Karl Pahls aus Sandlingen

Lokalpolitisches Urgestein ist 100 Jahre alt

Er hat noch die Anfänge der Samtgemeinde Flotwedel vor 51 Jahren als Ratsherr miterlebt. Nun ist Karl Pahls aus Sandlingen 100 Jahre alt geworden.

  • Von Carsten Richter
  • 20. May 2022 | 09:00 Uhr
  • 14. Jun 2022
  • Von Carsten Richter
  • 20. May 2022 | 09:00 Uhr
  • 14. Jun 2022
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Sandlingen.

Seine Brille liegt auf dem Schreibtisch neben der Schreibmaschine. Die Lesehilfe braucht Karl Pahls nur beim Arbeiten. Sein Blick wandert durch das Fenster nach draußen. Dort grünt es. Die Natur steht in voller Blüte – ein buntes Blumenparadies. Karl Pahls muss nur vor die Haustür gehen und kann den Frühling in seiner schönsten Form genießen. Das macht der Sandlinger auch gerne. Aber Karl Pahls genießt nicht nur. Er weiß auch, was zu tun ist, damit alles schön ordentlich bleibt. „Wenn die Gänseblümchen ausgeblüht sind, wird gemäht“, sagt er. Und damit hat er keinen Arbeitsauftrag an seine Tochter erteilt, bei der er im Haus wohnt. Nein, mit eiserner Disziplin erledigt das Karl Pahls noch selbst – per Aufsitzrasenmäher.

Karl Pahls ist in Offensen aufgewachsen

Diszipliniert muss sein, wer wie er auf ein ganzes Jahrhundert zurückblicken kann. Karl Pahls, an diesem Freitag vor 100 Jahren geboren, ist ein lokalpolitisches Urgestein in der Gemeinde Eicklingen und einer der Gründerväter der Samtgemeinde . Aufgewachsen ist er in Offensen, später der Liebe wegen nach Sandlingen gezogen – ein echter Flotwedeler Jung also.

Zeit nehmen für Lektüre der Celleschen Zeitung

Noch immer ist Pahls am Zeitgeschehen interessiert, ausgiebig liest er jeden Tag die Cellesche Zeitung. Zwei, drei Stunden nimmt er sich dafür Zeit. Bis zum Mittagessen. „Die wichtigsten Artikel, die auch ich lesen soll, markiert er“, erzählt seine Tochter Christa Pahls-Korzonnek schmunzelnd. „Anschließend diskutieren wir darüber.“ Beide sprechen überwiegend Plattdeutsch miteinander. Der Fernseher wird nur selten eingeschaltet, da geht Karl Pahls schon lieber eine Runde mit dem Rollator auf dem großen Grundstück spazieren.

Disziplinierter Schüler mit guten Zensuren

Disziplin hat er schon als Schüler walten lassen. „Ich hatte ziemliche gute Zensuren“, sagt er. „Es gab das Vorurteil, Einzelkinder seien verzogen. Ich musste mich also zusammenreißen, um das Gegenteil zu beweisen.“ Geboren und aufgewachsen ist Pahls auf einem kleinen Bauernhof in Offensen. „Im Winter sind wir Schlittschuh gelaufen an der Aller. Heute stehen dort Häuser“, erzählt er. Erinnerungen an Kindheit und Jugend, einschließlich Einzug zum Wehrdienst und der schweren Verwundung im Kriegseinsatz, hat Karl Pahls vor einigen Jahren nach und nach aufgeschrieben – auf insgesamt mehr als 60 Seiten.

Erinnerungen an Kindheit aufgeschrieben

„Wir spielten oft und gerne im Wald, auch sonntags. Da war manchmal auch Krähennester-Auskriegen angesagt. Für ein beim Gemeindevorsteher abgegebenes Krähenei gab es immerhin 5 Pfennig“, schreibt Pahls. Er berichtet davon, wie er an einem Sonntag mit seinem Matrosenanzug in eine harzige Kiefer stieg, seine Mutter daraufhin Spektakel machte, sein Vater hingegen nur grinste. „Danach brauchte ich den ‚Angeber-Anzug‘ nicht mehr tragen, worüber ich sehr froh war.“

Ukraine ist ihm ans Herz gewachsen

Karl Pahls‘ Erinnerungen sind auch ein Stück Dorfchronik. Offensen war damals wie viele Ortschaften im Flotwedel eine eigenständige Gemeinde. „Die Oppershäuser Allerbrücke, die im Krieg zerstört wurde, war erst 1936 neu erbaut worden. Nach dem Konfirmandenunterricht machten wir Jungen immer noch einen Abstecher zur Brückenbaustelle“, berichtet er.

Nach der Schule landwirtschaftliche Ausbildung absolviert

An die acht Jahre Volksschule schloss Karl Pahls eine landwirtschaftliche Ausbildung an. 1941 wurde sein Jahrgang zur Wehrmacht einberufen. Um bei der Ernte zu helfen, wurden Landwirte zunächst zurückgestellt. Am 1. Oktober musste dann auch er an die Front – in die heutige Ukraine. Er macht aus seiner momentanen Gefühlslage keinen Hehl. „Das Land ist mir ans Herz gewachsen. Dieser scheiß Krieg“, erzählt er beim Gedanken an die aktuellen Geschehnisse. Karl Pahls berichtet von der Gastfreundlichkeit, die den Deutschen damals entgegen gebracht worden sei. „Eine alte Frau hat uns damals die Wäsche gewaschen. Wir wurden als Befreier vom Kommunismus angesehen“, erinnert er sich.

Im Krieg schwer verwundet

Eine schwere Verwundung – Bauchschuss und 15 Granatsplitter – aber machte die Illusionen zunichte. Mehrmals wurde er operiert. Die schönen Erinnerungen an die Ukraine aber hat er sich bis heute bewahrt. In späteren Jahren hat er das Land noch zwei Mal als Tourist besucht. „Ich hatte mich im Krieg in die Ukraine verliebt. Ich musste da noch mal hin.“

Martha geheiratet und nach Sandlingen gezogen

1945 kehrte Karl Pahls zurück in die Heimat, zwei Jahre später heiratete er seine Martha und übernahm den landwirtschaftlichen Betrieb seiner Frau in Sandlingen. „Meine Frau war damals begehrt“, erzählt Pahls. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich sie bekomme.“

Europäischer Gedanke ist ihm wichtig

Ein Jahr nach der Hochzeit wurde Annegret geboren, 1953 kam die zweite Tochter Christa zur Welt. Bis zum Tod seiner Frau 1981 wurde der Hof bewirtschaftet. Der schmerzliche Verlust durch einen Autounfall war in mehrfacher Hinsicht eine Zäsur. 1981 gab Karl Pahls auch seine Mitarbeit in der Kommunalpolitik auf.

Mitbegründer der Samtgemeinde Flotwedel

Geprägt vom politischen Engagement seiner Familie, saß er viele Jahre im Gemeinderat Sandlingen, den es damals noch gab, und nach der Entstehung der Gemeinde Eicklingen 1968 gehörte er dem dortigen Parlament an. Parteien? Gab es nicht. Im ersten Samtgemeinderat ab 1971 war das anders. Mit zwei Parteien (CDU und SPD) war die politische Landschaft aber immer noch sehr überschaubar. Der Christdemokrat Pahls war dabei, als am 25. Januar in der Gaststätte „Zur Linde“ in Wienhausen, dem heutigen „Klosterwirt“, die Samtgemeinde ins Leben gerufen wurde. Er sei immer aus Ausgleich bedacht gewesen, sagt er. „Die Extremen in der Politik konnte ich nicht ausstehen. Die meisten meiner Ratskollegen waren aber auch vernünftig – trotz verschiedener Parteien. Wir haben immer nur für die gute Sache gestritten.“ Der Aufbau von Freundschaften, die europäischen Partnerschaften der Samtgemeinde Flotwedel – sie waren und sind ihm noch immer wichtig. Erst recht in Krisenzeiten wie diesen, in denen ihn die Sorge um Europa umtreibt.

Vielseitig im Dorfleben engagiert

Schnell fasste Pahls auch anderweitig Fuß im Dorfleben. Er wurde Mitglied in der Landwirtschaftlichen Maschinengenossenschaft und in der Kyffhäuser-Kameradschaft. Urkunden und Pokale im Wohnzimmer zeugen von zahlreichen Erfolgen als Schütze. Das darf zum 100. Geburtstag erwähnt werden – auch wenn der bescheidene Diplomat das nicht gerne hört. „Bloß keine Lobhudelei“, gibt er dem CZ-Reporter mit auf den Weg.

Viel Disziplin - auch bei der Ernährung

Diplomatisch, diszipliniert, und wenn es sein muss, auch mal ein wenig energisch: Das zeichnet Karl Pahls bis heute aus. Seine Tochter Christa versorgt ihn rund um die Uhr, auf gesunde Ernährung wird geachtet, Fleisch gibt es nur sonntags. Und wenn ihn nicht seine siebenjährige Urenkelin Matea auf Trab hält, übersetzt er alte Sütterlin-Schriften. Einfach nur die Hände in den Schoß legen, das passt einfach nicht zu ihm.

lebenslauf

20. Mai 1922

Geburt in Offensen

1928 bis 1936

Volksschule Offensen

1936

Beginn landwirtschaftliche Ausbildung

1947

Hochzeit mit Martha

1948/1953

Geburt der Töchter Annegret und Christa

1971 bis 1981

Mitglied im Samtgemeinderat Flotwedel

1981

Tod der Ehefrau Martha