Drogenschmuggel in Winsen

Trucker wussten nichts über illegale Geschäfte

Der "Encrochat-Komplex" reicht bis nach Winsen - hier hatte eine Drogenbande ihren Umschlagplatz eingerichtet. Thema gleich mehrerer Prozesse.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 02. Dez. 2021 | 09:00 Uhr
  • 12. Juni 2022
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  • 02. Dez. 2021 | 09:00 Uhr
  • 12. Juni 2022
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Winsen.

Gestern setzte das Landgericht Lüneburg den Prozess gegen Younis D. fort. Die Anklageschrift wirft dem gebürtigen Hamburger bandenmäßigen Rauschgiftschmuggel vor. Verteidiger Christian Denzel kündigte eine „teilgeständige Einlassung“ des Mandanten an.

Der 28-Jährige war im Frühjahr 2020 nach Spanien gereist, um dort die Verhandlungen einzelner Kartellmitglieder zu dolmetschen. „Herr D. wusste, dass es um Marihuana geht“, fügte der Anwalt hinzu. Der Angeklagte ist bislang nicht vorbestraft. Gegenüber der Kammer gab er an, während seiner Tätigkeit in der Gastronomie in Hamburg mit Leuten aus der Drogenszene in Kontakt gekommen zu sein. Viel spricht dafür, dass der junge Mann Voraussetzungen erfüllte, die ihn in der geheimen Schattenseite aufstiegen ließen: verschwiegen, sprachbegabt, zielstrebig.

Trip ans andere Ende der Welt

Younis D., Sohn einer deutschen Mutter und eines marokkanischen Vaters, war im Januar von Madrid nach Kolumbien geflogen. Wie ihm das trotz der Corona-Reisebeschränkungen gelang, ist Gegenstand weiterer Ermittlungen. Genauso wie die Frage, was hinter dem Trip ans andere Ende der Welt steckte. In Lateinamerika hielt sich D. rund vier Monate auf. Die europäische Polizeibehörde hatte ihn bereits auf dem Schirm. Anfang Mai klickten in Kolumbien die Handschellen.

Der Dreh- und Angelpunkt der Bande lag gut gewählt in der Mitte zwischen Hamburg und Hannover: eine Lagerhalle in Winsen. Dort kam die „heiße Fracht“ an und wurde wie auf einem Rangierbahnhof verteilt. Die Pflanzen züchteten die Kriminellen in einem extra dafür angebauten Bunker am Stadtrand von Barcelona heran.

Der Logistikstandort an der Hornbosteler Straße ist Grundlage mehrerer Gerichtsverfahren . Zwei finden in Lüneburg mit jeweils einem Angeklagten statt. Der größte Prozess beschäftigt Richter am Landgericht Hannover. Doch die 11. Große Strafkammer in Lüneburg hat ein Problem: Acht Zeugen, die die Vorsitzende Richterin Silja Precht im Zeugenstand empfangen wollte, ließen wegen Beteiligung an der Bande oder verwandtschaftlicher Nähe zu Younis D. über ihre Anwälte mitteilen, dass sie die Aussage verweigern.

„Langer und schwieriger Ermittlungskomplex“

Das Gericht befragte einen Ermittler des Landeskriminalamtes Niedersachsen. Der Fahnder berichtete von einem „langen und schwierigen Ermittlungskomplex“. Wer besondere Verschlüsselungstechnik bei Mobilfunk-Kontakten nutzen will, müsse Kontakte haben, gab der Beamte aus Hannover zu Protokoll. „Inoffizielle Shops“, so beschrieb es der Polizist, verkaufen Abos. 1500 Euro für sechs Monate sei dabei schon als Freundschaftspreis zu verstehen.

Die Sicherstellung der Chatverläufe von zahlreichen Verdächtigen entpuppte sich als Schatz für die Strafverfolger – auch deshalb, weil so auch die Hintermänner der Rauschgiftgeschäfte nach und nach vor Gericht landen. Anfang 2020 war es französischen und niederländischen Ermittlern und IT-Forensikern von Scotland Yard gelungen, die verschlüsselte Kommunikation über einen „Encrochat“-Server mitzulesen. 2250 Ermittlungsverfahren wurden seither allein in der Bundesrepublik eingeleitet. In fast allen spielt die organisierte Rauschgiftkriminalität eine Rolle.

Der LKA-Mann kam zum Ende seiner Befragung noch einmal auf die Abläufe in Winsen zu sprechen. Die Kriminellen beschäftigten in der Halle spezielle „Entlader“, die genauso wie die extra aus Litauen angeheuerten Lkw-Fahrer nichts von dem illegalen Treiben wussten.

Von Benjamin Reimers

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