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Südheide Ausbildungsberuf von Handarbeit bis Hightech
Celler Land Südheide

Bei Rheinmetall in Unterlüß: Ausbildungsberuf von Handarbeit bis Hightech

14:26 25.01.2021
Nico Schneider muss seinen Körper schützen, wenn er verschiedene Farbschichten zum Beispiel auf Maschinen oder Metallkonstruktionen aufbringt.
Nico Schneider muss seinen Körper schützen, wenn er verschiedene Farbschichten zum Beispiel auf Maschinen oder Metallkonstruktionen aufbringt. Quelle: Lothar H. Bluhm
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Unterlüß

„Ich bin ein extremes Heimatkind“, gesteht Nico Schneider mit gutem Gewissen. Er findet sich zu Hause am besten zurecht, mag es, in seiner Freizeit zu Hause zu sein, fährt gern Skateboard, spielt Fußball und genießt das heimische Umfeld und seinen Freundeskreis. Da war sein Umzug von Wietze nach Beckedorf in eine Wohngemeinschaft schon eine Herausforderung. „Habe ich aber gut gemeistert“, sagt der 21-Jährige jetzt.

Dem "extremen Heimatkind" Nico Schneider macht die Ausbildung sichtlich Spaß. Quelle: Lothar H. Bluhm

Seit einem Jahr bei Rheinmetall

Fast wie zu Hause fühlt sich Nico Schneider seit über einem Jahr auch in seinem Ausbildungsbetrieb in Unterlüß. Über die Internetseite „StepStone“ fand er vor fast zwei Jahren die Stellenausschreibung zur Ausbildung zum Verfahrensmechaniker für Beschichtungstechnik, bewarb sich und wurde nach einem Vorstellungsgespräch in dem Technologiekonzern Rheinmetall angenommen.

Eine der modernsten Anlagen in der Region

„Das ist ein ganz neuer Beruf“, sagt Abteilungsleiter Volker Tiegs und unterstreicht, dass im nächsten Jahr noch zwei Auszubildende gesucht werden. „Es geht um die Oberflächenbeschichtung von Holz, Metall und Kunststoff.“ In seinem Beruf muss der Auszubildende also Farben, Lacke und andere Beschichtungsstoffe auf Holz-, Metall- und Kunststoffflächen auftragen. Dies geschieht maschinell oder manuell mit verschiedenen Verfahren der Oberflächenbeschichtungstechnik.Dazu steht ihm in Unterlüß eine der modernsten Anlagen in der Region zur Verfügung – mit Luftdruck-Absaugung. „Selbst Volkswagen hat solch eine Spritzkabine nicht“, weiß Lackierermeister Tiegs.

Ausbilder bei Rheinmetall in Unterlüss ist Lackierermeister Volker Tiegs. Quelle: Lothar H. Bluhm

Er muss zur BBS 3 in Hannover

Der Beruf ist noch so neu, so dass Schneider zur Berufsschule nach Hannover fahren muss. Die BBS 3 beschult in der Abteilung Farbtechnik und Raumgestaltung Fahrzeuglackierer und Verfahrensmechaniker für Beschichtungstechnik zum Teil gemeinsam. Das sei möglich und sogar sinnvoll, weil sich viele Arbeits- und Fachgebiete der beiden Berufsbilder überschneiden und die Lehrpläne ähnlich aufgebaut sind, berichtet Schneider nach seinen bisherigen Erfahrungen. Schließlich planen beide Berufsgruppen die Arbeitsabläufe, koordinieren sie mit den vor- und nachgelagerten Fertigungsprozessen und bereiten Werkstücke für die Beschichtung vor.

Das Logo der BBS 3 Hannover Quelle: cz

Fahrerkabine eines Schleppers in Arbeit

Gerade steht Nico Schneider vor einer technisch überarbeiteten Fahrerkabine eines John-Deere-Schleppers. „Die Kabine wurde zunächst total zerlegt und mit Verstärkungen durch Panzerplatten wieder zusammengebaut“, schildert Schneider die vorhergehenden Arbeiten. Nun gelte es für ihn, die Kabine mit verschiedenen Farben zu beschichten. Vom Sonderlack schwarz bis zur endgültigen Lackierung. Im Datenblatt sind sämtliche Arbeitsschritte und Materialien präzise beschrieben, sind einzelne Komponenten des Arbeitsprozesses genau erfasst.

Das will alles beschichtet sein. Quelle: Lothar H. Bluhm

Er wollte eigentlich Polizeikommissar werden

Eigentlich wollte Schneider, als er noch zum Hermann-Billung-Gymnasium in Celle ging, Polizeikommissar werden. Er hatte auch bereits einen Studienplatz sicher und absolvierte ein praktisches Jahr im Einsatz- und Streifendienst. „Das war gar nicht schlecht: Ich habe viel gelernt“, zieht er seine Bilanz. „Mir wurde aber auch bewusst, dass der Job mit viel Büroarbeit zu tun hat. Zu viel. Und das wollte ich nicht.“ Deshalb kam die Rheinmetall-Stellenausschreibung gerade recht. Parallel bewarb er sich auch bei MTU in Langenhagen und bei Mercedes. „Hier lief aber das Gespräch sehr gut. Hier gab es Sympathiepunkte“, berichtet Schneider. Da sei das Ja keine Frage mehr gewesen, als die Zusage kam. „Das entspricht komplett meinen Vorstellungen – eher noch mehr…“ Der Beruf sei sehr facettenreich, vom Bestrahlen über Beschichten zur Pulverbeschichtung und noch andere Techniken. „Hier ist das echte Handarbeit, wobei auch die Hightech bedient wird.“

Nico Schneider muss auch sein Gesicht beim Farbschichtenauftragen schützen. Quelle: Lothar H. Bluhm

"Extremes Heimatkind" verfolgt drei Ziele

Nico Schneider verfolgt nun drei Ziele: die Ausbildung beenden; hier in der Firma Erfahrungen sammeln und Weiterbildungsmöglichkeiten nutzen. „Wie gesagt: Ich bin ein extremes Heimatkind…“

Nachgefragt bei Katja Wegener

Oberstudienrätin Katja Wegener ist Teamleiterin der Fahrzeuglackierer und Verfahrensmechaniker für Beschichtungstechnik, Abteilung Farbtechnik, an der BBS 3 der Region Hannover.

Oberstudienrätin Katja Wegener ist Teamleiterin der Fahrzeuglackierer und Verfahrensmechaniker für Beschichtungstechnik, Abteilung Farbtechnik, an der BBS3 der Region Hannover, Ohestraße 6 in 30169 Hannover. Quelle: cz

Wie lange dauert die Ausbildung zum Verfahrensmechaniker für Beschichtungstechnik?
Die Ausbildung zum Verfahrensmechaniker für Beschichtungstechnik dauert in der Regel drei Jahre. Lernstarke und praktisch gute bis sehr gute Auszubildende können die Ausbildung auf zweieinhalb Jahre verkürzen. Mit Abitur ist es auch möglich, nur zwei Jahre zu lernen.

Es handelt sich um eine duale Ausbildung, also in Schule und Betrieb. Sie sind für den schulischen Teil verantwortlich. Worum geht es da?
Da es nicht viele Azubi in diesem Bereich gibt, werden die Verfahrensmechaniker meist zusammen mit Fahrzeuglackierern beschult. Das ist auch bei uns in der BBS 3 Hannover der Fall. Der gemeinsame Unterricht ist möglich und sogar sinnvoll, weil sich viele Arbeits- und Fachgebiete der beiden Berufsbilder überschneiden und beide Rahmenlehrpläne ähnlich aufgebaut sind. In den ersten vier Lernfeldern des ersten Ausbildungsjahres geht es hauptsächlich um die zu beschichtenden Untergründe und um Vorbehandlungs- und Nachbehandlungsverfahren. Im zweiten Ausbildungsjahr befassen wir uns unter anderem mit verschiedenen Beschichtungsverfahren und im dritten Jahr liegt der Fokus auf dem gesamten Prozess. Prozessüberwachung, Qualitätssicherung, der Einsatz von umweltschonenden Verarbeitungs- und Entsorgungstechniken sind hier die wichtigen Stichpunkte.

Und wie gliedert sich die Ausbildung?
Nach eineinhalb Jahren findet eine praktische und theoretische Zwischenprüfung statt, die über den Ausbildungsstand des Azubi Auskunft geben soll. Nach drei Jahren findet die praktische und theoretische Abschlussprüfung statt. Da sich die Schwerpunkte der praktischen Ausbildung in den Ausbildungsfirmen stark voneinander unterscheiden, findet die praktische Zwischenprüfung vollständig im Ausbildungsbetrieb statt. Die Azubi bekommen morgens ein Projektaufgabe gestellt, die sie im Laufe des Tages abarbeiten. Prüfer begleiten sie dabei. Die praktische Abschlussprüfung umfasst eine betriebliche Projektaufgabe, die die Azubi gemeinsam mit ihren Ausbildern planen, dann selbstständig durchführen und auswerten, und eine Präsentation dieses Projekts inklusive Fachgespräch, in dem die Auszubildenden zu ihrem Projekt dem Prüfungsausschuss Rede und Antwort stehen.

Wem würden Sie die Ausbildung empfehlen?
Es sind keine besonderen Voraussetzungen erforderlich, die meisten Ausbildungsbetriebe erwarten aber einen Haupt- oder Realschulabschluss. Interesse an praktischer Arbeit sollte unbedingt vorhanden sein. Dennoch sollte klar sein, dass es hier weniger um das Herstellen beziehungsweise Lackieren einer perfekten Oberfläche geht. Das Berufsbild ist so angelegt, dass der gesamte Beschichtungsprozess verantwortet wird. Hier ist eine gewisse Anpassungsfähigkeit gefragt. Einige Beschichtungsbetriebe benötigen Fachkräfte, die in der Lage sind, zum Beispiel chemische Zusammensetzungen von Vorbehandlungsbädern zu analysieren und zu bewerten. Hier sind Auszubildende gesucht, die gute Kenntnisse und Interesse an Naturwissenschaften mitbringen und bereit sind, kräftig dazuzulernen.

Und wie sind die Aussichten nach der Ausbildung?
Die Übernahmeaussichten sind sehr gut. Schauen Sie mal genau hin: Fast jeder Alltagsgegenstand ist beschichtet! Trotz der Spezialisierung der Betriebe in diesem Bereich gibt es sehr gute Möglichkeiten zu wechseln, denn die praktische und auch theoretische Ausbildung ist sehr breit ausgelegt.

Von Lothar H. Bluhm

Verfahrensmechaniker für Beschichtungstechnik

Was macht man in diesem Beruf?

Verfahrensmechaniker für Beschichtungstechnik tragen Farben, Lacke und andere Beschichtungsstoffe auf Holz-, Metall- und Kunststoffflächen auf. Dies kann maschinell oder manuell mit verschiedenen Verfahren der Oberflächenbeschichtungstechnik geschehen.

Hierfür bedienen, überwachen und pflegen sie entsprechende Einrichtungen und Anlagen. Sie planen

die Arbeitsabläufe, koordinieren sie mit den vor- und nachgelagerten Fertigungsprozessen und bereiten Werkstücke für die Beschichtung vor. Außerdem führen sie Qualitätskontrollen durch.

Wo arbeitet man?

Beschäftigungsbetriebe:

Verfahrensmechaniker für Beschichtungstechnik finden Beschäftigung

• in Industriebetrieben des Maschinen- und Anlagenbaus oder des Fahrzeugbaus

• in der Möbelherstellung

• in der Elektroindustrie

• in der Kunststoff verarbeitenden Industrie

• in Industriebetrieben der Oberflächenveredlung

Arbeitsorte:

In erster Linie

• in Werkhallen und Werkstätten (Spritzkabinen, Lackierstraßen, Farbmischstationen, Tauch- oder

Trockenanlagen)

Welcher Schulabschluss wird erwartet?

Rechtlich ist keine bestimmte Schulbildung vorgeschrieben. In der Praxis stellen Betriebe überwiegend Auszubildende mit mittlerem Bildungsabschluss ein.

Worauf kommt es an?

• Sorgfalt (zum Beispiel beim Arbeiten mit Spritzpistolen oder Spritzautomaten)

• Beobachtungsgenauigkeit und Aufmerksamkeit (zum Beispiel Wahrnehmen von Unregelmäßigkeiten an

Untergründen während des Beschichtungsprozesses)

• Geschicklichkeit (zum Beispiel beim Beizen, Schleifen und Grundieren der Beschichtungsobjekte)

• Entscheidungsfähigkeit und Reaktionsgeschwindigkeit (zum Beispiel rasches Erkennen und Beseitigen von

Störungen im Fertigungsprozess)

Wichtige Schulfächer:

• Chemie/Physik (zum Beispiel beim Prüfen von Oberflächen und Auswählen von geeigneten chemischen

und physikalischen Behandlungsverfahren)

• Werken/Technik (zum Beispiel beim Bedienen von Maschinen und Anlagen; technisches Zeichnen)

• Mathematik (zum Beispiel beim Durchführen von Flächen-, Raum- und Materialberechnungen für Beschichtungszwecke)

Was verdient man in der Ausbildung?

Beispielhafte Ausbildungsvergütungen pro Monat (für Niedersachsen):

Beispiel Metall- und Elektroindustrie

1. Ausbildungsjahr: 1000 Euro

2. Ausbildungsjahr: 1062 Euro

3. Ausbildungsjahr: 1156 Euro

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