27 Jahre Samtgemeindechef

Wolfgang Grube wird nicht langweilig

Es sind die letzten Tage einer ganz langen Amtszeit. Wolfgang Grube geht in den Ruhestand. Zum Schluss haben wir ihn bei einem Spaziergang begleitet.

  • Von Simon Ziegler
  • 29. Okt. 2021 | 15:16 Uhr
  • 12. Juni 2022
  • Von Simon Ziegler
  • 29. Okt. 2021 | 15:16 Uhr
  • 12. Juni 2022
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Wathlingen.

Der Gesetzgeber habe ihm die Entscheidung abgenommen, sagt Wolfgang Grube halb im Scherz. Der Sozialdemokrat ist 70 Jahre alt, jetzt durfte er nicht mehr kandidieren. Gut so, meint der Mann aus Großmoor. „Man soll gehen, wenn die Leute sagen, es ist schade. Es war eine lange Zeit. Ich habe 40 Jahre Kommunalpolitik gemacht, davon war ich 27 Jahre Samtgemeindebürgermeister.“ Er geht mit erhobenem Haupt. Die Samtgemeinde Wathlingen muss im Kreis Celle keinen kommunalen Vergleich scheuen, die Amtsgeschäfte sieht er bei Nachfolgerin Claudia Sommer in guten Händen.

Immer in Großmoor gelebt

Spaziergang mit Wolfgang Grube durch sein Großmoor: Er kennt hier jeden Stein. Sein ganzes Leben hat er in dem Dorf verbracht. Zweimal war er zu Bundeswehrzeiten für wenige Monate weg, das war es. „Ich habe immer hier gelebt. Ich hatte Glück, dass ich meinen Geburtsort nicht verlassen musste.“ Es habe zwar später Angebote gegeben, beruflich außerhalb von Großmoor zu arbeiten. Das kam aber nie infrage. „Mein Dorf wollte nicht mit.“

Und so schlendert der langjährige Samtgemeindebürgermeister vom Dorfladen zum Festplatz, am Dorfgemeinschaftshaus, an der Grillhütte und am Jugendtreff vorbei zur alten Volksschule. „Ich war auf der Gesamtschule Großmoor“, witzelt Grube. Schließlich waren die Kinder des Dorfes in den 50er Jahren alle zusammen in einer Schule. Das Haus hat eine bewegte Geschichte. Bevor die Volksschule dort war, waren Gefangene in dem Gebäude eingesperrt. Serienmörder Fritz Haarmann hat hier 1921 eine Strafe wegen Wäschediebstahl abgesessen. Was für ein Kontrast zu heute: Inzwischen werden die Kinder der Kita Moorwichtel im einstigen Gefängnis betreut.

Raue Sitten in den Fünfzigern

Wolfgang Grube wurde 1957 eingeschult. In seiner Klasse waren 32 Erstklässler, das weiß er noch. Wo heute das Dorfgemeinschaftshaus stand, war damals der Schulhof, auf dem die Bundesjugendspiele ausgetragen wurden. Dann kamen immer die Adelheidsdorfer Schüler nach Großmoor, erinnert sich Wolfgang Grube, der selbst einen Schulweg von 20 Metern hatte. Er musste ja nur über die Straße gehen.

Die Sitten in den 50er Jahren waren rau. „Der Lehrer kam gleich nach dem Pastor. Er war eine Autorität. Er hatte immer Recht. Da gab es auch mal Schläge“, erinnert sich der 70-Jährige. Auch er selbst bekam die Haselnussrute des Lehrers ab, „der war ja kein netter Mensch“. Es habe schon gereicht, dass man seine Hände nicht richtig auf den Tisch gelegt habe. „Und wenn man die Hände weggezogen hat, gab es eine Backpfeife. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, damals war das gang und gäbe.“

Schräg gegenüber der früheren Schule liegt sein Geburts- und Elternhaus, in dem heute seine Tochter lebt. Gleich daneben wohnt Wolfgang Grube mit seiner Frau Cordula Schack.

Das Wichtigste waren die Mitarbeiter

Fragt man den populären Verwaltungschef nach den wichtigsten Ereignissen seiner langen Amtszeit, spricht er nicht über Ereignisse. Dabei gäbe es ja vieles zu berichten: Das Windrad zum Beispiel, das Strom für das Klärwerk produziert. Die Vorreiter-Rolle der Samtgemeinde in Sachen Nachhaltigkeit. Die Infrastruktur mit Ärzten, Supermärkten und Baugebieten. Nein, Grube spricht als erstes über seine Mitarbeiter, seine „Dienstgemeinschaft“, wie er sagt. Es fallen Wörter wie „Vertrauen“, „Eigenverantwortung“ und „Freiheit am Arbeitsplatz“. „Das hat für uns viele Impulse von den Mitarbeitern gebracht“, sagt Grube. Die Atmosphäre im Rathaus war ihm immer wichtig. „Die Leute müssen gerne zu uns kommen. Wir waren immer für die Bürger da.“ Über all die Jahre habe es kaum Beschwerden gegeben.

In den vergangenen Jahren hat sich viel getan in Adelheidsdorf, Nienhagen und Wathlingen. Der gesellschaftliche Wandel wird vor Ort sichtbar. In den Dörfern sind Krippen entstanden, Ganztagsunterricht ist heute auch auf dem Land selbstverständlich, überall wird gebaut. All das habe sich gut entwickelt, sagt Grube, der sich mal als „rechter Linker“ bezeichnet hat.

Schafe, Pferde, Ponys, Laufenten, Hühner

Auf seinem Grundstück ist jede Menge los. Im Erdgeschoss seines Hauses ist seit ein paar Jahren die Krippe der Kita Moorwichtel untergebracht. Und dann wären da: Rund 60 Schafe, sieben Pferde, Ponys, Laufenten, Hühner, Katzen. Grube ist ein ganz großer Tierfreund. Es ist ein Idyll mitten in Großmoor. Hinter seinem Haus ist Weideland, der Milan kreist am Himmel. „Es gibt nichts Schöneres, als auf dem Trecker zu sitzen, Heu zu wenden und den Storch zu sehen“, hat er mal gesagt.

Vor ein paar Jahren rang Grube mit dem Tod. Später sagte er, dass in einer Nacht nicht klar gewesen sei, auf welcher Seite er war. Doch Wolfgang Grube erholte sich, zur großen Freude vieler Menschen in der Samtgemeinde. Nach ein paar Monaten saß er wieder hinterm Schreibtisch. Wobei die Schreibtisch-Arbeit sein Ding nie war. Grube muss raus zu den Menschen. Mit ihnen sprechen. Ihre Sorgen ernst nehmen. Niemand kann das so gut wie er.

"Kunst ist es, Bürgermeister zu bleiben"

Wolfgang Grube, von Beruf Klempnerinstallateur, Krankenpfleger und medizinischer Bademeister, ist seit 1994 Samtgemeindebürgermeister in Wathlingen, die ersten Jahre ehrenamtlich, seit 1998 hauptamtlich. Was würde er anders machen? Gab es Fehler? Diese Fragen habe er befürchtet, sagt der Sozialdemokrat verschmitzt. „Vieles würde ich genauso wieder machen. Einiges würde ich anders machen.“ Aber an eine große Fehlentscheidung könne er sich nicht erinnern. Die Bürger haben seinen Stil immer geschätzt. Seine Wahlen gewann er haushoch, die letzte mit 80 Prozent der Stimmen. „Bürgermeister kann man schon mal werden. Die Kunst ist es, Bürgermeister zu bleiben“, sagt er.

Eines ist klar: Eine Rolle in der Celler oder Wathlinger Kommunalpolitik sieht er für sich nicht mehr. Während es seinen Parteifreund Helfried Pohndorf, der dieser Tage als Samtgemeindebürgermeister im Flotwedel abtritt, jetzt in den Celler Kreistag zieht, hat Grube anderes vor. Er will sich gesellschaftspolitisch engagieren. Der 70-Jährige bleibt zum Beispiel im Vorstand der Lebenshilfe. Außerdem will er die „Großmoorer Dorfgespräche“, die es seit den 80er Jahren nicht mehr gab, wiederbeleben, also mit interessierten Menschen über aktuelle Fragen diskutieren. Grube möchte die Gespräche im Dorfgemeinschaftshaus mit ein paar Mitstreitern leiten und organisieren. Es ist eine Rolle, die ihm auf den Leib geschneidert ist. „Der Mensch neigt dazu, schnell ein Konsument zu werden. Wir genießen und brauchen. Aber wir machen uns keine Gedanken darüber“, sagt Grube, der gerne übers große Ganze spricht. Rente, demografischer Wandel, Zuwanderung, Fachkräftemangel. Darüber will er mit den Menschen ins Gespräch kommen.

Um die Schafzucht kümmern

Auf seinem Hof blüht das Leben. Die Krippenkinder in seinem Haus, die vielen Tiere. In den kommenden Jahren will er sich intensiver um seine Schafzucht kümmern. Er muss bei der Vermarktung besser werden, sagt er, die Herde ist zu groß geworden. „Hier wird es nicht langweilig. Hier ist immer Leben auf dem Hof. Das bleibt auch so. Aber im Ruhestand kann ich es besser steuern.“