Gustav Ehlers

100 Jahre alt und noch immer ein Gentleman

Bestimmte Rituale lässt er sich auch an seinem 100. Geburtstag nicht nehmen. Gustav Ehlers aus Langlingen hat viel aus seinem Leben zu erzählen.

  • Von Carsten Richter
  • 17. Mar 2022 | 09:00 Uhr
  • 12. Jun 2022
  • Von Carsten Richter
  • 17. Mar 2022 | 09:00 Uhr
  • 12. Jun 2022
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Langlingen.

Er ist ein Gentleman alter Schule. „Und, wie geht es Ihnen?“, fragt Gustav Ehlers den Reporter als Erstes. Ganz so, als würden sie sich schon lange kennen. Wer im Hause Ehlers zu Besuch ist, der soll es gut haben. Der Tisch im Wohnzimmer ist reichlich gedeckt: Platten mit belegten Brötchen, dazu gibt‘s Kaffee – es fehlt an nichts. Das Sofa mit den beiden Teddybären auf der Lehne ist sein Lieblingsplatz. „Ich bin am liebsten zu Hause“, sagt der Langlinger, der in dem Ort am Donnerstag vor genau hundert Jahren das Licht der Welt erblickt hat. Inzwischen ist er der zweitälteste Einwohner Langlingens. Ein Urgestein, ein echtes Original.

Gustav Ehlers ist 100 Jahre alt

100 Jahre und kein bisschen müde: Gustav Ehlers erzählt Episoden aus seinem Leben, als sei es erst gestern gewesen. Wie die von dem hübschen polnischen Mädchen mit den blonden Haaren – eine der wenigen schönen Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg. „Zum Anbeißen“ habe sie ausgesehen, sagt er und schmunzelt.

Jeden Morgen kocht der Langlinger den Kaffee

Hellwach ist sein Blick, klar seine Stimme und freundlich sein Gesichtsausdruck. Die Zeitungslektüre gehört für den Mann mit dem weißen, aber noch fast vollen Haupthaar zum täglichen Pflichtprogramm. Überhaupt sind es die Rituale, die seinem erfüllten Leben Struktur verleihen. Jeden Morgen weckt er seine Frau Gertraud (94 Jahre), geht vom Schlafzimmer im ersten Stock ihres Hauses in die Küche im Erdgeschoss und kocht Kaffee. Da ist er wieder: der Gentleman alter Schule.

Der Gentleman hat seine Prinzipien

Ein Gentleman, der seine Prinzipien hat. Ein Treppenlift? Der kommt ihm nicht ins Haus. Der Gehstock genügt. Mit mehr als 90 Jahren ist er noch Auto gefahren. Keine langen Strecken mehr, aber kleinere Erledigungen waren immer noch drin. „Als dann das Auto kaputt war, wollte ich noch ein neues haben“, erzählt Gustav Ehlers. Letztlich kam es doch anders. Die Abgabe des Führerscheins – ein schwerer Schritt. Seine Selbstständigkeit hat sich das Ehepaar trotzdem weitgehend bewahrt, auch ohne Auto. Der Zusammenhalt in der Familie ist groß, Tochter Jutta und Schwiegersohn Dieter wohnen nur wenige Kilometer entfernt in Müden an der Aller.

Vom Lehrer gab es auch mal Schläge

Als Gustav Ehlers 1922 geboren wurde, waren Autos rar. „Es war eigentlich eine ganz schöne Zeit“, sagt der Jubilar immer wieder, wenn er von Stationen seines langen Lebens berichtet. Sein Vater war Verwalter und Hofmeister auf dem Gutshof Mylius. Außerdem hatte die Familie eine kleine Landwirtschaft. „Butter haben wir selbst gemacht“, erinnert sich Ehlers. Die Kindheit in den goldenen Zwanzigerjahren und den früheren Dreißigerjahren: Der Langlinger besuchte die Volksschule im Ort. Rechnen, lesen, schreiben – alles, was man braucht zum Leben. Dazu Religions- und Musikunterricht. Gesungen wurden die alten Volkslieder. An seinen Lehrer Niebuhr denkt er mit gemischten Gefühlen zurück. „Da gab es auch mal Schläge“, erzählt Gustav Ehlers und holt wie zum Beweis mit der Hand aus.

Behütete Kindheit, dann kam der Krieg

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg beendeten die behütete Kindheit jäh. Gustav Ehlers ist der jüngste von drei Brüdern. Hermann, der älteste, ist als Soldat in Russland gefallen. „Er war im Krieg Vater geworden, davon hat er nie erfahren“, sagt Gustav Ehlers betrübt. Er selbst hat die Nachricht vom Tod seines Bruders bekommen, als er 1942 aus dem Reichsarbeitsdienst entlassen wurde. Nachdem Soldaten für die Ostfront gesucht wurden, musste er seine Ausbildung bei der Kreissparkasse Celle abbrechen und eine vorzeitige Notprüfung absolvieren. Eingesetzt wurde er anschließend unter anderem in der Flak-Kaserne der Luftwaffe in Rendsburg, bis auch er 1944 als Soldat an die Front geschickt wurde.

Lange unter Folgen des Krieges gelitten

Wenn Gustav Ehlers heute Bilder vom Krieg in der Ukraine sieht, werden die Erinnerungen wieder wach. „Furchtbar, was in der Welt passiert. Ich habe das alles selbst erlebt“, sagt er. Bei seinem letzten Gefecht am 21. Januar 1945 wurde der Langlinger verwundet. Vom Lazarett in Thüringen und später in Bad Hersfeld kam er im Sommer 1945 nach Hause. Aber die Freude währte nur kurz: Seine Kriegswunde ging wieder auf, Ehlers musste sich auskurieren. Unter den Folgen der Verletzung litt er noch ein paar Jahre danach.

Seit 1951 ist Gustav Ehlers verheiratet

Sein privates Glück hatte Gustav Ehlers inzwischen gefunden. Beim Tanzen hatte es 1948 zwischen ihm und der Bröckeler Landwirtstochter Gertraud Scheller gefunkt – drei Jahre später gingen sie den Bund der Ehe ein. Ein langes gemeinsames Leben sollte daraus werden. Im vergangenen Jahr haben sie nach 70 Ehejahren ihre Gnadenhochzeit gefeiert.

Haus und Garten sind sein Lebensglück

„Bei uns gibt‘s auch mal Zoff“, erzählt die 94-Jährige, die sich ebenso wie ihr Mann guter Gesundheit erfreut. Während ihrem Mann Haus und Garten zum Lebensglück genügen, gehört für Gertraud Ehlers einmal im Monat eine Einkaufstour durch Celle dazu. Mal ein neues Kleid, mal ein schicker Pullover. „Mein Mann soll sagen, was das richtige Kleid für seine Geburtstagsfeier ist“, sagt sie.

Drei Enkelkinder und eine Urenkelin machen Glück komplett

Während die Interessen hier und da variieren, sind sich beide in einer Sache einig: „Jeder braucht den anderen“, erzählt Gustav Ehlers. Sohn Hans-Jürgen und Tochter Jutta waren schon geboren, als sie 1958 in ihr neu gebautes Haus in der Nähe der Langlinger Grundschule einzogen. Inzwischen machen die drei Enkelkinder Andr, Yvonne und Felix sowie Urenkelin Marie die Familie komplett.

1985 wird Gustav Ehlers in Ruhestand verabschiedet

Beruflich ging es für Gustav Ehlers nach dem Ende des Krieges zunächst bei der Kreissparkasse weiter. Nebenbei brachte er sich in Langlingen als ehrenamtlicher Rechnungsführer der Gemeindekasse ein. Seine Leidenschaft für Zahlen machte die Runde und so wurde ihm die Verantwortung für die Landkreiskasse übertragen, bis er schließlich 1969 ein letztes Mal den Arbeitgeber wechselte und Kassenleiter bei der Gemeinde Lachendorf wurde. Am 31. März 1985 ging er in den Ruhestand.

Gustav Ehlers und seine Frau kochen jeden Sonntag

Ein langer weiterer Lebensabschnitt sollte ihm noch vergönnt sein. Das Haus, der Garten, die Familie – sein privates Umfeld weiß Gustav Ehlers zu schätzen. Bis heute. Ab und zu an die Küste oder in die Berge reisen, einmal im Monat kegeln und Bekannte besuchen: Dank guter Gesundheit konnte er viele Jahre lang alle Annehmlichkeiten genießen. Auf gesunde Ernährung – vielleicht eines der Geheimrezepte für ein langes Leben – achten Gertraud und Gustav Ehlers noch heute. Auch wenn das Mittagessen unter der Woche „auf Rädern“ ins Haus kommt. Sonntags aber wird gekocht, das ist noch immer so. Nichts Fertiges, sondern das, was der Garten so hergibt, kommt auf den Teller. „Kartoffeln gehören für mich dazu“, erzählt der Hundertjährige.

So feiert Gustav Ehlers seinen 100. Geburtstag

An diesem Ehrentag aber lässt sich der Jubilar bekochen. Gefeiert wird im kleinen Kreis im Gasthaus Angermann – das ist so Tradition. Warum sollte das zum 100. anders sein? Und: Bestimmt wird Gustav Ehlers auch heute seiner Frau den Morgenkaffee kochen. Ganz der Gentleman eben.

lebenslauf

17. März 1922

Geburt in Langlingen

1928 bis 1936

Besuch der Volksschule

Ab Oktober 1938

Ausbildung Kreissparkasse Celle

16. November 1951

Heirat mit Gertraud Scheller

1953

Geburt Sohn Hans-Jürgen

1955

Geburt Tochter Jutta

1958

Umzug ins neue Haus

1985

Eintritt in den Ruhestand

2021

Gnadenhochzeit