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Der Norden Rothenburgsort gedenkt der NS-Opfer
Der Norden Rothenburgsort gedenkt der NS-Opfer
18:21 30.06.2019
Von Andreas Babel
Angeregt diskutierten die Teilnehmer über einen möglichen Gedenkort für die ermordeten Kinder des ehemaligen Kinderkrankenhauses Rothenburgsort an der Marckmannstraße in der Thomaskirche. Hinten ist rechts neben Designer Wolfgang Wiedey die Pastorin Cornelia Blum zu sehen. Quelle: Andreas Babel
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Hamburg-Rothenburgsort

Die Verwaltungsmühlen der Freien und Hansestadt Hamburg mahlen langsam. Und vor allem wenn es darum geht, einen neuen Gedenkort einzurichten, der alte Wunden wieder in Erinnerung rufen soll. Die "Aktion Gomorrha" hat den Stadtteil Rothenburgsort nahezu ausgelöscht. Durch alliierte Fliegerangriffe wurde ein Feuersturm ausgelöst, der fast alles Leben in dem Quartier beendete. Unweit des ehemaligen Kinderkrankenhauses Rothenburgsort (KKR) erinnert eine Nachbildung eines Terrassenhauses an die früher hier verbreitete Bebauungsform.

Jüdische Ärzte 1933 aus dem Krankenhaus entfernt

In dem Kinderkrankenhaus selbst haben die damaligen Machthaber ebenfalls für unglaubliches Leid in vielen Familien gesorgt. Die Nationalsozialisten setzten hier 1933 den überzeugten Nazi Dr. Wilhelm Bayer als Chef ein. Vorher setzten sie die beiden leitenden jüdischen Ärzte ab. Dem Sekundärarzt Oskar Herz gelang die Flucht nach Amerika. Den Gründer des Kinderkrankenhauses, den seinerzeit beliebten und geachteten Kinderarzt Carl Stamm, trieben die Nazis in den Tod. Nach Stamm ist heute eine kleine Grünfläche benannt, in der das Terrassenhaus an den Feuersturm erinnert. Außerdem ist einer von 38 Stolpersteinen vor dem 1982 entwidmeten, weil aufgelösten Kinderkrankenhaus für Carl Stamm verlegt worden.

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Stolpersteine erinnern an Carl Stamm und ermordete Kinder

Die übrigen Stolpersteine sollen an die namentlich bekannten behinderten Kinder erinnern, die hier von 1940 bis 1945 getötet worden sind. Direkt nach dem Krieg stellten Ermittler die Zahl von 56 ermordeten Kindern fest. Ein Stein steht für die namentlich unbekannten Opfer. Es sind aber noch weitaus mehr Kinder mit Behinderungen im KKR gestorben, wie die Hamburger Forscherin Hildegard Thevs herausgefunden hat. Für das Gedenkbuch der "Euthanasie"-Opfer hat sie Totenscheine ausgewertet.

Wilhelm Bayer und Helene Sonnemann wurden nie bestraft

Der Leiter des Krankenhauses und seine Untergebenen wurden nie für ihre Taten bestraft. Von 1941 bis 1943 war Dr. Helene Sonnemann die stellvertretende KKR-Leiterin. Sie tötete eigenhändig mindestens zwölf Kinder. Nach dem Feuersturm kam Sonnemann nach Celle, wurde hier Chefärztin der Kinderklinik und heiratete 1952 den einstigen Hitler-Adjutanten Fritz Darges. Sonnemann starb 1998 in Celle. Hier empfahl sie noch in den 1970er Jahren Müttern, ihrem behinderten Kind aktive Sterbehilfe zu leisten.

Hildegard Thevs hat 127 Opfern ihren Namen zurückgegeben

Hildegard Thevs hat 127 Namen von Kindern herausgefunden, die nun offiziell als Opfer des NS-Regimes gelten, obwohl nicht festgestellt werden kann, ob sie hier im KKR getötet worden oder eines natürlichen Todes gestorben sind. Diese sind aber mit einer Behinderung in eine Tötungseinrichtung eingewiesen worden. Diese Behinderungen waren damals ein Grund für eine Todesspritze in der geheim gehaltenen Reichsausschuss-Aktion. Deshalb gehen Thevs und die Verantwortlichen für dieses Gedenkbuch davon aus, dass sie gezielt Opfer dieser Aktion geworden sind.

Erste Gedenktafel erst 1999 am KKR angebracht

Erst im Jahr 1999, also 55 Jahre nachdem das letzte Opfer hier tot gespritzt worden ist, wurde eine kleine schwarze Inschriftentafel an der Fassade des ehemaligen KKR enthüllt. Auf ihr ist die Opferzahl mit 56 angegeben. Über den Tatzeitraum weiß man heute mehr. Vor 20 Jahren ging man davon aus, dass die Tötungsmaschinerie hier erst 1941 einsetzte. Die ersten Opfer gab es aber schon im Jahr zuvor.

2011 folgte die Verlegung von Stolpersteinen

2011 wurden dann 36 Stolpersteine unweit dieses Schildes auf dem Bürgersteig verlegt. Für jedes vor acht Jahren namentlich bekannte Opfer einer. Die Forschung dazu hat Hildegard Thevs betrieben. Erst vor wenigen Wochen kam für Elke Pünner (1935 bis 1943) ein weiterer Stein hinzu. Er ist unschwer zu erkennen, denn viele Menschen laufen und stolpern hier nicht entlang, so dass die anderen Steine schon arg angelaufen, ihre Inschriften schwer zu entziffern sind.

Schon seit fast zehn Jahren Forderung nach Gedenkort

Schon zu Beginn der zweiten Dekade dieses Jahrhunderts sind Stimmen laut geworden, die einen würdigen Gedenkort für die hier zu beklagenden Opfer fordern, unter anderem klar formuliert im Nachwort des Buches "Kindermord im Krankenhaus". Hier bringt der Autor den ehemaligen Turnschuhgang, der die ehemalige Realschule mit der durch die Bombardierung zerstörten Turnhalle verband, ins Gespräch.

Turnschuhgang wäre optimaler Ausstellungsort

Diesen Gedanken griff Thevs während einer Veranstaltung im Rahmen der 2. Kulturwoche Rothenburgsort am Donnerstag, 27. Juni, auf. In der Thomaskirche stellten sie und der Designer Wolfgang Wiedey ein erstes Modell eines möglichen Gedenkortes vor. Das sei "die minimale Lösung", wie Thevs betonte. Eine Unterbringung einer Dauerausstellung in besagtem Turnschuhgang sei zwar das Bestmögliche, weil er ebenerdig und lichtdurchflutet sei, aber undenkbar, weil das Hygieneinstitut, das die Gebäude des einstigen KKR als Pächterin nutzt, auf einen ebenerdigen Zugang für seine zahlreichen Transportmittel angewiesen sei. Und einen solchen Zugang gebe es eben nur in diesem ehemaligen Turnschuhgang.

Turnschuhgang ist äußerst symbolträchtig

Der Turnschuhgang könnte in zweierlei Hinsicht auf die Geschichte an der Marckmannstraße verweisen. Zum einen, weil er ein Überbleibsel der alten Realschule ist, die während des Zweiten Weltkrieges aufgelöst und dem Kinderkrankenhaus einverleibt wurde. Dieses erhöhte damit seine Kapazität auf 600 Betten. Damit war es damals eines der größten reinen Kinderkrankenhäuser Nordeuropas. Zum zweiten endet der Turnschuhgang eben ohne Bestimmungsziel, da dieses (die Sporthalle) wie die meisten Gebäude Rothenburgsorts den Bomben zum Opfer fiel.

Gedenkveranstaltung im Rahmen des „Architektursommers“

Zwei Tage zuvor hatte es eine weitere Veranstaltung zu diesem Thema im Rahmen des „Architektursommers“ gegeben. Im „envilago“, einem offenen Pavillon im Innenhof des Kraftwerks Bille, zeigte die Klasse 9d der Stadtteilschule Bergedorf einige Szenen aus ihrem Stück „Das Kinderkrankenhaus Rothenburgsort“. Nach der halbstündigen Aufführung mit Schauspiel und Gesang zu Klavierbegleitung schloss sich ein Gespräch mit der Aktivistin und Buchautorin Eva Bohne („Was für ein Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung“) und dem Journalisten und ebenfalls Buchautor Andreas Babel („Kindermord im Krankenhaus“) an.

Erst als Bundespräsident sie ehrt, bekennt sich die Mutter zu ihr

Tanja Frank interviewte die beiden und ließ viele Fragen aus dem Publikum und der jungen Schauspieler zu. Die 1932 geborene Eva Bohne leidet an Epilepsie und wurde von ihrer Mutter stets verleugnet. Als drittbeste ihres Abitur-Jahrgangs wollte man sie nicht studieren lassen, erzählte die Zeitzeugin. „So etwas wie du gehört nicht auf eine Universität“, hieß es wenige Jahre nach dem Krieg. Sie ließ sich davon nicht beirren und machte ihren Weg.

Auch Eva Bohne erhielt Luminal

Als Leiterin einer Familienbildungsstätte setzte sich Bohne seit 1970 für die Rechte Behinderter ein. Erst als der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker sie für ihre Zivilcourage auszeichnete, bekannte sich ihre Mutter zu ihr. Die Theaterschauspieler, die auch zwei Tage darauf in der Thomaskirche einige Szenen aus ihrem Stück zeigten, verwendeten dabei oft das Wort „Luminal“. Mit einer Überdosis dieses Schlaf- und Beruhigungsmittels sind die Kinder im KKR getötet worden. „Als ihr dieses Wort benutzt habt, und ihr habt es oft benutzt, habe ich jedes Mal einen Stich verspürt. Denn auch ich habe dieses Mittel damals zur Beruhigung erhalten“, sagte Bohne.

Aktivistin kämpft gegen Standesdünkel von Akademikern an

Die Zeitzeugin ermunterte die Schüler, stets nachzufragen, sich ihren eigenen Kopf zu machen und sich für Schwächere einzusetzen. Sie berichtete von ihrem Kampf gegen Akademiker und davon, dass diese lange Zeit nichts von ihren Bestrebungen haben wissen wollen. Babel pflichtete ihr bei, dass auch er den Eindruck habe, dass vor allem die Mediziner und die Historiker in Hamburg nicht genug dafür tun, das Unrecht der NS-Zeit aufzudecken und darüber aufzuklären. Auch mit der Einrichtung neuer, aber wichtiger Gedenkorte tue sich die Hansestadt unverständlicherweise sehr schwer, waren sich die Gesprächsteilnehmer einig.

In der Thomaskirche Rothenburgsort wird es konkreter

Dazu wurde es dann zwei Tage später in der Thomaskirche konkreter. Pastorin Cornelia Blum hat ihr Gotteshaus zum wiederholten Mal geöffnet, um der Opfer des KKR zu gedenken. An die Spitze des von Privatleuten und Initiativen getragenen Vorhabens, „eine Gedenkstätte für die zu Tode gekommenen Kinder im Kinderkrankenhaus Rothenburgsort“ zu verwirklichen, hat sich die Präsidentin der Hamburger Bürgerschaft und lokale SPD-Bürgerschaftsvertreterin Carola Veit gesetzt.

Stadtteilschule Bergedorf tritt wieder auf

Nach einigen einführenden Worten von Hildegard Thevs und den Darbietungen der Schüler, die sogar am Abend des ersten Ferientags auftraten und sich anschließend lebhaft in die Diskussion über die mögliche Ausgestaltung des Gedenkorts einbrachten, leitete Veit über zum Designer Wolfgang Wiedey, der seinen Entwurf vorstellte.

Bürgerschafts-Präsidentin spricht von „unfassbarem Wahnsinn“

Veit sagte, dass man seit zwei, drei Jahren dabei sei, sichtbar zu machen, was hier an „unfassbarem Wahnsinn“ in diesen Gebäuden stattgefunden habe. Viele fragten sich: „Warum sieht dieser Ort so aus, wie er aussieht? Warum sieht man nicht, was da war?“ Man müsse immer wieder in Erinnerung rufen, dass nicht alle Täter bestraft wurden, dass sie es auch nach dem Krieg „noch immer richtig fanden, was sie dort gemacht haben“. Das sei heute besonders wichtig, wo Parteien gewählt würden, „die so etwas zu machen, sich auch heute wieder vorstellen könnten“.

Wolfgang Wiedey plant den Gedenkort

Wolfgang Wiedey erläuterte, dass er seit Jahrzehnten mit Kuratoren zusammen die Ausstellungen der KZ-Gedenkstätte Neuengamme gestalte. Während die Kuratoren für die inhaltliche Ausgestaltung verantwortlich seien, gebe er dem Ganzen die äußere Form.

Freundeskreis der KZ-Gedenkstätte Neuengamme als Träger

In Vorgesprächen mit dem Eigentümer der denkmalgeschützten Gebäude habe man nun einen Platz für den Gedenkort zwischen Marckmannstraße und der äußerst rechten Ecke des historischen Gebäude-Komplexes ins Auge gefasst. Hier stehe ein 18 Meter langer und 5 Meter tiefer Streifen zur Verfügung, den er beplant habe. Die Planung trägt übrigens der Freundeskreis der KZ-Gedenkstätte Neuengamme.

Stelen und Pulte mit Informationen geplant

Im Mittelpunkt dieser Fläche soll ein Weg auf drei Stelen zuführen, auf denen die bekannten 126 Namen und Lebensdaten der gestorbenen Kinder zu lesen sein sollen. Um diese Stelen herum sollen fünf oder sechs niedrige Pulte angeordnet werden, auf deren Tafeln man die nötigen Informationen zur Geschichte des KKR und speziell zur NS-Zeit nachlesen kann. Es sollen auch Fotos gezeigt werden. All das soll so komprimiert sein, dass man dafür nur fünf bis zehn Minuten Zeit benötige.

Ruhebank und robuste Materialien

Die Anlage soll durch eine Ruhebank abgeschlossen werden, auf der man verweilen könne und die ganze Anlage im Blick haben soll. Zudem soll der Grabstein des ermordeten Mädchens Lisa Huesmann hier einen würdigen Platz finden. Die sehr haltbaren Stelen sollten aus demselben Lochblech beschaffen sein, die auch für 60 Stelen in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme verwendet worden sind. Darauf würde man Emailletafeln anbringen, die „sehr, sehr lange halten“, wie Wiedey anmerkte. Diese Materialien hätten sich bewährt und zudem könne man illegale Graffiti von Emaille wieder gut entfernen.

Diskussion über Eyecatcher

Die Schüler der Stadtteilschule Bergedorf regten an, als Eyecatcher die Bank einem Kinderbett aus dem ehemaligen KKR nachzuempfinden. Man solle aber nicht zu deutlich auf das KKR verweisen, meinte Wiedey, denn jeder solle sich selbst seine Gedanken dazu machen. Eine Besucherin meinte zudem, dass viele Besucher es als pietätlos ansehen könnten, sich auf ein solches Kinderbett zu setzen. Hildegard Thevs brachte als „Blickfang“ einen Zylinder ins Spiel, in dem man Bauklötze stapeln könne, auf denen die Kindernamen teilweise zu lesen oder in dem Spritzen und Spielzeug zu sehen sein könnten.

Kosten in Höhe von 30.000 Euro müssen aufgebracht werden

30.000 Euro würde eine solche Installation etwa kosten. Hinzu kommen die Kosten für die Herrichtung des Untergrunds. Zusätzlich könne man über ein Beleuchtungskonzept nachdenken, meinte Veit. Aus dem Kreis der Interessierten kam die Anregung, im keine 100 Meter entfernten „Haus der Jugend“ einen Raum für Gruppen anzubieten, die sich dort über das am Gedenkort Erfahrene auszutauschen könnten. Hier könne man auch mobile Infotafeln vorhalten. Auf jeden Fall müsse es in ganz komprimierter Form Unterrichtsmaterialien geben, damit sich Schulklassen auf das Thema gut vorbereiten können, so Veit.

Musical-Produzent Dirk Schattner engagiert sich

Seit sich der Regisseur, Autor, Produzent und Dramaturg Dirk Schattner für das Projekt engagiert, hat es einen enormen Anschub erhalten. Schattner ist Neu-Rothenburgsorter und war so schockiert, als er von den Verbrechen im KKR erfuhr, dass er das Musical „Nimmerwiederkehr“ schrieb, das er schon mehrere Male aufführen ließ. Darin hat er die NS-Vergangenheit des KKR und deren Nachwirkung verarbeitet. Über ihn gab es auch den Kontakt zur Stadtteilschule Bergedorf.

Geschwister der Opfer wünschen sich Ort zum Trauern

Die Verhandlungen mit dem Gebäudeinhaber will die Initiative sensibel führen. Der Gedenkort müsse auch so gestaltet werden, dass er im Falle einer Nutzungsänderung der Gebäude abgebaut und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden könne. Hildegard Thevs, die seit mehr als einem Jahrzehnt über das KKR forscht, wies zum Schluss darauf hin, dass die Geschwister der Opfer gerne einen Ort zum Trauern hätten. Und die Geschwister seien wie sie schon in einem Alter, in dem sie nicht mehr viel Zeit dazu hätten. Die meisten seien schon über 80 Jahre alt.