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Der Norden Land legt weniger Impfstoff zurück
Der Norden

Land legt weniger Impfstoff zurück

16:10 09.02.2021
Eine FFP2-Maske. Foto: Christian Beutler/KEYSTONE/dpa/Symbolbild/Archiv
Eine FFP2-Maske. Foto: Christian Beutler/KEYSTONE/dpa/Symbolbild/Archiv Quelle: Christian Beutler
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Hannover

Hannover (dpa/lni) - Niedersachsen will schneller mit den Corona-Impfungen vorankommen und ändert dafür seine Impfstrategie. Von der erneuten Bund-Länder-Runde am Mittwoch erwartet die Landesregierung keine großen Neuerungen - einige kleinere Lockerungen der Corona-Regeln schiebt sie allerdings selbst an.

IMPFSTRATEGIE: Im Umgang mit dem knappen Impfstoff vollzieht Niedersachsen einen Kurswechsel. Anders als bisher legt das Land nicht mehr die Hälfte der Impfdosen für die späteren Zweitimpfungen zurück, sondern im Falle des Biontech-Impfstoffs nur noch ein Drittel. Damit werde das Land bei den Erstimpfungen schneller vorankommen, erklärte der Leiter des Krisenstabs, Heiger Scholz, am Dienstag. Hintergrund sei, dass die neuen Lieferzusagen der Hersteller verlässlicher seien und andere Länder schon von Beginn an weniger Impfstoff zurückgelegt hätten. Gleichzeitig fielen am Dienstag aber wetterbedingt die Lieferungen für 20 Impfzentren aus.

Bisher sind rund 273 000 Menschen in Niedersachsen gegen Covid-19 geimpft, das entspricht 3,4 Prozent der Bevölkerung. Darunter sind rund 89 000 Menschen, die schon die Zweitimpfung erhalten haben (1,1 Prozent). Bei den Erstimpfungen belegt Niedersachsen damit im Verhältnis zur Einwohnerzahl den bundesweit letzten Platz, bei den Zweitimpfungen schneidet das Land etwas besser ab.

Vordränglern, die sich ohne Berechtigung bereits haben impfen lassen, warf Regierungssprecherin Anke Pörksen «ein unsolidarisches, verwerfliches Verhalten» vor. Sollten sich diese Fälle wiederholen, werde man mit dem Bund darüber sprechen, ob künftig Bußgelder verhängt werden können, sagte sie. Der Krisenstab betonte, dass die Impfzentren klare Anweisungen hätten, wie mit Impfstoffresten verfahren werden solle: Sie sollen gemäß der Impfreihenfolge vor allem Senioren, aber auch medizinischem Personal angeboten werden. Das Land werde aber «nicht neben jede Impfstraße einen Polizisten oder einen Notar stellen», sagte Krisenstabs-Leiter Scholz.

LOCKERUNGEN: Noch vor den Bund-Länder-Beratungen am Mittwoch hat die Landesregierung eine Reihe kleinerer Lockerungen der Corona-Regeln auf den Weg gebracht. Ein Entwurf der neuen Corona-Verordnung sieht vor, dass zum Haushalt gehörende Kinder bis sechs Jahre nicht mehr von der Kontaktbeschränkung erfasst sind. Bisher gilt diese Ausnahme nur für Kinder bis drei Jahre. Außerdem sollen Gartencenter und Autohändler wieder öffnen dürfen, letztere aber nur für Probefahrten.

Das Kultusministerium erwägt dem Papier zufolge darüber hinaus, dass Vorschulkinder zwingend in die Notbetreuung aufgenommen werden müssen, auch wenn die Gruppen dann mehr als die Hälfte der üblichen Größe erreichen. Die neue Verordnung soll dem Entwurf zufolge am 13. Februar in Kraft treten und bis zum 28. Februar gelten. Beschlossen ist sie allerdings noch nicht - Änderungen sind also noch möglich.

Dem Grünen-Familienpolitiker Volker Bajus geht die geplante Ausweitung der Ausnahme für Kinder nicht weit genug. Er forderte die Regierung auf, eine Ausnahme für Kinder bis 14 Jahre festzulegen.

Von der erneuten Bund-Länder-Runde erwartet die Regierung keine gravierenden Änderungen. Es spreche einiges dafür, dass es «zu einer Verlängerung des Status Quo, also weder zu einer grundsätzlichen Verschärfung noch zu einer grundsätzlichen Lockerung» kommen werde, heißt es in einem Schreiben der Staatskanzlei an den Landtag. Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sagte der «Wirtschaftswoche» mit Blick auf die anstehenden Beratungen: «Wir kommen nicht umhin, den Lockdown noch einmal zu verlängern. Das ist angesichts des immer noch hohen Infektionsgeschehens und der Mutationen zwingend.»

MUTANTEN: Die Ansteckungen mit Coronavirus-Varianten nehmen zu. Die Vize-Leiterin des Krisenstabs, Claudia Schröder, erklärte, die Mutanten seien «auf dem Vormarsch». Insgesamt sei der Anteil an den Infektionen aber noch gering. Das Robert Koch-Institut gehe davon aus, dass etwa fünf Prozent der Corona-Fälle auf Mutanten zurückgehen. Hinweise, dass Niedersachsen stärker betroffen sein könnte als andere Bundesländer, habe das Landesgesundheitsamt nicht.

Ein genaues Bild über die Ausbreitung in Niedersachsen fehlt der Landesregierung weiterhin. «Wir wissen noch nicht ganz genau, wie die Mutationen sich hier ausgebreitet haben, wie aggressiv sie sind und wie stark sie den sogenannten R-Wert verändern werden», sagte Regierungssprecherin Pörksen. Der R-Wert gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter statistisch gesehen ansteckt.

Die Ausbreitung der Mutanten hat auch Einfluss darauf, ob eine dritte Corona-Welle mit erneut stark steigenden Infektionszahlen droht. «Wenn die südafrikanische Variante dominant werden sollte, bei der zweifelhaft ist, ob und welche Impfstoffe wirken, dann kriegen wir ganz andere Entwicklungen als wir das gegenwärtig haben», sagte Krisenstabs-Leiter Scholz.

STATISTIK: Insgesamt stieg die Zahl der nachgewiesenen Corona-Fälle in Niedersachsen am Dienstag um 229 auf 148 951 Infizierte. Bisher werden 3650 Todesfälle mit dem Virus in Zusammenhang gebracht, das sind 56 mehr als am Vortag. Rund 88 Prozent der Infizierten gelten mittlerweile als genesen. In den Krankenhäusern werden derzeit 1228 Menschen behandelt, davon werden 190 beatmet.

Der landesweite Sieben-Tage-Wert lag bei 68,5 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner. Für den Fall, dass die sogenannte Inzidenz unter die Marke von 50 sinkt, erwägt die Landesregierung eine Reihe spürbarer Lockerungen, etwa für den Handel und den Tourismus.

© dpa-infocom, dpa:210209-99-367333/3