Rührige Ortsräte

Hier wird im Celler Westkreis angepackt

Ob in Stedden, Wolthausen, Bannetze, Thören oder walle: In den Ortsräten der Gemeinde Winsen (Aller) wird nicht nur politisch gearbeitet.

  • Von Andreas Babel
  • 27. Aug. 2020 | 06:30 Uhr
  • 12. Juni 2022
  • Von Andreas Babel
  • 27. Aug. 2020 | 06:30 Uhr
  • 12. Juni 2022
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Winsen.

Die Entscheidung des Winser Gemeinderates, die Ortsräte zu verkleinern, trifft bei den Betroffenen vielfach auf Unverständnis. So zum Beispiel bei Christian Peters. Der pensionierte Berufssoldat gehört dem Ortsrat Wolthausen/Stedden seit 30 Jahren an und ist seit 20 Jahren Ortsbürgermeister. Er weiß also, wovon er spricht. Die Entscheidung des Rates, die Gremien zu verkleinern, verstoße aus seiner Sicht gegen demokratische Prinzipien, denn man lasse die Stimme derjenigen, die es angeht, nämlich die Stimme der Ortsräte, dabei völlig unberücksichtigt.

Jeder hat eigenen Charakter

„Alle Ortsräte haben ihre eigene Struktur und ihre eigene Kultur, quasi ihren eigenen Charakter“, sagt Peters. In Wolthausen sei es zum Beispiel Aufgabe des Ortsbürgermeisters, für alle Beerdigungen die Träger des Sarges zu organisieren. Doch die vielfältigen Aufgaben mit nur noch fünf Ortsratsmitgliedern zu bewältigen, sei für ihn „unvorstellbar“. Genauso wie die Tatsache, dass dann wahrscheinlich Wolthausen nur noch vier Aktive und das deutlich kleinere Stedden sogar nur noch über ein Mitglied verfügen würden. „Da schafft man die Arbeit nicht“, sagt Peters. Außerdem sagt er: „Die Entscheidungen müssen auf breite Füße fallen.“ Damit meint er, dass viele Meinungen eher ein abgerundetes, repräsentatives Bild ergeben als wenige.

Keine Einsparung?

Große Einsparungen sieht Peters durch die Verkleinerung der Ortsräte nicht: „Vorlagen für fünf Ortsratsmitglieder anstelle für neun zu schreiben und zu vervielfältigen, bringt keine Einsparung. Die Arbeit für die Verwaltung ist die gleiche.“ Seine Arbeit laufe das gesamte Jahr über, in den zwei Ortsratssitzungen werde nur die Arbeit vollzogen. Er könne in all den Jahren seines Wirkens die Fälle an zwei Händen ablesen, in denen es keine einstimmigen Entscheidungen in dem Gremium gegeben habe. „Das liegt daran, dass man die Abstimmungen vernünftig durch Gespräche vorbereitet hat, alles durch- und abgesprochen hat“, erläutert Peters.

Und das läuft in Wolthausen und in Stedden

Wenn die neue Örtzebrücke über die B3 gebaut wird, wird der Ortsrat als Bauherr einen Aussichtsturm errichten, damit die Dorfbevölkerung dieses Jahrhundertereignis verfolgen kann. „Die Stämme dafür sind geschlagen, das Holz gesägt und trocknet jetzt, wenn es nicht gerade regnet. Wenn der Bau der Brücke beginnt, wollen wir auch den Turm errichten“, so Peters.

Spielplatz und Bikertreffen

Für den Spielplatz hat der Ortsrat entschieden, aus welchen ehemaligen Fahr- und Flugzeugen Spielgeräte werden. Die Dorfgemeinschaft hat sie dann aufgestellt. Der Fußballverein, der am Sportplatz sich eine richtige Anlage aufbauen will, wird vom Ortsrat unterstützt, ebenso das Bikertreffen und die Seniorenweihnachtsfeier. „Wir sind eigentlich der Vorstand der Dorfgemeinschaft“, meint Peters.

Lebendige Partnerschaften

Mit Leben erfüllt der Ortsrat die Partnerschaft mit Erxleben, die vor 30 Jahren von seinem Vorgänger im Amt, Friedhelm Hasselmann, begründet wurde, und die im vorletzten Jahr von ihm selbst initiierte Patenschaft mit der Bundeswehr (VI. Inspektion Internationales Hubschrauberausbildungszentrum in Faßberg). Schon damals hat der Ortsrat im Dorf die Meinung dazu abgefragt, heute mache er das auf modernen Wegen ebenso, sagt Peters. Außerdem organisiert der Ortsrat Hand- und Spanndienste, bei denen Wege freigeschnitten und ausgebessert werden. Beim „Tag der Bundeswehr“ in Faßberg hat sich der Ort mit einem Stand präsentiert. Von Stedden ist dabei immer wenig die Rede, aber das Dorf liegt auch ein paar Kilometer von Wolthausen entfernt und führt somit ein Eigenleben.

Im Waller Ortsrat ohne Parteiarbeit

Um gemeinsam etwas für den Ort zu bewegen, hat man in Walle schon früh erkannt, dass man ohne Parteien mehr Einigkeit im Ort erzielt. Seit 2001 muss niemand, der im Ortsrat mitarbeiten möchte, einer Partei angehören. Annette Ahrens ist seit 2013 Ortsbürgermeisterin. „Ich empfinde es als gute, gemeinsame Zusammenarbeit. Wir treffen uns regelmäßig, nicht nur zu den Ortsratssitzungen, zwecks Gedankenaustausch und um entsprechende Themen zu besprechen“, sagt sie.

Und darum kümmert sich der Ortsrat Walle

In erster Linie sind die Ortsratsmitglieder vor Ort die Ansprechpartner für die Bürger. Der Ortsrat hat schon mehrere Dorffeste organisiert. Im Waller Zentrum, dem Sportheim, finden fast alle Aktivitäten im Dorf statt. Die verschiedenen Vereine (Förderverein, Schützenverein, Sportverein und Spielmannszug) üben hier ihre Aktivitäten aus. Es geht darum, die Vereine zu unterstützen. Eine große Aufgabe besteht in der Terminverwaltung. Der Ortsrat organisiert die ständige Sportheimbelegung mit anderen Treffen, Versammlungen, Veranstaltungen und Vermietungen.

Der Ortsrat hat sich auch dafür eingesetzt, dass das Sportheim erweitert und saniert wird. „Um die Kosten der Gemeinde für Walle gering zu halten, haben wir für den Anbau mit Sanierung der Umkleidekabinen Eigenleistungen eingebracht: mehr als 4000 Arbeitsstunden, die durch mehr als 100 freiwillige Helfer erbracht wurden“, so Ahrens. Auch beim Kindergartenumbau wurde mitangepackt. Benefizveranstaltungen, um Geld für die Anschaffung einer Küche zusammenzubekommen, hat der Ortsrat organisiert.

Sitzecke eingerichtet

Um das Ortsbild zu verschönern, wurde eine Sitzecke an der L298 in Eigenregie geplant und umgesetzt. „Wir haben uns um Pflastersteine, Sitzgruppe, Info-Häuschen, Geräte, Maschinen und entsprechende Helfer gekümmert. Die Gemeinde hat einen kleinen Teil an Material zur Verfügung gestellt, den Rest haben wir gemacht“, so Ahrens.

Ortsrat Walle packt an

Der Waller Friedhof wurde von den Wallern seinerzeit selbst angelegt. Es wurden Pflasterarbeiten in Eigenleistung durchgeführt. Für einen Glockenturm hat sich der Ortsrat stark gemacht und selbst errichtet. Jetzt hat der Ortsrat ein Konzept aufgestellt, das den Fortbestand sichern soll. In Hand- und Spanndienste werden die Traubenkirsche bekämpft und Bäume und Sträucher ausgeschnitten. Bei den jährlichen Aktionen werden Geräte und Fahrzeuge vom Ortsrat gestellt oder organisiert, um die Gemeindekosten zu schonen. 2012 hat der Ortsrat mit vielen Helfern zusammen ungefähr 500 Winterlinden an Wegen und Straßen gepflanzt.

Infoveranstaltungen organisiert

Der Ortsrat organisiert regelmäßig Infoveranstaltungen, zum Thema Einbruchschutz, Enkeltrick und Straßensanierung beispielsweise. „Diese führte dazu, dass der Gemeinderat das Thema aufgriff und es zur Abschaffung der Strabs in der Gemeinde kam“, führt Ahrens als Erfolg an.

Befragung und "Bruderbaumplatz"

Im vergangenen Jahr hat der Ortsrat eine Befragung zum Breitbandausbau durchgeführt und daraufhin Gespräche mit dem Landkreis und der SVO geführt, um aufgrund der großen Nachfrage einen Ausbau zu realisieren. Zudem hat er neue Gebiete für Bauplätze erarbeitet. Der historische „Bruderbaumplatz“ wurde durch Waller Bürger hergerichtet. Hier hat der Ortsrat unterstützt. In diesem Jahr hat der Platz noch eine neue Eiche bekommen, die durch Spenden finanziert wurde. Gratulationstermine für die älteren Mitbürger sowie Hochzeitsjubiläen übernimmt in Walle der Ortsrat genauso wie die Seniorenweihnachtsfeier.

Ortsbürgermeisterin weiß nicht, wie es weitergehen soll

„Da stellt sich uns die Frage: Wie soll es hier weitergehen, wenn die Ortsräte verkleinert werden? Wer übernimmt all diese Aufgaben, die gut für den Ort sind, aber auch zu enormen Einsparungen bei der Verwaltung führen?“, fragt sich Ahrens.

Bannetze/Thören baut und organisiert

„Wir sehen den Ortsrat auf der gleichen Ebene wie auch die sechs Fachausschüsse des Gemeinderates, zum Beispiel beraten der Schul- und Sportausschuss und auch der Bauausschuss Sachthemen vor und geben ihre Empfehlung dann an den Rat zur Beschlussfassung weiter“, sagt Heinrich Leymers. Der Ortsbürgermeister von Bannetze und Thören weist darauf hin, dass einige Ortsratsmitglieder seit Jahrzehnten tätig sind und als bekannte Personen den Bürgern des Ortes zur Verfügung stehen: „Sie sind somit Ansprechpartner für Sorgen, Nöte und Anregungen der Einwohner und tragen deren Anliegen repräsentativ zur Gemeindeverwaltung, entweder direkt oder über die Ortsratssitzung.“ Ein Generationsquerschnitt sei im Ortsrat Bannetze/Thören gegeben.

Die Hauptaktionen des Ortsrates

Jährlich wird der Damm von Bewuchs im Zuge des Hochwasserschutzes befreit, ein Defibrillator wurde am Dorfgemeinschaftshaus angebracht, welches vom Ortsrat geführt wird, die Spielplatzaktion, der Wegebau und viele kleine Projekte wurden in Eigenleistung umgesetzt unter Mithilfe einzelner Einwohner, wie zum Beispiel Reparaturen, Ersatzleistungen und Neuanfertigungen, ohne dafür Haushaltsmittel in Anspruch zu nehmen. Darüber hinaus organisiert der Ortsrat Aktionen, Feiern und Treffen für die Dorfgemeinschaft – beispielsweise die Seniorenweihnachtsfeier, das Dorffest und das Weihnachtsbaum-Aufstellen.

Das ist in Bannetze und Thören geplant

Die größte Aktion in den vergangenen Jahren war der Neubau des Dorfgemeinschafts- und Feuerwehrhauses. „Hier haben wir in Eigenleistung der Gemeinde rund 70.000 Euro gespart“, so Leymers: „Für die Zukunft haben wir unter anderem folgende Punkte in Planung: den Hochwasserschutz, das Aufwerten der Grünanlage zwischen Dorfgemeinschaftshaus und neuem Spielplatz, die weitere Dorfentwicklung einvernehmlich mit den Bürgern zu planen, den Dorferneuerungsplan hinsichtlich der Verkehrsberuhigung der Ortsdurchfahrten umzusetzen, eine Boule-Bahn für Bannetze und die Zugänglichkeit zur Aller zu erhalten.“

„Nur mit vielen Schultern erfolgreich“

In dieser Wahlperiode wurden von 57 Punkten 20 vom Ortsrat entschieden, meist ging es um Zuschüsse. Leymers abschließend: „Nur wenn die ehrenamtliche Tätigkeit des Ortsrates auf mehrere Schultern verteilt ist, wird ein Ortsrat auch künftig erfolgreiche Arbeit leisten können. Ich bin sicher, wenn man den Ortsräten Verantwortung für ihren Ort überlässt, werden sich auch in Zukunft Personen finden, die sich ehrenamtlich für ihren Ort und deren Bürger einsetzen.“

Ortsräte schon im kommenden Jahr reduziert?

Nachdem wir vor einiger Zeit die Arbeit des Ortsrates Meißendorf beispielhaft dargestellt haben, sind heute die Ortsräte von Wolthausen/Stedden, Walle und Bannetze/Thören dran. Der Ortsrat von Südwinsen wird noch in dieser Woche gesondert thematisiert. Die Ortsräte hatten sich allesamt für eine Beibehaltung der jetzigen Stärken von 8 bis 11 stimmberechtigten Mitgliedern ausgesprochen. Der Gemeinderat Winsen hat sich während seiner jüngsten Sitzung am 15. Juli über diese Abstimmungen auf Ortsratsebene hinweggesetzt und für eine einheitliche Reduzierung auf nur noch jeweils fünf Mitglieder entschieden. Das basierte auf einem Antrag der AfD-Fraktion. Begründet war der Antrag mit Kosten- und Ressourcen-Einsparungen. Umgesetzt werden sollen die Reduzierungen schon im Zuge der nächsten Kommunalwahlen im kommenden Jahr.