Landgericht Lüneburg

Ex-Polizist äußert sich erstmals zu Vorwürfen

Im Prozess um die Brandserie im Kreis Celle hat sich der angeklagte Ex-Polizist überraschend erstmals geäußert. Danach hatten die Opfer das Wort.

  • Von Carsten Richter
  • 28. Juli 2020 | 19:22 Uhr
  • 12. Juni 2022
  • Von Carsten Richter
  • 28. Juli 2020 | 19:22 Uhr
  • 12. Juni 2022
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Nienhagen.

Die Fotos der abgebrannten Jagdkanzeln werden auf einem Bildschirm im Sitzungssaal eingeblendet. Gorch U. schaut kurz auf den Monitor an der Wand, mal schüttelt er den Kopf, ab und an tauscht er sich mit seiner Verteidigerin aus, die neben ihm sitzt – aus Corona-Schutzgründen sind sie durch eine Glasscheibe voneinander getrennt. Die meiste Zeit schaut er nach unten. Der Angeklagte macht sich während des Prozesses viele Notizen, die er dann seiner Anwältin übergibt. Diese reicht ihm zwischendurch ein neues Blatt Papier.

So trat der ehemalige Polizist vor dem Landgericht Lüneburg auf

Kurzer, sauberer Haarschnitt, eine markante Brille, kariertes Hemd. Zivilisiert und keineswegs teilnahmslos wirkt der 54-jährige Nienhäger am zweiten Hauptverhandlungstag am Landgericht Lüneburg. Angeklagt ist ein ehemaliger Polizist. 29 Straftaten werden ihm zur Last gelegt , darunter allein elf Brandstiftungen und zwei versuchte Brandstiftungen. Darüber hinaus soll er zwölf Diebstähle begangen haben. Hier geht es vor allem um Wildkameras.

29 Straftaten werden verhandelt: Opfer aus Celle reden über Brände

Bevor am Dienstag sechs Zeugen als Opfer der Brandserie aussagten, legte Gorch U. durch die Verteidigung ein Geständnis ab. Anwalt Jonas Hennig sagte, sein Mandant werde die ihm gegenüber gemachten Vorwürfe "in weiten Teilen einräumen". Seine zweite Verteidigerin Franziska Mayer zitierte U. mit den Worten, er habe bei seinen Taten darauf geachtet, dass weder der Wald noch Menschen oder Tiere Schaden nähmen. "Heute ist mir klar, dass diese Taten gefährlich waren", gab Mayer die Worte des Angeklagten wieder.

Ex-Polizist aus Nienhagen hat gesundheitliche Probleme

Am zweiten Verhandlungstag erhielt die 1. Große Strafkammer auch Einblicke in das Privatleben des mutmaßlichen Täters – und in seine Gefühlslage. Er sei "in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen" und mit 16 Jahren zu Hause ausgezogen. "Mein größter Wunsch war es, Polizeibeamter im höheren Dienst zu werden und eine Familie zu gründen", so seine Anwältin. Nach ihren Worten leidet ihr Mandant an Panikattacken und Depressionen sowie an Diabetes.

Das sagen betroffene Jäger über den Angeklagten

Nach dem überraschenden Geständnis kamen mehrere Opfer aus dem Landkreis Celle zu Wort. So sind 2019 vier erst wenige Jahre alte Hochsitze eines Jagdpächters aus Nienhagen abgebrannt – was vermutlich auf das Konto von Gorch U. geht. Den Gesamtschaden beziffert der 75-Jährige auf 5000 bis 6000 Euro. Auch aus Wienhausen, Bockelskamp und Altencelle-Burg waren betroffene Jäger als Zeugen in Lüneburg geladen. Teilweise kennen sie den Angeklagten. "Zu tun haben möchte ich mit ihm nichts", so ein Zeuge, der den Ex-Polizisten als "sehr vorlaut" beschreibt.

Verteidigerin beantragt Aussetzung des Strafbefehls

Verteidigerin Mayer beantragte am Schluss des Verhandlungstages, den Haftbefehl gegen ihren Mandaten auszusetzen und verwies auf seine gesundheitlichen Probleme. "Eine Wiederholungsgefahr sehe ich nicht", sagte sie zur Begründung. U. leide extrem in der Untersuchungshaft, sie sei "unverhältnismäßig". Die Staatsanwaltschaft Lüneburg will dagegen weiter am Strafbefehl festhalten. Nun wird die Kammer darüber beraten. Am Freitag steht der nächste Verhandlungstermin an.