Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Anmelden
Der Norden Kriminalität im Corona-Tief: Mehr Gewalt und mehr Cybercrime
Der Norden

Kriminalität im Corona-Tief: Mehr Gewalt und mehr Cybercrime

14:50 22.03.2021
Ein Mann hebelt mit einem Brecheisen eine Tür im Keller eines Wohnhauses auf. Foto: Silas Stein/dpa/Symbolbild
Ein Mann hebelt mit einem Brecheisen eine Tür im Keller eines Wohnhauses auf. Foto: Silas Stein/dpa/Symbolbild Quelle: Silas Stein
Anzeige
Hannover

Hannover (dpa/lni) - So wenig Straftaten wie seit 1990 nicht mehr, gleichzeitig aber immer mehr Fälle von Gewalt unter Lebenspartnern: Selbst auf die Zahl der Straftaten hat sich die Corona-Pandemie im vergangenen Jahr in Niedersachsen massiv ausgewirkt.

Die Zahl der Fälle häuslicher Gewalt sei um etwa sieben Prozent auf 21 509 gestiegen, sagte Innenminister Boris Pistorius am Montag bei der Vorstellung der neuen Kriminalstatistik. «Diese Zahlen machen mich betroffen», betonte der SPD-Politiker. Es sei keine Familientragödie oder ein Beziehungsdrama, wenn ein Mann eine Frau töte, weil sie nicht mehr bei ihm bleiben wolle, sondern «schlicht und ergreifend Mord». Nicht für jeden seien die eigenen vier Wände ein sicherer Rückzugsort, sagte Landespolizeipräsident Axel Brockmann. Auch entfielen in der Pandemie Möglichkeiten sozialer Kontrolle durch Nachbarn, Freunde oder Schule.

Insgesamt sank die Zahl der registrierten Straftaten 2020 um etwa zwei Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf 497 158 Fälle. «Seit 1990 gab es nie weniger Straftaten als 2020», sagte Pistorius. Angesichts der Pandemie seien die Zahlen aber nur schwer mit denen der Vorjahre vergleichbar. Förmlich explodiert sei die Zahl der Fälle falscher ärztlicher Atteste bei Demonstrationen - von einem auf 162. Er bitte aber «ausdrücklich» darum, diese Fälle nicht als akute Bedrohung der Sicherheit zu sehen: Das sei eine «Corona-Skurrilität».

MORD, TOTSCHLAG, FAHRLÄSSIGE TÖTUNG: Bei den Straftaten gegen das Leben gab es einen spürbaren Anstieg um 14,6 Prozent auf 417 Fälle. Damit liege der Anteil an der gesamten Kriminalität bei nur 0,08 Prozent, die Folgen für die Opfer seien aber schwerwiegend, sagte Brockmann. In 185 Fällen handele es sich um vollendete Tötungsdelikte - 16 mehr als 2019. Etwas mehr als 88 Prozent der Straftaten gegen das Leben wurden aufgeklärt.

HÄUSLICHE GEWALT: Seit über zehn Jahren registriere die Polizei teils deutliche Anstiege bei der häuslichen Gewalt, sagte Brockmann. 2020 gab es 21 509 Fälle - 1343 Fälle mehr als 2019. Pistorius sprach von einem Beleg dafür, dass Gewalt besonders von Männern gegen Frauen «gesellschaftlich noch viel breiter diskutiert werden muss». Knapp 20 000 Opfer seien im vergangenen Jahr registriert worden, 1200 mehr als ein Jahr zuvor, 73 Prozent seien weiblich gewesen, sagte Brockmann. 29 Menschen seien tödlich, 138 schwer und 11 000 leicht verletzt worden. 24 von 29 Toten seien Frauen. «Je schwerer die ausgeübte Gewalt ist, desto männlicher ist sie», sagte er.

WOHNUNGSEINBRÜCHE: Bei den Wohnungseinbrüchen gab es im Corona-Jahr erneut einen spürbaren Rückgang, nämlich um etwa 18 Prozent auf 7738 Fälle. Binnen fünf Jahren hätten sich die Fallzahlen halbiert, sagte Pistorius. Das begründete er auch mit Corona-Lockdown und Homeoffice - es habe weniger «Tatgelegenheiten» gegeben. Auch vorübergehende Grenzkontrollen dürften sich ausgewirkt haben, ebenso wie besser gesicherte Wohnungen und Kontrollen der Polizei. Über vier von zehn Einbrüchen blieben im Versuchsstadium stecken. Die Aufklärungsquote lag bei 24,63 Prozent.

SEXUALDELIKTE: Es gab etwa 12 Prozent mehr Sexualdelikte. Die Zunahme auf 9033 Fälle hängt laut Brockmann auch mit einer Verschärfung des Sexualstrafrechts Ende 2016 zusammen. Bei Vergewaltigungen sowie vergewaltigungs- oder nötigungsähnlichen Delikten gab es einen Rückgang um etwa 2,1 Prozent auf 1259 Fälle, bei der Weitergabe von kinderpornografischen Videos und Fotos dagegen einen Anstieg um 33,4 Prozent auf 3357 Fälle. Brockmann machte klar, dass Jugendliche und auch Kinder selbst diese Bilder und Videos oft leichtfertig über Messenger-Dienste weitergegeben. Von den 3000 aufgeklärten Fällen würden 35 Prozent Kindern und Jugendlichen zugerechnet.

CYBERCRIME: Die Corona-Pandemie macht es möglich - Fake-Shops im Internet, kriminelle Spendenaufrufe und Phishing-Mails, mit denen Kriminelle persönliche Daten und Passwörter abgreifen wollen, werden immer mehr. Mit 42 785 Fällen und einem Anstieg um 24 Prozent wurde ein neuer Rekord registriert. Die Pandemie habe die Täter veranlasst, sich «neue Tätigkeitsfelder» zu suchen, sagte Pistorius. Kriminalität sei in den virtuellen Raum verlagert worden. Angesichts der Digitalisierung wäre es aus seiner Sicht ein «fatales Signal», künftig wieder Stellen bei der Polizei abzubauen.

GEWALT GEGEN POLIZEIBEAMTE: Bei Gewalt gegen Polizeibeamte gab es ein Plus von 9 Prozent auf 3548 Fälle. Jede Gewalt gegen Polizistinnen und Polizisten sei «verwerflich und inakzeptabel», betonte Pistorius. Bodycams sollen als Hürde diesen. Die Pandemie habe zu der Steigerung beigetragen - wenn etwa Beamte versuchten, Abstandsregeln oder Kontaktbeschränkungen durchzusetzen.

© dpa-infocom, dpa:210321-99-913093/4

Von dpa Von Thomas Strünkelnberg