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Winsen „Am Anfang war die Flucht wunderschön“
Celler Land Winsen „Am Anfang war die Flucht wunderschön“
14:03 13.06.2010
Von Simon Ziegler
Mauerfall: Flucht über die Ostsee
Mauerfall: Flucht über die Ostsee Quelle: Simon Ziegler
Winsen (Aller)

Es ist der 11. Oktober 1988, 21 Uhr. Peter Faust steigt in Ahrenshoop, dem Künstlerdorf auf der Halbinsel Fischland, in ein Schlauchboot. Wegen der Kälte hat er einen Taucheranzug an. Aus einem Hockeyschläger hat der 48-Jährige ein Segelbügel gebaut, denn er will nach Dänemark segeln. In die Freiheit.

Die Vorgeschichte: Im Frühjahr 1988 ist eine Tante von Fausts Ehefrau Margret in Köln schwer erkrankt, sie erblindete. Die beiden wollten sie gemeinsam besuchen, aber nur Margret bekam die Genehmigung – und fuhr. Nach zwei Wochen Aufenthalt am Rhein machte sie auf der Rückreise Zwischenstopp in Wolfsburg. Endlich kam eine Telefonverbindung nach Leipzig zustande. Erst jetzt erfuhr sie, dass der Antrag ihres Mannes abgelehnt wurde. Spontan fasste sie den Beschluss: Ich bleibe. Das Maß an Demütigungen war voll.

Am nächsten Tag stellte Peter Faust einen Antrag auf endgültige Ausreise aus der DDR. Und dann fielen die entscheidenden Sätze: „Wir werden sie doch nicht belohnen, dass sie nach einem halben Jahr ihren Mann wiederbekommt, obwohl sie Republikflucht begangen hat. Ob Sie ihre Frau in vier oder in zehn Jahren oder gar nicht wiedersehen, das bleibt uns überlassen“, sagte ein Mitarbeiter der Stadt Leipzig. Für Faust blieb nur eine Möglichkeit: Die illegale Ausreise.

„Ein halbes Jahr habe ich die Flucht vorbereitet“, sagt er heute, der mit seiner Frau in einem hübschen Haus in Winsen wohnt. Fünf verschiedene Wege fasste er ins Auge. Am Ende stand fest, dass es der Weg über die Ostsee sein wird.

In Prag kaufte er das rote Schlauchboot, das noch heute im Fluchtmuseum am Checkpoint Charlie in Berlin besichtigt werden kann. Am 7. Oktober sollte das lebensbedrohliche Abenteuer in die Freiheit beginnen, doch ein Sturm machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Faust, von Beruf Architekt, hat den Plan geändert. Vom Fischland will er auf dem kürzesten Weg nach Gedser segeln.

In Ahrenshoop hat er wenige Tage später eine geeignete Stelle gefunden. Ein kleiner Streifen Strand wird von den Lichtkegeln der Grenzer nicht erreicht. Dann paddelt er los, so schnell er kann. Bei zwei bis drei Windstärken sind die Verhältnisse ideal. Nach einer Viertelstunde wird er vom Lichtkegel voll erfasst. Sofort lässt er die Paddel fallen, denn sie sind das Hellste am Boot.

Er wird nicht entdeckt. Er montiert sein Hockeyschläger-Rigg und ist selbst erstaunt über die Geschwindigkeit, die er erreicht. Faust orientiert sich am Leuchturm Darßer Ort und entdeckt den Leuchtturm von Gedser. Die Nacht ist sternenklar. „Eigentlich war der Anfang der Flucht wunderschön.“

Doch die Bedingungen ändern sich. Nach Mitternacht bewölkt sich der Himmel, gegen 2.30 Uhr erfasst ihn die erste Bö. Der Wind hat seine Richtung geändert. Faust friert entsetzlich. Es beginnt der stundenlange Kampf eines einsames Mannes auf dem Meer.

Am Morgen wird die See immer rauher. Der Leuchtturm Gedser ist verschwunden. Faust orientiert sich jetzt nur noch an seinem Kompass aus Kindertagen. Mehrmals rollen riesige Wellen auf die kleine Nussschale zu. Mit einem Schwamm versucht er, das Boot von den Wassermassen zu befreien. Wegen des Windes muss er die Richtung ändern. Am Vormittag hat er Halluzinationen vor Erschöpfung. „Ich war so kaputt, dass ich mich auch von einem DDR-Boot hätte retten lassen“. Er sieht Fähren – und kann sich doch nicht bemerkbar machen.

Um 11.37 Uhr kommt die Rettung, in Form eines weißen Flecken, der langsam größer wird. Das westdeutsche Passagierschiff Dania hat den Mann entdeckt und fährt auf ihn zu. Ein Besatzungsmitglied fragt ihn, wer er sei. „Ich komme aus der DDR und möchte gerettet werden.“ Und dann folgt das, was er noch heute unglaublich findet. Die 600 meist dänischen Passagiere klatschen Beifall, als er an Bord ist. Später sammeln sie sogar Geld. 645 Mark.

Peter Faust wird zum Bundesgrenzschutz an Land gebracht. Endlich kann er seine Frau in Celle anrufen, die von all dem nichts gewusst hat. „Es war nicht zu fassen, als er mit dem Zug in Celle ankam.“

1992 zog das Ehepaar von Celle nach Winsen. Peter Faust bekam nach wenigen Wochen eine Stelle als Architekt in Hambühren. Seine Frau arbeitet noch immer als Hebamme im St. Joseph-Stift – wie schon 1988.