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Nienhagen Lenker der leisen Töne
Celler Land Samtgemeinde Wathlingen Nienhagen Lenker der leisen Töne
15:02 13.06.2010
Von Simon Ziegler
Porträt Ralf Überheim mit Familie
Porträt Ralf Überheim mit Familie Quelle: Peter Müller
Nienhagen

Im Nachhinein, so sagt es Ralf Überheim heute, sei es ein „positiver Kulturschock“ gewesen, als seine Eltern entschieden, dem Ruhrpott den Rücken zuzukehren und aufs platte Land nach Ahnsbeck zu ziehen. Da war Überheim 14 Jahre alt. „Das freundliche Grüßen auf der Straße, die Dorfgemeinschaft, das kennt man aus der Großstadt gar nicht“, sagt der Mann, der am 27. September für die FDP in den Bundestag einziehen will.

Der 48-Jährige ist dem Kreis Celle seitdem verbunden geblieben, obwohl es ihn für die Berufsausbildung wieder in den Westen der Republik verschlug. Überheim machte in Bielefeld eine Ausbildung zum Polizeibeamten. Aber schon mit 22 Jahren erkannte er, dass „mein Weg vorgezeichnet gewesen wäre“. Also wechselte er die Richtung, lernte Zahntechniker, legte 1990 in Hamburg die Meisterprüfung ab und begann später ein BWL-Fernstudium. „Es zeichnet mich aus, neue Dinge anzufassen, wenn ich darin eine Perspektive sehe“, sagt er selbstbewusst und weiß, dass ihm diese Eigenschaft auch als Sprunghaftigkeit ausgelegt worden ist, zumindest im politischen Raum.

Gemeint ist seine CDU-Kandidatur für die Wahl zum Wathlinger Samtgemeindebürgermeister 2006. „Ich habe an das Lied vom Seiteneinsteiger geglaubt“, sagt Überheim heute, der kurze Zeit später zur FDP wechselte, „weil dort der Freiheitsgedanke ausgeprägter“ sei.

Überheim ist ein Kandidat, der überzeugen will, weniger mit forschen Tönen, sondern in der Sache. Erst vor wenigen Wochen gab er den Impuls für eine Außenstelle der Celler Tafel im reichen Nienhagen, „weil der Bedarf da ist“. Seit drei Jahren ist Überheim, der mit seiner Familie in Papenhorst wohnt, jetzt in der Politik, sitzt im Gemeinderat in Nienhagen sowie im Samtgemeinderat Wathlingen und kandidierte Anfang 2008 für den Landtag in Hannover. Bei der Bundestagswahl hat er sich eine Menge vorgenommen: Zehn Prozent plus X bei den Zweistimmen sollen es werden, daran will er sich messen lassen. Sein Einzug in das Parlament ist dennoch unwahrscheinlich, Listenplatz 19 wird trotz guter Umfrageergebnisse für die Liberalen kaum reichen.

Ein Lenker war Überheim schon früher auf dem Fußballplatz, als er für den MTV Coppenbrügge in der Nähe von Hameln in der Bezirksliga auf Torejagd ging. Erst war er Stürmer, später dirigierte er das Spiel seiner Mannschaft aus dem Mittelfeld. „Als mir mein Trainer sagte, dass ich zu kopfballschwach bin und es für die Landesliga nicht reicht, habe ich aufgehört“, blickt der Fan von Borussia Mönchengladbach zurück.

Also gab er beruflich Gas. Schon 1990 machte sich Überheim, der genauso alt ist wie sein Parteichef Guido Westerwelle, selbstständig. Bis heute ist er sein eigener Chef, leitet zusammen mit seiner Frau Kerstin „Metakon Überheim“, ein Zuliefertrieb für Labore und Zahntechnik. Überheim betreibt ein Labor in Eicklingen, hat Büroräume bei Hamburg und nebenbei ein weiteres berufliches Standbein in der Unternehmensberatung.

Bundestagswahlkampf und ein eigenes Unternehmen, dazu die fünf Kinder Chiara (5), Kolja (5), Levin (8), Kian (10) und Lennart (11) – es dürften stürmische Zeiten im Hause Überheim sein.

Sechs Fragen an Ralf Überheim

Was kann die Politik tun, um in Deutschland mehr Arbeit zu schaffen, von der man auch leben kann?

Die Rahmenbedingungen für Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssen beschäftigungsfreundlicher gestaltet werden. Das heißt: Weniger staatliche Bürokratie und Gesetze für Unternehmer, um besser auf wechselnde Auftragslagen reagieren zu können. Das Wichtigste ist die Umsetzung des einfacheren und gerechteren FDP-Steuerkonzepts.

Braucht Deutschland einen bundesweit geltenden gesetzlichen Mindestlohn?

Nein, wir brauchen eine Ausbildungsoffensive, die Beschäftigung schafft. Der Fachkräftemangel wird uns in wenigen Jahren ereilen. Arbeitnehmer in Marktsegmenten mit starker Konkurrenz dürfen Hilfe über unser Bürgergeldkonzept erwarten, um Finanzlücken schließen zu können. Der Staat kann keinen gerechten Mindestlohn vom Bodensee bis Flensburg festlegen, dazu sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu unterschiedlich.

Wie lässt sich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern?

Wir brauchen eine engere Verzahnung des gesamten Bildungsweges von der frühkindlichen Bildung hin zum Hochschulstudium. Die Durchlässigkeit des Bildungssystem muss ausgebaut werden. Der zweite Bildungsweg muss für alle finanzierbar sein. Familien müssen Wahlfreiheit zwischen der Ganztagsarbeit der Eltern oder der Möglichkeit haben, Kinder im Elternhaus zu erziehen. Die Einführung der Ganztagsschule ist ein wichtiger Schlüssel, damit Familie, Schule und Beruf vereinbarer sind.

Sind in Zeiten der Wirtschaftskrise und ausufernden Staatsverschuldung Steuersenkungen vertretbar?

Ja, weil unser Steuersenkungsmodell gegenfinanziert ist. Der Staat hat nach wie vor ein Ausgabeproblem und kein Einnnahmeproblem. Die größten Positionen der Gegenfinanzierung sind: Subventionsabbau gleich vier Milliarden Euro, Bündelung öffentlicher Einkäufe gleich fünf Milliarden Euro, Neustrukturierung der Bundesanstalt für Arbeit gleich 3,9 Milliarden Euro, Überarbeitung der mittelfristigen Finanzplanung im Bund gleich 4,5 Millarden Euro, Bekämpfung des Umsatzsteuerbetruges gleich drei Milliarden Euro. Niedrigere Steuern geben den Arbeitnehmern und den mittelständischen Unternehmen mehr Gestaltungsspielraum.

Soll Deutschlands Freiheit weiterhin in Afghanistan verteidigt werden?

Die Freiheit Deutschlands wird vom Terrorismus, mehr aber noch von den Reaktionen auf ihn gefährdet. Wir müssen klug und schnell auf die Entwicklung in Afghanistan reagieren. Ein Bundeswehreinsatz unter Kriegsbedingungen darf es nicht geben. Wir müssen den Abzug beschließen, heute aber einen Fixtermin zu nennen, halte ich für unverantwortlich.

Hat die Kernenergie hierzulande noch eine Zukunft?

Nein, der Ausstieg ist beschlossen. Als Übergangstechnologie brauchen wir die Kernenergie der sicheren Kernkraftwerke, bis alternative Energieformen ohne CO2-Ausstoß die Kerntechnologie überwinden können. Die weitere Forschung in Photovoltaik, Solarenergie, und Windkraft muss in der Industrie und bei den Verbrauchern unterstützt werden.