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Der Norden Gastgewerbe von Mallorca-Regelung frustriert
Der Norden

Gastgewerbe von Mallorca-Regelung frustriert

16:00 16.03.2021
Blick in den Plenarsaal des Landtags von Niedersachsen. Foto: Julian Stratenschulte/dpa/Archivbild
Blick in den Plenarsaal des Landtags von Niedersachsen. Foto: Julian Stratenschulte/dpa/Archivbild Quelle: Julian Stratenschulte
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Hannover

Hannover (dpa/lni) - Nach der Aufhebung der Reisewarnung für Mallorca und andere Urlaubsgebiete ist die Enttäuschung bei niedersächsischen Touristikern und Gastronomen groß. Während Osterurlaub etwa auf der Lieblingsinsel der Deutschen wieder möglich ist und Reiseveranstalter eine sprunghafte Nachfrage registrieren, bemängeln die Experten fehlende Öffnungsperspektiven für den Tourismus zwischen Harz und Küste. «Wir können da schon nicht mehr über eine Enttäuschung sprechen. Bei vielen ist es eine tiefsitzende Frustration», sagte der Hauptgeschäftsführer des Dehoga Niedersachsen, Rainer Balke, am Dienstag.

Das Unverständnis ist besonders an der Küste groß, wo Gastronomen und Hoteliers noch immer auf ein Ostergeschäft hoffen. «Für uns Gastronomen war es ein Schlag in die Magengrube, als diese Nachricht mit Mallorca kam», sagte der Vorsitzende des Dehoga-Verbandes Wilhelmshaven, Olaf Stamsen. «Wir haben uns da verraten gefühlt von der bundesdeutschen Politik, diese Gebiete freizugeben.» Auch in Deutschland gebe es Regionen mit niedrigen Inzidenzen wie die Ostfriesischen Inseln. «Wo ist der Unterschied zwischen Spiekeroog, Wangerooge und den Balearen?», fragte Stamsen. In Hotels und Gaststätten seien umfassende Hygienestrategien erarbeitet worden.

Seit Sonntag ist Urlaub auf Mallorca und in anderen Regionen Spaniens, Portugals und Dänemarks wieder ohne Quarantäne und Testpflicht nach der Rückkehr möglich - rund zwei Wochen vor Beginn der Osterferien in Niedersachsen. Die Hotels hierzulande sind dagegen mindestens noch bis zum 28. März geschlossen. Wie es weitergeht, soll erst am 22. März von Bund und Ländern entschieden werden.

Trotz Aufrufen aus der Politik, auf nicht notwendige Reisen zu verzichten, verzeichnete der Reisekonzern Tui in den vergangenen Tagen nach eigenen Angaben doppelt so viele Mallorca-Buchungen wie im gleichen Zeitraum 2019, vor der Corona-Pandemie. «Wir haben uns daher entschieden, das Angebot für die Osterferien zu verdoppeln und bieten jetzt über 300 Hin- und Rückflüge an», teilte der Geschäftsführer von Tui Deutschland, Marek Andryszak, am Dienstag mit. Die ersten Tuifly-Flüge sollen am 21. März in Hannover, Düsseldorf, Frankfurt und neuerdings Stuttgart abheben. Der Reiseveranstalter weitet außerdem sein Hotelangebot auf Mallorca aus.

Der Betreiber eines Ferienparks im Landkreis Goslar und ein Restaurant-Besitzer aus dem Kreis Lüchow-Dannenberg wollen die Ungleichbehandlung nicht hinnehmen und ziehen mit Unterstützung des Branchenverbandes Dehoga vor Gericht. Am Montag eingereichte Eilanträge richten sich demnach gegen das Beherbergungsverbot und die Schließung der Gastronomie. Eine Sprecherin des niedersächsischen Oberverwaltungsgerichts in Lüneburg bestätigte den Eingang.

Die Landesregierung sah wegen steigender Zahlen bei Neuinfektionen und Corona-Patienten auf Intensivstationen zuletzt kaum noch eine Chance auf Osterurlaub im eigenen Land. Es helfe auch nicht, Urlauber etwa vor dem Betreten der Fähren zu den Nordseeinseln zu testen, sagte Regierungssprecherin Anke Pörksen. Selbst ein negatives Testergebnis in diesem Moment gebe keine Gewissheit, dass die Betroffenen sich nicht in den Tagen zuvor oder auf der Bahnfahrt zur Fähre infiziert hätten und es in Folge nicht vermehrt zu Infektionsfällen auf den Inseln komme.

Tourismusverbände etwa an der Küste fordern allerdings schon seit längerem eine umfassende Teststrategie, die Folgetests auch an den Urlaubsorten miteinbezieht. Der Vorsitzende des Tourismusverbandes Niedersachsen, Sven Ambrosy (SPD), sagte, es stelle sich die Frage nach einem Strategiewechsel. «Dieses Hangeln von Lockdown zu Lockdown wird von der Bevölkerung immer weniger akzeptiert - das gilt nicht nur für den Tourismus, sondern für alle Wirtschaftsbereiche und den privaten Bereich», sagte der Landrat des Kreises Friesland. «Wenn wir dann noch hören, dass man nach Mallorca fliegen kann, dann kann ich die Wut der Gastronomen und der Touristiker bei uns schon verstehen.» Stattdessen solle auf die Vier-Säulen-Strategie mit Impfen, Testen, digitaler Nachverfolgung und Beachtung der Hygieneregeln gesetzt werden.

Der Geschäftsführer der Marketinggesellschaft Ostfriesische Inseln, Göran Sell, sagte, er wünsche sich noch vor den nächsten Bund-Länder-Gesprächen am 22. März ein Signal, «ob und wie Urlaub auf den Inseln aussehen kann». Es sei zu erwarten, dass zu Ostern etwa auf Borkum viele der 2500 Zweitwohnungsbesitzer auf die rund 5000 Einwohner zählende Insel kommen werden - das entspreche rund 5000 Gästen. «Wir werden hier einfach mehr Leben haben. Da muss man fragen, ob noch vermittelt werden kann, den Tourismus weiterhin geschlossen zu lassen», sagte Sell.

Sell verwies auf die aktuellen Überlegungen in der Politik, den Sieben-Tage-Inzidenzwert nicht als einzigen Steuerungswert für Öffnungen heranzuziehen. Dies müssten letztendlich Fachleute entscheiden. «Aber wir Touristiker brauchen eine Orientierung, um zu wissen, wann geht etwas, wann geht etwas nicht.»

Zuvor hatte etwa Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) vorgeschlagen, den Inzidenzwert zu einem gewichteten Risikowert weiterzuentwickeln. Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) hatte den Vorstoß zum Abrücken vom Inzidenzwert als alleinigem Kriterium für Corona-Lockerungen abgelehnt.

© dpa-infocom, dpa:210315-99-831414/3