Pflegestation geschlossen

Senioren hinters Licht geführt?

Vor 20 Jahren wurden in Hermannsburg Eigentumswohnungen in einem Gebäudekomplex mit einer Pflegeeinrichtung verkauft. Doch nun schimpfen die Senioren.

  • Von Christopher Menge
  • 24. May 2022 | 19:00 Uhr
  • 14. Jun 2022
  • Von Christopher Menge
  • 24. May 2022 | 19:00 Uhr
  • 14. Jun 2022
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Hermannsburg.

Von diesem Werbeslogan fühlten sich Otto und Ruth Hoburg angesprochen: "So viel Freiheit wie möglich, so viel Betreuung wie nötig", zitiert der 83-jährige Otto Hoburg. Vor rund 20 Jahren kaufte das Ehepaar daher eine Eigentumswohnung am Timm-Willem-Weg in Hermannsburg. Der Gebäudekomplex bestand zum einen aus den Wohnungen, zum anderen aus einem Pflegetrakt mit Küche. "Damit wollten wir im Alter abgesichert sein, wenn mal einer alleine dasteht", sagt Otto Hoburg. "Dann könnte man da einziehen und würde mit versorgt und im Fall der Fälle stationär gepflegt werden." Doch seit das Deutsche Rote Kreuz (DRK) den Pflegetrakt übernommen hat, ist nichts mehr so wie es war – und wie es einst versprochen wurde. "Von einen Tag auf den anderen Tag wurde die Essensversorgung eingestellt", berichtet Wohnungseigentümer Otto Hoburg. Die Pflegestation wurde geschlossen.

Für Hoburgs Tochter Sylvia Lier ist es ein Unding, wie mit den "wehrlosen Senioren" umgegangen wird. "Das ist im hohen Maß unanständig", sagt sie. Die Wohnungen seien mit einem eindeutigen Versprechen veräußert worden. Das Problem: Vertraglich wurde beim Kauf der Wohnungen nichts bezüglich der Betreuung und Pflege vereinbart.

DRK hat Pflegestation in Hermannsburg 2018 übernommen

"Welche Zusagen den Eigentümern Anfang 2000 gemacht wurden, können wir nicht beantworten", sagt Ketija Talberga, Vorstand des DRK-Kreisverbandes. "Als DRK haben wir die damalige stationäre Pflegeeinrichtung erst im Jahr 2018 übernommen. Darüber hinaus haben wir eine Pflegestation für die ambulante Pflegeversorgung eingerichtet und die Verträge mit den Bewohnern neu abgeschlossen." Die stationäre Einrichtung sei im September 2021 nach einem modellhaften Konzept und einer Förderung des Landes in zwei ambulant betreute Wohngemeinschaften mit je zehn Plätzen umgewandelt worden. "Auch die Bewohner der Häuser 6 und 8 (außerhalb der Wohngemeinschaften) haben jederzeit die Möglichkeit, die Pflege als ambulante Leistung vom DRK in Anspruch zu nehmen und werden bereits von uns versorgt", sagt Talberga.

DRK bietet Wohngemeinschaften in Hermannsburg an

Das neue Konzept der Wohngemeinschaften enthalte eine Verpflegung in der kleinen Gemeinschaft und nicht mehr zentral, sodass die ehemalige Küche im Erdgeschoss nicht mehr im Betrieb sei. "Nach der Umstrukturierung haben wir jedoch eine Alternative in Eigenregie ausgearbeitet, die wir den Bewohnern, inklusive Probeessen, vorgestellt haben", berichtet Talberga. "Diese wurde aus unterschiedlichen Gründen, unter anderem Kostengründen, abgelehnt." Außerdem habe das DRK den Betrieb eines Bistros ausgeschrieben, aber keine Bewerbungen bekommen. "Wir sehen aktuell keine Möglichkeiten für die zirka zwölf Personen, die regelmäßig ein Mittagsangebot in Anspruch nehmen würden, ein den qualitativen und preislichen Vorstellungen entsprechendes Angebot unterbreiten zu können", sagt der DRK-Vorstand.

Seniorenresidenz Timm-Willem-Weg: Wohnungseigentümer sind sauer

Das schmeckt den Eigentümern der 30 Wohneinheiten nicht. Auch Otto und Ruth Hoburg fühlen sich hinters Licht geführt. Da das Seniorenpaar noch fit ist und in seinem Haus in Baven leben kann, ist die Wohnung in der Seniorenresidenz Timm-Willem-Weg derzeit an eine 80-jährige Frau vermietet.

Sylvia Lier hat dafür gekämpft, dass das Thema bei der Eigentümerversammlung am Mittwochabend auf die Tagesordnung kommt. Die Senioren wollen wissen, was aus dem einstigen Versprechen geworden ist.