Ein Dorf packt an

Helfer richten Haus für Flüchtlinge her

Vorm Krieg in der Ukraine geflohene Menschen sollen in Bröckel ein neues Zuhause bekommen. Wir waren bei der Aktion dabei. Das sagen die Helfer.

  • Von Carsten Richter
  • 04. März 2022 | 09:38 Uhr
  • 12. Juni 2022
  • Von Carsten Richter
  • 04. März 2022 | 09:38 Uhr
  • 12. Juni 2022
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Bröckel.

Auf der Veranda des Hauses steht ein Tisch mit einer Kaffeekanne und ein paar Tassen. Häufig aufgesucht wird dieser Ort am Mittwochvormittag nicht. Allenfalls eine kurze Verschnaufpause – eine lange Unterbrechung aber gönnen sich die fleißigen Helfer nicht. Stattdessen wird geputzt, gesägt und vor allem geschleppt. Tüten, Kisten, Regale, Schränke: Es gibt fast nichts, was nicht die schmalen Treppen des dreistöckigen Hauses an der Hauptstraße in Bröckel hinaufgetragen wird.

Flüchtlingen aus Ukraine finden in Bröckel neues Zuhause

Innerhalb weniger Stunden haben sich am Abend zuvor über die sozialen Medien Freiwillige zusammengefunden, die alle ein gemeinsames Ziel haben: Menschen, die aus der vom Krieg schwer getroffenen Ukraine geflüchtet sind, ein sicheres Zuhause geben. Und so werden Betten bezogen, Fenster geputzt und Regale eingeräumt. Für zwölf Geflüchtete wird Platz geschaffen.

Bröckeler zeigen sich hilfsbereit

Mehr als ein Dutzend Menschen aus Bröckel und Umgebung packen mit an. „Wir mussten schon Leuten absagen, sonst würden wir uns auf die Füße treten“, sagt Sina Berkhan. Sie ist eine der Helferinnen und begeistert von so viel Engagement. „Es haben sich schon weitere Bröckeler gemeldet, die ebenfalls Flüchtlinge aufnehmen wollen.“

Das sagt der Eigentümer Gregor Schroedter

Eigentümer des Hauses ist Gregor Schroedter, der selbst in der Nachbargemeinde Eicklingen wohnt und dort ein Unternehmen im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe führt. Vor drei Jahren hat er das Haus erworben mit der Absicht, dort eine heilpädagogische Wohngruppe für Kinder einzurichten. Aus den Plänen ist aber bislang nichts geworden. Dafür erfüllt es nun einen anderen Zweck. „Eine Familie hat hier schon mal kurzzeitig gewohnt. Das Haus ist deshalb fast vollständig möbliert“, erläutert Schroedter. Das nimmt den Helfern einiges an Arbeit ab, gleichwohl gibt es noch immer viel zu tun, um die Räume wohnlich einzurichten.

Samtgemeinde Flotwedel schickt Busse in Ukraine

Die Samtgemeinde Flotwedel hatte zwei Busse an die polnisch-ukrainische Grenze geschickt, um dort Flüchtlinge aufzunehmen. Als Schroedter davon erfuhr, war sein erster Gedanke das leerstehende Haus in Bröckel. „Ich kenne hier im Ort die Strukturen“, sagt er. Was er meint, zeigt sich erneut am Mittwoch: Die Menschen in Bröckel halten zusammen und packen an.

Viele Spenden in Bröckel eingegangen

Innerhalb von wenigen Stunden sind zahlreiche Spenden eingegangen. „Ganz Bröckel ist in Alarmbereitschaft“, meint Helferin Sina Berkhan. „Hygieneartikel sind da für alle Altersklassen. Wir wissen ja nicht, wer kommt. Das wird noch mal spannend.“

Das sagen Helfer in Bröckel zum Krieg

Die Geschehnisse in der Ukraine lassen keinen Helfer kalt. Die Lage sei dramatisch, sagt Cordula Siebert, während sie das Badezimmer im zweiten Obergeschoss auf Vordermann bringt. „Ich bin kein ängstlicher Mensch, aber das macht mir Angst. Der Mensch ist unberechenbar“, sagt sie mit Blick auf Russlands Machthaber Wladimir Putin. Die Arbeit lenkt sie von den trüben Gedanken ab. Das geht wohl vielen so an diesem Tag und in dieser Zeit.

Verena Plate stammt vom Bodensee, seit 2011 wohnt sie in Bröckel. „Eine tolle Gemeinschaft. Hier ist es möglich, direkt vor Ort zu helfen“, erzählt sie beim Saubermachen der Küche.

Bürgermeister lobt Aktion

Samtgemeindebürgermeister Frank Böse macht sich ebenfalls ein Bild von der Aktion in Bröckel: „Ich bin begeistert und dankbar für die große Hilfsbereitschaft“, sagt der Verwaltungschef. Aus dem ganzen Flotwedel sind Spenden für die Ankömmlinge eingetroffen. Gregor Schroedter und seine Mitstreiter aus Bröckel sind nur ein Beispiel von vielen. „Zahlreiche Wohnungen und Hilfen wurden uns angeboten. Unser Familienbüro Kess, das über professionelle Hilfe verfügt, hat alle Botschafter informiert. Wir sind vorbereitet und können kurzfristig reagieren, wenn weitere Flüchtlinge zu uns ins Flotwedel kommen“, sagt Böse.

Erste Flüchtlinge sind angekommen

Derweil sind am Donnerstagmorgen die ersten geflüchteten Ukrainer in die Unterkunft in Bröckel eingezogen. Zwei Mütter mit zwei beziehungsweise drei Kindern sind in dem Haus untergekommen – wegen Komplikationen an der Grenze weniger als zunächst erwartet. „Immerhin sind sie jetzt in Sicherheit“, zeigt sich Schroedter gestern Nachmittag erleichtert.

Flüchtlinge zeigen sich dankbar

Erleichtert sind auch die beiden ukrainischen Familien. „Sie sind super dankbar“, erzählt Schroedter. Am Nachmittag sollte ihnen noch Kuchen aus dem Dorf gebracht werden. Die Hilfsbereitschaft in Bröckel und andernorts kennt derzeit eben keine Grenzen.