Fehlern der Vergangenheit zu lernen

Muss also die Arbeit von ehemaligen Missionaren in früheren Zeiten aus heutiger Sicht neu bewertet werden? Es sei schwer, das Verhalten von Menschen, die in einer anderen Zeit gelebt hätten, von heute aus zu beurteilen, antwortete Thiel. Klassische Beispiel dafür seien bestimmte Sätze von Martin Luther zum Antisemitismus oder die Bewertung der Kreuzzüge, ergänzte Meister: „Es bleibt unsere Aufgabe, aus der Vergangenheit, auch aus ihren Fehlern, zu lernen und alles dafür zu tun, dass ein Miteinander verschiedener Kulturen entstehen kann, in dem Rassismus keinen Platz hat. Dies ist eine der Aufgaben von Kirche und Mission in diesen Zeiten.“

Von Klaus M. Frieling

Erfahrungen aus Südafrika

Seit Generationen leidet die Familie von Johan Robyn unter dem Rassismus in Südafrika. Der Sozialarbeiter, der für ein vom ELM mitfinanziertes Stadtteilprojekt in Johannesburg arbeitet, fürchtet, dass seine Kinder dieses System unverdienterweise erben werden, wie er in einem Beitrag für die Hermannsburger Einrichtung schreibt, aus dem die CZ Auszüge veröffentlicht:

Den weißen Polizisten mit all seinem Gewicht und seinen Knien auf dem Nacken von George Floyd zu sehen, der um Hilfe schreit und mit seinem letzten Atemzug verzweifelt fleht: „Ich kann nicht atmen …“, erinnert mich an die unzähligen Male, in denen ich selbst nicht atmen konnte, weil eine „weiße Institution“ mich in einem System gefangen hielt, in dem meine Lungen nicht die Luft der Freiheit atmen konnten.
Ich bin geboren zur Zeit der Rassentrennung in Südafrika, der Apartheid. Mir wurde vorgeschrieben, wo ich zu wohnen hatte und wo ich zur Schule gehen musste. Wie für so viele Kinder in der Provinz Westkap, deren Väter einfache Farmarbeiter waren, würde das auch ihre berufliche Zukunft sein. So bestimmte es das System. Denn eines wollte es nicht: dass wir frei sind, frei denken, frei atmen.
Gemäß der Apartheid bin ich ein Coloured. Ich bin also weder schwarz noch weiß. Irgendetwas dazwischen.
Und auch heute noch, 25 Jahre nach dem Beginn der Demokratie, gibt es in Südafrika ein System, das die Menschen in Rassen klassifiziert. Meine Kinder erben ein System, das sie nicht verdient haben.
George Floyd zu sehen, erinnert mich an mein erstes Jahr auf der Oberschule im Jahr 1988. Das Bildungssystem begünstigte weiße Schüler um ein Fünffaches mehr als mich. Mein erstes Jahr an der Oberschule war geprägt von Protesten, Gewalt, Brutalität durch Polizei und Gefängnis. Darüber mit unseren Eltern zu reden, war schwierig. Zu tief hat die Apartheid sie geprägt. Das System der Apartheid war so stark, dass sie glaubten, die Weißen seien im Recht und schwarz sein sei falsch.
Später, in meinem ersten Jahr als Theologiestudent, wurde ich konfrontiert mit einem „weißen Gott“. Er gibt weißen Menschen eine Vormachtstellung. Ich wurde vertraut gemacht mit einem weißen Jesus mit blondem Haar und einem hellen Bart, der weiße Menschen heilt. Und ich realisierte in diesem Moment, dass ein weißer Jesus das Erbe der Apartheid war.
Als ich mich mit einem Professor befreundete, hat er mich mit Dietrich Bonhoeffer vertraut gemacht. In seinem Buch „Nachfolge“ schreibt der im Vorwort über „billige Gnade“: „Wenn Gott einen Menschen ruft, dann ruft er ihn, nachzufolgen und zu sterben.“ Bonhoeffer war im Widerstand gegen die Nazi-Diktatur in Deutschland und wusste, dass Freiheit einen hohen Preis kostet. Ich lernte, dass ich entscheiden kann, wer Gott oder Jesus für mich sein soll. Aber auf jeden Fall war er nicht weiß.
Als Nelson Mandela 1994 Südafrikas Präsident wurde, war dies das wichtigste Ereignis für meine weitere politische Überzeugung. Ich habe 2003 eine Tswana geheiratet, also eine Frau anderer „Rasse“. Unsere Familien haben diese Ehe willkommen geheißen. Als unser erstes Kind geboren wurde, wurde es für uns zu einem Symbol für die Freiheit, die ich als Kind nie hatte. Die Freiheit zu atmen. Doch schon bald wurde diese neue Freiheit wieder angegriffen – jetzt mit dem Unterschied, dass die Farben im Herrschaftssystem gewechselt hatten: Aus Weiß wurde Schwarz.
Das neue Südafrika war noch nicht bereit für eine Ehe verschiedener Hautfarben. Meine Ehefrau wurde als Verräterin bezeichnet, weil sie jemanden geheiratet hatte, der nicht schwarz ist. Ich erfahre, dass das neue System, das uns befreien sollte, die Last der Vergangenheit mit sich trägt. Sie macht es schwer für meine Kinder, frei zu atmen. Und dennoch glaube ich, dass es kein weißes oder schwarzes Südafrika gibt. Für meine Kinder und ihre Zukunft darf es nur ein Südafrika für alle geben.