Nach 23 Jahren im Amt

Helfried H. Pohndorf räumt Chefsessel im Rathaus

Es war eine lange Zeit - und die Anfänge waren nicht leicht: Helfried H. Pohndorf geht nach 23 Jahren in den Ruhestand. Er hat viel zu berichten.

  • Von Carsten Richter
  • 31. Okt. 2021 | 12:01 Uhr
  • 12. Juni 2022
  • Von Carsten Richter
  • 31. Okt. 2021 | 12:01 Uhr
  • 12. Juni 2022
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Wienhausen.

Na klar, das Flotwedel hat viele schöne Ecken zu bieten. Helfried H. Pohndorf hat sich dennoch das Rathaus ausgesucht für die erste Station des gemeinsamen Spaziergangs. Nicht weil er hier in den vergangenen 23 Jahren die meiste Zeit verbracht hat. Sondern weil nicht unter jedem Chef ein neuer Verwaltungssitz gebaut wird. Pohndorf erinnert sich, wie knapp einst die Entscheidung im Samtgemeinderat ausfiel – für den Standort Am Alten Bahnhof in Wienhausen und gegen den Amtshof in Eicklingen. "Es war ein Kampf, hier das Rathaus zu bauen. Es ging bei der Diskussion eher darum, wo man herkam. Die Wienhäuser haben für den Wienhäuser Standort gestritten, die Eicklinger für den Eicklinger Standort", erzählt Pohndorf, der in wenigen Tagen 62 Jahre alt wird. Der Rathaus-Neubau und der Umzug der Verwaltung im Jahr 2003 ist eines der Themen, mit denen sich der Verwaltungschef in seiner Amtszeit befassen durfte. Eines, das viel Zeit gekostet hat. Im neuen Gebäude sollten für Pohndorf noch 18 Jahre an der Rathausspitze folgen. Nun ist Schluss. Am Freitag hat der langjährige Samtgemeindebürgermeister den Chefsessel für seinen Nachfolger Frank Böse geräumt. In der Nacht zu Montag wird vor dem Amtsgebäude die symbolische Schlüsselübergabe erfolgen.

Kein leichter Start für Helfried H. Pohndorf

"Ich habe mich am Anfang gefühlt wie der Dompteur einer gemischten Raubtiergruppe", erzählt Pohndorf mit seinem typisch verschmitzten Blick. Obwohl er 1998 zum Zeitpunkt seiner Wahl der Flotwedeler Samtgemeinde-Verwaltung schon seit rund sechs Jahren angehörte, war der Start nicht leicht. Es waren unruhige Zeiten. "Verwaltungschef soll heute Abend abberufen werden", titelte die Cellesche Zeitung am 14. Januar 1998. Gemeint war Pohndorfs Vorgänger Dieter Lorenz. Gegen ihn lief ein Disziplinarverfahren wegen Untreue im Amt: Er hatte im Vorjahr zugegeben, Einrichtungen der Samtgemeinde zu privaten Zwecken genutzt zu haben. Wenige Wochen später meldete Pohndorf, der seit Dezember 1997 Vizechef im Rathaus war, seine Kandidatur als Einzelbewerber an – und gewann erstmalig.

SPD-Mitglied Pohndorf immer als Einzelbewerber angetreten

"Der Fall Lorenz hat uns um drei Jahre zurückgeworfen", sagt Pohndorf. Aber das ist längst Schnee von gestern. Aus seiner SPD-Mitgliedschaft hat der gebürtige Cuxhavener in der CDU-Hochburg Flotwedel nie ein Geheimnis gemacht. "Trotzdem war es mir immer wichtig, nicht als Parteienbewerber anzutreten."

Hart, aber gerecht: Pohndorfs Anspruch

In seiner alten Heimat an der Nordseeküste machte Pohndorf ab 1981 eine Verwaltungsausbildung bei der Stadt, die er als Diplom-Verwaltungswirt (FH) abschloss. Dort durchlief er die Abteilungen und sammelte Erfahrungen. "Im Liegenschaftsamt in Cuxhaven musste ich mit vielen verhandeln – das hat mich geprägt." Hart, aber gerecht zu sein, definiert er als seinen Anspruch als Verwaltungschef. Miteinander statt übereinander zu reden, das sei sein Leitfaden in den vielen Dienstjahren gewesen.

Pohndorfs erste große Projekte im Flotwedel

Inhaltlich war der Bau der neuen Rettungsstation eines der ersten großen Projekte, die unter seiner Führung realisiert wurden. In die Anfangszeit fällt auch die Unterzeichnung des Freundschaftsvertrags mit dem polnischen Rakoniewice. Sein Vorgänger Lorenz hatte erste Kontakte geknüpft, Pohndorf trieb sie voran. Die EU-Ehrenplakette, die der Samtgemeinde auch wegen der Verbindungen mit Frankreich vor zwei Jahren verliehen wurde, macht den 61-Jährigen stolz. Gerne erinnert er sich auch an die Beteiligung Wienhausens am Expo-Projekt Dorf 2000.

Im alten Rathaus in Wienhausen war vieles anders

Drei Jahre später schließlich der Umzug der Verwaltung. Da ist es nur folgerichtig, dass Pohndorf als zweite Station das alte Rathaus am Mühlenkanal, das seit Ende 2011 als Kulturhaus genutzt wird, ansteuert. "Die Bevölkerung wurde schon mürrisch und fragte sich, warum hier nichts passiert", meint er angesichts des jahrelangen Leerstandes. "Es ist eine tolle Sache draus geworden." Pohndorf erinnert sich: Im alten Rathaus war die Schreibmaschine noch gängiger Gebrauchsgegenstand. "Alles wurde von der Schreibkraft erledigt. Heute ist alles hochtechnologisch und ich mache vieles selbst. Dafür sind die Verfahren komplizierter geworden", sagt er.

Viel investiert in die Samtgemeinde Flotwedel

In Gebäude hat die Samtgemeinde auch anderweitig investiert, allen voran im Bereich der Kinderbetreuung. "Man kann hier schlecht planen", meint der scheidende Verwaltungschef. Auf jeden Fall aber müsse man kreativ sein und auch mal über alternative Bauweisen nachdenken. Als Beispiel führt Pohndorf die Einrichtung der Waldkindergartengruppe an. "Nur einen Bauernhof als Kindergarten zu nutzen, das hat sich bislang nicht ergeben."

Bau der Grundschule Bröckel einzigartig im Landkreis Celle

Zum Abschluss des Spaziergangs geht es nach Bröckel. Die im November 2010 eingeweihte neue Grundschule, die in Holzbauweise und in Form eines Zehneckes errichtet wurde, ist einzigartig im Landkreis. "Ein weißer Putzbau hätte nicht gepasst. Das ganze Ensemble sollte eine Silhouette darstellen", sagt Pohndorf mit Blick auf die umliegenden Gebäude wie Turnhalle, Feuerwehr und Lüttje Hus.

So lange kennt er seinen Nachfolger Frank Böse

Die 2019 gegründete Hochwasserpartnerschaft entlang der Aller hatte Pohndorf erst kürzlich als "Generationenaufgabe" bezeichnet. Hier wird auf seinen Nachfolger noch viel Arbeit zukommen. Helfried Pohndorf und Frank Böse arbeiten seit Jahrzehnten vertrauensvoll zusammen. "Er war einer der ersten, die ich im Rathaus kennengelernt habe." Als Pohndorf 1992 nach Wienhausen kam, war das Flotwedeler Urgestein Böse schon vier Jahre dort tätig. "Wir kommen gut klar – außer, dass er Bayern-Fan ist", scherzt der bekennende St.-Pauli-Anhänger Pohndorf.

Gespräche unter Kollegen wird Pohndorf vermissen

Die Gespräche mit Kollegen – auch mal ohne dienstliche Inhalte – werden dem langjährigen Rathaus-Chef fehlen, sagt er. Langweilig aber wird ihm im Ruhestand nicht werden: Pohndorf wird für die SPD im neuen Celler Kreistag sitzen. Als leidenschaftlicher Motorradfahrer gehört er der Eurobiker Charity an, ist außerdem im Vorstand der Celler Lebenshilfe tätig und engagiert sich beim Familienzentrum Kess und im FlotArt-Verein.

Das war Pohndorfs letzter Arbeitstag

Noch eine Fachbereichsleiterrunde am Freitagmorgen, am Mittag hat sich Pohndorf dann von seinen Rathaus-Mitarbeitern verabschiedet, anschließend ging es zum Bürgerbusverein Flotwedel – der letzte offizielle Termin. Das war es also. Aber man geht ja nie so ganz ...