Kita, Schulen, Feuerwehr

Winser Bauboom geht weiter

Die Gemeinde Winsen wird in den kommenden Jahren viel Geld ausgeben. Diverse Bauprojekte stehen in den Startlöchern.

  • Von Simon Ziegler
  • 23. Okt. 2021 | 18:02 Uhr
  • 12. Juni 2022
Im Baugebiet An der Trift in Südwinsen geht es demnächst richtig los.
  • Von Simon Ziegler
  • 23. Okt. 2021 | 18:02 Uhr
  • 12. Juni 2022
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Winsen.

Es dürfte nicht mehr allzu lange dauern, bis Winsen die 14.000-Einwohner-Marke knackt. Derzeit steht die Gemeinde bei etwa 13.700 Einwohnern. "Die Zahlen steigen stetig", sagt Bürgermeister Dirk Oelmann. Und jetzt geht das Bauen im Südwinser Neubaugebiet "An der Trift" ja erst los. Winsen boomt seit Jahren. Dass sich daran so schnell etwas ändert, ist nicht zu erwarten.

Sparkasse, Aldi, Sporthalle

Mit der wachsenden Gemeinde muss die Infrastruktur mithalten. In Winsen wurde bereits in den vergangenen Jahren enorm investiert. Private Unternehmen wie die Sparkasse oder Aldi haben im Winser Zentrum investiert, die Gemeinde wiederum hat ebenfalls große Summen ausgegeben. Allein die neue Sporthalle war ein Projekt, das mit Parkplätzen und Busbahnhof rund neun Millionen Euro gekostet hat, Fördergelder inklusive.

Im Winser Rathaus ist man optimistisch: Das Geld ist weiterhin billig.

Die kommenden Jahre dürften in Winsen abermals im Zeichen von Millionen-Projekten stehen. Im Rathaus werden derzeit mehrere Großprojekte geplant. Eines der größten Vorhaben ist die neue Kindertagesstätte in Südwinsen, die im Baugebiet am Kreisel gebaut wird. Die Gemeinde rechnet mit Kosten von drei Millionen Euro. "Nächstes Jahr planen wir. Baubeginn soll 2023 sein", sagt der Bürgermeister. Zum Beginn des Kita-Jahres 2024 soll alles fertig sein.

Grundschulanbau beginnt schon bald

Schon in Kürze soll zudem der umstrittene Anbau an die Grundschule erfolgen. Zur Erinnerung: Die Schule ist eigentlich zu groß. Das Land schreibt maximal vierzügige Grundschulen vor. Das Haus am Amtshof ist aber sechszügig. Weil ein geplanter Anbau diesen Zustand verfestigen würde, hatte die Landesschulbehörde erklärt, den Anbau nicht zu akzeptieren. Oelmann hatte daraufhin angekündigt, den Streit notfalls vor Gericht auszutragen. „Ich sitze das aus“, hatte er öffentlich erklärt. Bewegung in den festgefahrenen Streit kam schließlich Ende des vergangenen Jahres, als die Grundschule sich zu einem Schulversuch bereit erklärte. Ein Schulversuch ist eine wissenschaftlich begleitete Probephase, in der mit Zustimmung des Kultusministeriums eine neue Organisationsform oder Unterrichtsmethode ausprobiert wird.

Im alten Haesler-Bau hinter Aldi soll demnächst das Haus der Vereine realisiert werden.

Der Anbau soll nach vorne Richtung Rathaus realisiert werden. Schon in diesen Tagen wurden fünf Eichen gefällt. "Der Baubeginn ist im Januar geplant. Wir rechnen mit einer Bauzeit von gut einem Jahr. Die Eröffnung ist zum Schuljahresbeginn 2023/24 vorgesehen“, erklärte Oelmann. Der Anbau soll rund 3,5 Millionen Euro kosten. Einen ähnlichen Betrag nimmt in den kommenden Jahren auch der Landkreis Celle in die Hand, um für die Oberschule am Meißendorfer Kirchweg vier neue Räume zu schaffen und die Lehrküche zu sanieren.

Neues Gebäude für Feuerwehr geplant

Ein Betrag dieser Größenordnung ist schließlich für das neue Feuerwehr-Gerätehaus im Gespräch, das nach Lage der Dinge im Gewerbegebiet Taube Bünte West realisiert werden könnte. Zumindest hat die Gemeinde dort ein 5000 Quadratmeter großes Grundstück reserviert. Die Realisierung wird allerdings dauern. Politisch ist noch nichts entschieden. Der Bau einer modernen Heimstätte für die Winser Brandbekämpfer wird erst für 2025/26 anvisiert.

Das ist aber längst nicht alles, was sich in Sachen Infrastruktur in der Gemeinde entwickeln soll. Im Haesler-Gebäude hinter dem neuen Aldi-Markt, also dem früheren Hauptschuldomizil, soll das Haus der Vereine entstehen. In der Wilfried-Hemme-Halle gehen derzeit Sanierungsarbeiten über die Bühne. Es geht um Decke, Beleuchtung und Lüftung. Kostenpunkt: 800.000 Euro. Gegenüber der neuen Sporthalle soll ein Mehrgenerationenplatz geschaffen werden. Hier soll eine Summe von etwa 350.000 Euro in die Hand genommen werden. Dazu kommt noch der Umbau des Bauhofes für eine halbe Million Euro. Dieser ist zu klein und soll erweitert werden.

Schwimmbad-Sanierung im Blick

Und dann könnte in den kommenden Jahren auch das Thema Schwimmbad-Sanierung auf die Agenda kommen. Bürgermeister Oelmann spricht von einem "Riesenprojekt". Das Schwimmbad stammt aus den 70er Jahren, ist also fast ein halbes Jahrhundert alt. "Wenn man das richtig macht, landet man schnell bei einem zweistelligen Millionen-Betrag", glaubt der Winser Verwaltungschef. Zwar gibt es Fördermittel, doch der große Batzen wird von den Winsern getragen werden müssen. Indes liegen noch keine konkreten Zahlen und Pläne für die Schwimmbad-Sanierung auf dem Tisch.

Für den Grundschulanbau wurden bereits Bäume gefällt.

Die Auflistung zeigt, in welchen Dimensionen finanziell in der Gemeinde gedacht wird. Das Erstaunliche: Die Gemeinde will die Projekte – das Schwimmbad ausgenommen, das ist Zukunftsmusik – weitgehend ohne neue Kredite finanzieren. "Wir sind sehr liquide", sagt Oelmann. "Wir würden diese Projekte nicht angehen, wenn wir nicht überzeugt wären, es finanziell und personell zu schaffen."

Unternehmen überweisen so viel wie nie zuvor

Kämmerin Anke Schumann liefert die Zahlen dazu. Die Gemeinde hatte ausgerechnet das Corona-Jahr mit einem Mega-Plus abgeschlossen. Wegen sehr hoher Gewerbesteuer-Einnahmen wurde 2020 ein Überschuss von zwei Millionen Euro erzielt, hatte Schumann Anfang des Jahres mitgeteilt. Sie konnte es selbst kaum glauben. Insgesamt hatten die Winser Unternehmen 2020 rund 6,3 Millionen Euro überwiesen.

Der kürzlich veröffentlichte Halbjahresbericht zeigt, dass es 2021 noch besser weitergeht. Stand heute kalkuliert die Kämmerei am Ende dieses Jahres mit einem Plus von 3,7 Millionen Euro. Denn Schumann erwartet die höchsten Gewerbesteuer-Einnahmen der Winser Geschichte. "Wir liegen jetzt schon bei sieben Millionen Euro", sagt sie. Die Zahlen entwickelten sich viel besser als gedacht. Das Winser Gewerbe scheint ausgesprochen robust zu sein. Eine Corona-Delle oder eine Pleite-Welle erwartet die Kämmerin nicht mehr.

Boomtown Winsen.

Außerdem wird in den kommenden Monaten mit großen Einnahmen kalkuliert. Der Verkauf der rund 70 Grundstücke im Neubaugebiet An der Trift in Südwinsen wird rund acht Millionen Euro in die Kassen spülen. Das bedeutet: Die hohen Gewerbesteuer-Einnahmen auf der einen und der Verkauf des Baulands auf der anderen Seite sollen die neue Kita, den Grundschul-Anbau, den Bauhof-Umbau und nach Möglichkeit das neue Feuerwehrhaus finanzieren.

Winsen steht bei Banken in der Kreide

Auf der anderen Seite steht aber ein Schuldenberg von rund 22 Millionen Euro. Vor allem der Bau der neuen Sporthalle hatte die Winser Schulden in die Höhe getrieben. Klar ist aber: Große Sorgen bereiten die Kredite derzeit im Rathaus niemandem. Die Projekte sind langfristig finanziert, der Zinssatz ist niedrig. "Wir tilgen jedes Jahr eine Million Euro Schulden", sagt Anke Schumann. "Unser Ziel ist aber, keine neuen investiven Schulden zu machen."

Das Schwimmbad ist in die Jahre gekommen, doch eine Sanierung könnte eine zweistellige Millionensumme kosten.

Unterdessen kann es in Zukunft nicht mehr darum gehen, immer größer zu werden und immer schneller zu wachsen. Das Thema Nachhaltigkeit wird auch in den Kommunen immer wichtiger. Vor allem Baugebiete und Einfamilienhaus-Siedlungen werden zunehmend kritisch beäugt. Die Stichworte lauten Versiegelung von Fläche und eine miserable CO2-Bilanz. Bürgermeister Oelmann sagt es so: "Nachhaltigkeit ist das wichtigste Thema des neuen Rates." Nach seinen Worten werde es nach einem möglichen Baugebiet am Waller Kreisel in Winsen keine Neubaugebiete mehr geben. "Dann geht es nur noch über Nachverdichtung", schätzt der Bürgermeister die Lage ein. Das bedeutet konkret, dass in Zukunft zum Beispiel darüber nachgedacht werden muss, Grundstücke zu teilen. Nicht nur in den Außendörfern, sondern auch im Kernort gibt es Grundstücke, die teils mehrere tausend Quadratmeter groß sind.

Baugebiete sind schlecht fürs Klima

Einparteienhäuser gelten als Klimasünder. Sie verbrauchen viel Fläche, viele Baustoffe, viel Energie. Und sie sorgen für Zersiedelung und damit für noch mehr Verkehr. Baugebiete am Ortsrand auszuweisen, fällt der Politik vergleichsweise einfach. Im Zentrum für Nachverdichtung zu sorgen, ist viel schwieriger. Soziologen sehen die Gefahr von Donut-Dörfern. Außen prall, innen hohl. Das mag für Winsen angesichts eines lebendigen Ortskerns derzeit nicht gelten. Doch wer weiß schon, wie die Gemeinde in 20 oder 30 Jahren aussieht?

Die Frage nach der Umweltverträglichkeit kam zuletzt auch im Zusammenhang mit dem geplanten Lindhorst-Projekt "Östlich Poststraße" auf den Tisch. Das heimische Unternehmen will dort in zweiter, dritter Reihe hinter Poststraße und Celler Straße sechs Wohnblöcke mit fast 90 Wohnungen bauen. Politik und Verwaltung stehen ganz klar hinter dem Vorhaben. Die Nachfrage nach Mietwohnungen in bester Winser Lage wird als hoch eingeschätzt.

Was wird aus Winsens Grüner Lunge?

Allerdings wird dafür die "Grüne Lunge" Winsens verschwinden oder zumindest stark verkleinert. So sieht es zumindest Ingrid Schröter, die direkt neben dem Planungsgebiet eine Weide besitzt. Sie gab zu bedenken, dass die Wiesen als Nahrungsfläche für die Störche wichtig seien. Das Projekt verhindern konnte sie freilich nicht. Es gehe Stück für Stück weiter, heißt es im Rathaus. Die Bauleitplanung ist indes noch nicht abgeschlossen. Im dritten oder vierten Quartal 2022 könnte dann gebaut werden.

Andererseits: Wohnblöcke mit vielen Wohnungen haben pro Kopf eine deutlich bessere CO2-Bilanz als Einfamilienhaus-Siedlungen. Grundsätzlich ist es schädlicher für das Klima, ein eigenes Haus zu bewohnen als eine Wohnung. Es ist also paradox: Auf der einen Seite verschwindet Grünfläche mitten in Winsen, auf der anderen Seite sind kleinere Wohneinheiten ökologisch sinnvoll. Gut möglich, dass es künftig noch mehr dieser Debatten geben wird.