Transport der Hoffnung

2084 Kilometer für die Menschen in der Ukraine

CZ-Redakteur Michael Ende begleitet einen Hilfstransport aus Nienhagen an die ukrainische Grenze. Was er erlebt hat, erzählt er in einer bewegenden Reportage.

  • Von Michael Ende
  • 14. März 2022 | 08:38 Uhr
  • 12. Juni 2022
Hilfe, die Ankommt: Der Transporter aus Wathlingen wird entladen.
  • Von Michael Ende
  • 14. März 2022 | 08:38 Uhr
  • 12. Juni 2022
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Wathlingen.

Peng!!! Als Thorsten Grove, der mit seinem Lkw-Gespann um zwei Uhr nachts auf der Autobahn Richtung Osten kurz von Kattowitz unterwegs ist, einen dumpfen Knall hört, weiß er sofort: Was Gutes hat das nicht zu bedeuten. Die Explosion kam von ganz hinten. Diagnose Reifenplatzer. Grove seufzt: „Na super. Das hat uns gerade noch gefehlt.“ 787 Kilometer sind wir bis hierher mit dem Wathlinger Hilfstransport für die ukrainische Partnerstadt Truskavets gefahren. Jetzt heißt es erst einmal: Stopp.

Zwei Celler auf Achse: Thorsten Grove (rechts) und Michael Ende.

Knochenarbeit bei eisigen Temperaturen

Grove parkt das Gespann, mit dem er 27 Tonnen an Hilfsgütern transportieren kann, am Straßenrand und besieht sich den Schaden: Der rechte hintere Reifen des Anhängers sieht aus, als sei in ihm eine Handgranate explodiert.

Auch das noch: Thorsten Grove muss den geplatzten Reifen wechseln.

Kann passieren, und wenn es passiert, dann am liebsten nachts. Wenigstens regnet es heute nicht. Dafür ist es minus acht Grad kalt, und andere Lkw rauschen haarscharf an uns vorbei, während wir den verdammten Reifen wechseln. Von Lkw-Pneus zermahlene, messerscharfe Plastiksplitter fliegen, unsichtbar. Wegducken und Augen zu. Als ich – zum Spaß und um die Stimmung zu heben – Hajo Friedrichs zitiere und sage, dass wir Journalisten uns ihm zufolge mit keiner Sache, und sei sie noch so gut, „gemein machen“ sollten und ich hier ja eigentlich nur ein unbeteiligter Beobachter sei, der streng genommen gar nicht eingreifen dürfte, kann Grove nur müde lächeln: „Haa-haa. Komm, los. Pack mal mit an.“ Kurz darauf liege ich mit unterm Anhänger und kämpfe mit Thorsten mit dem festsitzenden, asig schweren Reserverad.

Nach einer Stunde ist der neue Puschen festgeschraubt: Es kann weiter gehen.

Eine Stunde Knochenarbeit

Was folgt, ist dreckige Knochenarbeit. Der Moment, wenn das Gekrümel aus Dreck und Rost auf dein Gesicht, in deine Augen rieselt. Der Moment, wenn sich mit Kraft und Geruckel alles löst. Da ist man gerne „ King of the Road “. Nach einer Stunde ist das Rad gewechselt. Dusel gehabt. Und Diesel. Wir rollen wieder und erinnern uns lachend an den etwa 19-jährigen Polen im Trainingsanzug, der angelaufen kam, unseren abgesprengten Kotflügel von der Bahn wegräumte und sein Nummernschild, das ihm beim Überfahren des Teils weggefetzt war, seelenruhig wieder einsammelte. Uns hatte er am Aufkleber als humanitären Hilfstransport erkannt. In unsere Richtung machte er noch eine Daumen-hoch-Geste. Und verschwand in der Nacht. Locker drauf, der Knabe.

Nach ein paar tausend Kilometern ist der Aufkleber etwas ramponiert. Wichtig ist, was dahinter steckt.

"Ich bin nur der Fahrer“

Konzertiert steuert Grove seinen Truck Richtung Osten, wo ein kleines Volk von seinem großen Nachbarn mit Krieg überzogen wird. Warum Grove das macht? „Ganz einfach“, sagt er: „Weil ich helfen möchte.“ Er habe in den sozialen Medien von der Aktion in Wathlingen erfahren: „Und als ich gehört habe, dass die Kleintransporter suchen, um die Sachen nach Truskavets zu bringen, da habe ich gesagt: Das ist doch Quatsch, da so kleine Autos für zu nehmen. Dann doch lieber gleich einen richtigen Lkw. Der schafft was weg.“ Und weil Thorsten Grove keine halben Sachen mag und weil er kein Schnacker ist, hat der Gerüstbau-Unternehmer dann auch gleich gesagt, dass er den Transport mit einem eigenen Lastzug selbst übernimmt: „Damit es schnell geht und den Menschen in der Ukraine geholfen wird.“ Sich selbst sieht Grove als Teil einer großen Gemeinschaft : „Wir sind die, die helfen. Dazu gehören ganz viele. Und ich bin nur der Fahrer.“

Surreale Tour durch die Nacht

Mit Tempo 80 brummen wir durch die Nacht. Wir sind nicht die einzigen. Uns überholen Kleintransporter von Handwerksbetrieben, auf die ein rotes Kreuz gepappt wurde, Fahrzeug-Gruppen von Feuerwehren, Rotkreuz- und THW-Kolonnen. Immer sehen wir wieder zivile Tieflader, die westliches Militärgerät von der Zugmaschine bis hin zum leicht gepanzertem Mannschaftstransporter in Richtung Ukraine verbringen – auf Polens Autobahnen geht es extrem international zu. Alles, was Räder hat, scheint nach Osten zu rollen. In der Ukraine wäre unser ungeschütztes blau-gelbes Lkw-Gespann für russische Piloten auf der Suche nach Zielen eine Provokation und leichte Beute. In den Wirren des Krieges wie andere bereits zerschossene Transporter enden? Das wollen wir nicht riskieren. Also steuern wir die polnische Stadt Rzeszw nahe der ukrainischen Grenze an. Mitarbeiter der Samtgemeinde Wathlingen haben mit ihren Kollegen in Truskavets abgesprochen, dass die Hilfsgüter aus Deutschland von der Sportarena in Rzeszw mit ukrainischen Bussen abgeholt werden.

Fertig zum Entladen: Der Hilfstransport ist in Polen angelangt.

Gelb-blaues Licht am Horizont

Die Fahrt durch das Dunkel hat etwas Surreales. Thorsten Grove hat die Tour schon einmal gemacht. „Wenn mir einer vor ein paar Wochen gesagt hätte, dass ich jetzt Hilfsgüter transportieren würde, hätte ich ihn vermutlich ausgelacht“, sagt Grove, dem jetzt nicht zum Lachen zumute ist. In den Containern haben wir vieles, was Menschen auf der Flucht brauchen könnten: Essen, Kleidung, Schlafsäcke, Hygieneartikel, Krücken, Babynahrung, Smartphones, Medikamente, sogar ein Röntgengerät. Im Radio laufen Berichte über Städte im Würgegriff eines unbarmherzigen Aggressors, Nachrichten von Tod und Zerstörung. Dazu Songs von DJ BoBo, Amanda Lear, Abba. Wir denken an auseinander gerissene, verzweifelte ukrainische Familien auf der Flucht und hören aus dem Radio „The Lion sleeps tonight“ und „Felicit“ von Al Bano und Romina Power. Ich vermisse die Les Humphries Singers und „Mama Loo“. Was für ein furchtbarer Mix: Die Hits der 80er und 90er und der Irrsinn der 20er. Dann geht die Sonne auf. Steht der blau-gelbe Himmel für einen Lichtstreif am Konflikt-Horizont?

Gutes Omen im Osten? Gelb-blauer Sonnenaufgang.

In Rzeszw packen alle mit an

Als wir in nach 15 Stunden Fahrt in Rzeszw anlangen, scheint niemand auf uns zu warten. Zeit für eine Katzenwäsche in der urinmiefgeschwängerten Toilette der Sporthalle. Der Kaffeeautomat nimmt nur polnische Münzen. Nix Euro. Schade. Thorsten hat ein paar Münzen und zieht mir einen Kaffee, könnte auch ein Cappuccino sein. Den muss ich annehmen. Danke! Teilen geht nicht: Corona und so. Also schlürfe ich das heiße Kaffeedingsbumms-Gebräu mit schlechtem Gewissen.

Hilfsgüter werden vom LKW-Anhänger direkt in den ukrainischen Bus umgeladen.

Nach und nach finden sich am Truck Leute ein, die beim Abladen helfen wollen, dann kommen Busse aus Truskavets. Schüler aus Rzeszw trudeln ein. Auch sie wollen mit anpacken. Und wie von alleine geht es los: Der Lastzug wird ent- und die Busse werden beladen. Viele Hände, schnelles Ende.

Viele Hände packen an: Schnell stapeln sich die Hilfsgüter.

Macher-Team aus Portugal

Man spricht einen Polnisch-Englisch-Deutsch-Ukrainisch-Mit-Händen-und-Füßen-Slang, den jeder sofort versteht. Auch die Vier, die jetzt sagen „Können wir helfen?“ und sofort zupacken. Es sind Mario, Gonzales, Franzisco und Egbert. Santiago, der Fünfte im Bunde, ist gerade krank. Wo die herkommen? „Wir sind aus Portugal und wollen hier helfen“, sagt Egbert in reinstem Deutsch. Sein Urgroßvater sei aus Deutschland nach Portugal ausgewandert, er selbst sei auf eine deutsche Schule gegangen. „Der älteste in meiner Familie erbt immer Opas Namen“, sagt Egbert. Genug geplaudert.

Die tun was: (von rechts) Egbert, Mario,Franzisco undGonzales.

Die Jungs hatten bei Familien und Freunden 12.000 Euro gesammelt, sind unter anderem aus London und Amsterdam nach Krakau eingeflogen, haben dort einen Minivan gemietet und für das Geld in Polen Hilfsgüter gekauft, die sie nun Menschen in der Ukraine zugutekommen lassen. Wie? So einfach geht das? „Ja. Wir haben eine Woche, und wir sind hier, um zu helfen. Egal wie“, sagt Egbert und stürzt sich mit dem Rest des Quartetts in die Arbeit. Die schwitzen. Hier wird nicht geredet. Hier passiert was. Etwas, das im Kleinen extrem groß ist.

Ständiger Kontakt mit der Heimat

Wathlingens Samtgemeindebürgermeisterin Claudia Sommer hat unseren Transport mit vorbereitet, hat aktiv geholfen, wo immer und überall sie konnte, und das Ganze über viele Tagen von A bis Z begleitet. Sommer kann nicht schlafen, so lange wir, also „ihre Jungs“, da draußen unterwegs sind.

Thorsten Grove hilft beim Entladen

Sogar mitten in der Nacht fragt sie immer und immer wieder per WhatsApp nach, wie es uns geht und wie es läuft. „Läuft“, sagt Thorsten dann ruhig: „Wir kriegen das zusammen hin.“ Die Kleinigkeit mit dem Reifen wird erst mal nicht erwähnt. Warum auch.

Karton-Tetris: Der Anhänger ist bis unter die Decke vollgepackt.

Hilfe kommt in Truskavets an

In Truskavets gibt es laut Bürgermeister Andriy Kulchynsky allein in der Stadt mehr als 35.000 Flüchtlinge. Und stündlich kämen mehr hinzu: „Glücklicherweise haben wir gute ausländische Partner, und in Truskavets kommt humanitäre Hilfe an.“ Seit dem ersten Kriegstag gebe es im Rathaus ein „Humanitäres Hauptquartier des Stadtrats“, das sich um die Aufnahme und Versorgung von Flüchtlingen kümmere, so Kulchynsky, dem nicht viel mehr übrig bleibt, als auf ein gutes Ende zu hoffen: „Wir glauben, dass die Ukraine gewinnen wird und Truskavets zum normalen Rhythmus einer Kurstadt zurückkehren wird.“

Der aufgeknüpfte Hase in der Halle ist eine wenig subtile Botschaft für den Kreml-Machthaber.

2084 Kilometer mehr auf dem Tacho

Als Thorsten und ich nach zwei Tagen auf dem Bock und 2084 Kilometern mehr auf dem Tacho wieder nach Celle kommen, wollen wir eigentlich nur noch eins: schlafen. Geht aber nicht auf Kommando. Dazu sind wir zu aufgekratzt und zu froh, ein ganz, ganz kleines Bisschen mitgeholfen zu haben, das Elend unserer ukrainischen Nachbarn zu lindern. Thorsten Grove hält nichts von einmaligen Symbol-Aktionen: „Wenn wir genug Hilfsgüter zusammen bekommen und ein Fahrer gebraucht wird, dann bin ich nächste Woche wieder am Start. Ist ja wohl klar.“

Das Gute daran

Wenn der Kreml-Machthaber Wladimir Putin die ganze oder nur einen Teil der Ukraine zerstört und besetzt, wenn er sein eigenes Land und sich selbst in den Abgrund führt, den Kontinent und die ganze Welt in eine Krise stürzt und bis an den Rand eines Atomkriegs treibt– dieser destruktive Overkill des ganz offensichtlich psychisch gestörten Despoten wird unterm Strich nicht die Bilanz seiner irren Amokläufe bleiben. Und das ist das Gute an der Sache. Wie bitte? Es gibt etwas Gutes an diesem furchtbaren Apokalypsen-Szenario, das Putin entfesselt hat? Genau: Das gibt es. Wir alle können dieser Tage mit eigenen Augen beobachten, wie es wächst.

Viele Menschen wollen helfen

Ich habe in Nienhagen gesehen, wie sich hunderte Menschen aus dem Celler Land aus eigenem Antrieb und mit viel Elan und Fantasie engagieren, um Menschen in der Ukraine zu helfen. Einfach so. Ich habe auf dem Weg an die polnisch-ukrainische Grenze beobachtet, wie sich Hilfstransporte aus Deutschland, Frankreich, Belgien, Großbritannien, den Niederlanden, Schweden – aus ganz Europa ebenfalls auf den Weg machen. Ich habe inder polnischen Stadt Rzeszw erlebt, wie Schulkinder ganz begeistert dabei sind, um ihren Altersgenossen in der Ukraine zu helfen, und ich habe junge Portugiesen getroffen, die Geld und Zeit opfern, um ganz selbstverständlich Hand in Hand mit Deutschen, Polen und Ukrainern zu arbeiten, um Europäern in Not zu helfen. Das ist fantastisch.

Europa, wie es sein sollte

Diesen Geist – Hipster würden das „Spirit“ nennen – den hat der Autokrat im Weltuntergangs-Modus heraufbeschworen. Sein Wahn wird zum Katalysator eines Europas, wie es immer schon hätte sein sollen: Menschen helfen Menschen, sind solidarisch, fühlen, dass sie gemeinsame Werte haben, die es zu verteidigen gilt, spüren, dass sie Eins sind. Das ist großartig.

Kein Platz für Selbstdarsteller

Kleiner Exkurs:Etwaige aufdringliche Politiker, die dieses Bürgerengagement als eigenen Erfolg vermarkten möchten, sich in den Vordergrund drängen und in feinem Zwirn für Kameras posieren würden, während nebenan Alt und Jung anpacken und schwitzen, hätten da enormes Fremdschäm-Potenzial. Sie sollten gerne mithelfen, so gut sie es eben können und sich hier bitte einmal zurückhalten.

Der "Spirit" darf nicht sterben

Wichtig sind dieMenschen, die jetzt eines in sich spüren und tatkräftig beweisen: Wir sind Europäer, sind Freunde, sind eine Familie, in der man einander selbstverständlich hilft. Daran müssen wir uns erinnern, wenn es in absehbar kurzer Zeit heißen wird, wie furchtbar problematisch die ganzen komplizierten Details dieser Selbstverständlichkeit doch seien. Der „Spirit“, der jetzt viele beflügelt, darf im Alltag nicht sterben.

Michael Ende