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Nienhagen „Nagel hat für Aufsehen gesorgt“
Celler Land Samtgemeinde Wathlingen Nienhagen „Nagel hat für Aufsehen gesorgt“
14:23 13.06.2010
Melanie Woita kannte Gustaf Nagel persönlich
Melanie Woita kannte Gustaf Nagel persönlich Quelle: nicht zugewiesen
Nienhagen

Melanie Woita, die heute in Nienhagen lebt, lernte Gustaf Nagel durch ihren Verlobten kennen. Durch ihre Erzählungen lässt sich ein detailliertes Bild des Mannes zeichnen. Nagel und Woitas Verlobter stammten aus Arendsee – Woita war dort daher häufiger zu Gast. „Viele bezeichnen Nagel als Wanderbursche“, sagt die 96-Jährige. „Das sehe ich nicht so.“ Dann gerät sie ein bisschen ins Schwärmen: „Er war ein sehr gepflegter und gebildeter Mensch“, erzählt sie. Den Frauen gegenüber soll er sehr zugegen gewesen sein. „Er war immer höflich und nie ausfallend“, beschreibt Woita den Mann, der äußerlich an Jesus erinnerte.

In Arendsee hat Nagel direkt am Ufer des Sees ein großes Grundstück gehabt. Neben einer kleinen Kapelle aus Stein hätten dort unter anderem zwei Holzlauben gestanden, berichtet Woita. Innen seien die Wände voll mit Postkarten aus den Ländern gewesen, die Nagel während seiner Wanderschaften besucht hatte. Wer ihn besuchen wollte, habe 50 Pfennig Eintritt zahlen müssen, um auf das Grundstück gelassen zu werden – möglicherweise hat Nagel so seine Wanderschaften finanziert.

Abends habe sich Nagel gerne auf einen Bootssteg begeben, der in den See führte, erinnert sich Woita. „Am Ende war eine kleine Plattform – dort ist er drauf gestiegen und hat Trompete gespielt. „Alle warteten abends auf diesen Auftritt“, beschreibt Woita die Situation. Die Stadt Arendsee habe viel von der Anwesenheit Nagels profitiert, ist sie sich sicher: „Alle Besucher fragten nach ihm.“ Daher könnte sie auch nicht verstehen, warum die Stadt Nagels Abtransport ins Konzentrationslager Dachau geduldet hat.

Mit der Kirche habe Nagel jedoch längst nicht so viel im Sinn gehabt, wie das Wort „Wanderprediger“ impliziere. „Er hat sich nicht als Pastor aufgespielt“, erzählt Woita. Vielmehr habe Gustaf Nagel auf Gott vertraut – das sei immer wieder durchgekommen, erinnert sie sich. 1943 habe sie ihn das letzte Mal gesehen. „Wir haben über Musik gesprochen“, berichtet Woita. Ein Lächeln huscht über das Gesicht der 96-Jährigen: „Es war eine schöne Zeit.“

„Für uns war das eine Sensation, denn er war prominent“, erzählt Werner Diedrich, wenn er an sein Zusammentreffen mit Gustaf Nagel denkt. Der heute 89-Jährige war im Winter um das Jahr 1930 regelmäßig zum Schlittschuhlaufen auf den Dammaschwiesen unterwegs. Auf einmal fiel ihm ein komischer Kauz auf – barfuß, mit langem Gewand und langen Haaren lief dieser über die zugefrorene Wiese. „Nagel hat für riesiges Aufsehen gesorgt“, erinnert sich Diedrich. Eine große Gruppe Kinder begleitete ihn über das Eis, bis Diedrich auf einmal einen Schubser abbekam und Nagel in den Rücken fiel. „Man sagt ja über ihn, er sei ausgeglichen gewesen“, lacht Diedrich. Aber in diesem Fall sei Nagel richtig wütend geworden. „Er ist auf mich losgegangen, also bin ich abgehauen“, beschreibt Diedrich sein kurzes Zusammentreffen mit dem sonst ruhigen Mann. Hinterher sei der „komische Heilige“ seines Weges gezogen.

Von Christian Uthoff