Mitmenschen in Not

Geburt wird zum Albtraum

Eine Geburt wird zum Kampf um das Leben von Mutter und Kind. In der Folge kämpft die Familie mit dem Trauma.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 22. Dec 2020 | 16:00 Uhr
  • 12. Jun 2022
  • Von Cellesche Zeitung
  • 22. Dec 2020 | 16:00 Uhr
  • 12. Jun 2022
Anzeige
Hambühren.

Glücklich betrachtet Charlotte Elban (Namen von der Redaktion geändert) ihre kleine Tochter, streichelt ihr zart über die rosigen Wangen. Satt und zufrieden schläft die acht Monate alte Mila neben ihrer Mutter auf dem zerschlissenen Sofa. „Sie ist unser höchstes Glück“, sagt die 34-Jährige, „aber ich kann auch nicht aufhören, mir um sie Sorgen zu machen. Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich sie beobachte.“ Noch immer hat die junge Mutter den Schock einer traumatischen Geburt nicht ganz verwunden. Noch immer zeugen dunkle Schatten unter den Augen und fehlende Pfunde auf den Rippen von den durchlittenen Monaten.

Traum vom Wunschkind erfüllt

In der Küche kocht Ehemann Marc Kaffee. Die Elbans wohnen in bescheidenen Verhältnissen in einer kleinen Wohnung am Rande von Hambühren. Marc arbeitete in einer Logistikfirma, Charlotte hatte eine Teilzeitstelle in einer sozialen Einrichtung gefunden. Zusammengelegt kamen sie mit ihrem Einkommen „ganz gut über die Runden“ – so gut, dass sich das Paar endlich den Traum von einem Wunschkind erfüllen wollte. „Es hat auch ziemlich schnell geklappt und wir waren überglücklich“, erzählen die beiden. Die Schwangerschaft verlief ohne Komplikationen. Das Paar absolvierte einen Geburtsvorbereitungskurs. Charlotte machte online spezielle Gymnastikkurse, informierte sich über optimale Ernährung und vieles andere, was werdende Eltern so interessiert.

Ein nebliger Albtraum

Als dann passend zum errechneten Termin die Wehen einsetzten, war zunächst „alles so, wie es sein sollte“, sagt Marc Elban. Der werdende Vater fuhr seine Frau ins Krankenhaus, sorgte für die Aufnahme und hielt ihre Hand. „Und dann brach plötzlich das Chaos aus", erinnert er sich. Charlotte bekam Krämpfe, die Hebamme alarmierte die Ärzte. ,,Alles wurde hektisch und ich wurde an die Seite gedrängt. Alles verschwamm in einem nebeligen Albtraum." Marcs Hände werden ganz fahrig, wenn er daran zurück denkt. Auch die Blässe in Charlottes Gesicht zeugt von dem erlebten Drama, einem Kampf um das Leben von Mutter und Kind – der gewonnen wurde. Das Trauma allerdings blieb.

"Schock hat mich wie in Watte gepackt"

"Mia war in den ersten Minuten ziemlich leblos", so die Mutter. "Wir konnten kaum einen Blick auf sie werfen, da haben sie sie schon mitgenommen, um sie zu versorgen und erste Test zu machen." Das Erlebte und die Anspannung, wie es ihrem Kind ging, ließen Charlotte physisch zusammenbrechen. „Der Schock hat mich wie in Watte gepackt“, beschreibt sie es heute. "Nichts in meinem Kopf funktionierte wirklich. Ich war wie abgestorben – innen wie außen.“

"Alltag mit Mia nicht geschafft“

Äußeres und alle Körperfunktionen der kleinen Mila schienen in Ordnung, aber es war lange nicht klar, ob das Mädchen doch bleibende Schäden unter der Geburt erlitten hatte. „Zeit und Geduld“ war der Rat der Ärzte – was die Fragen nach den Folgen des Geburtstraumas von Mutter und Kind anging. Dass der Plan, nach dem Mutterschutz in geteilte Elternzeit zu gehen, nicht klappen würde, zeichnete sich schnell ab. Während Mila sich nach anfänglicher Verzögerung zufriedenstellend entwickelte und es aktuell kaum mehr Grund zur Sorge gibt, wirkte das Erlebte bei ihrer Mutter weiter fort – mit physischen und psychischen Problemen: „Ich hab den Alltag mit Mia nicht geschafft“, sagt sie.

Ängste belasten die Beziehung

Marc hat schnell reagiert und konnte seinen Job auf Teilzeit reduzieren, um seine Frau zu unterstützen. Auch eine Familienhebamme half über die ersten Monate. Im nächsten Jahr will Charlotte zumindest stundenweise wieder ihre Arbeit aufnehmen. Nach acht Monaten fühlt sie sich zunehmend stabil genug dafür. Das zeigt sich auch darin, dass sie nun endlich die Einrichtung des kleinen Kinderzimmers in Angriff nehmen will und sich außerdem ohne Ängste allein mit Mila im Kinderwagen an die frische Luft wagt. „Bislang schläft sie in ihrem Bettchen bei uns, aber ich will mich nicht zu so einer überängstlichen Panikmutter entwickeln", sagt die Mutter. "Irgendwann muss doch so etwas wie Normalität einkehren und die Geduld von Marc hab ich auch schon überstrapaziert. Auch wenn er sich nicht beschwert – meine Ängste belasten unsere Beziehung.“

„Hoffentlich vorübergehend“ Sozialhilfe

Die Einkommensverluste haben es notwendig gemacht, dass die Familie „hoffentlich vorübergehend“ Sozialhilfe beantragen musste. Für den gewünschten Kinderschrank und einen warmen Winterfußsack für den Kinderwagen reicht das Budget derzeit ebenso wenig wie für den empfohlenen Motorikwürfel als Förderspielzeug für Mila. Ein Zuschuss aus den Spendengeldern der Aktion "Mitmenschen in Not" konnte da helfen.

Von Doris Hennies

So können sie helfen

Rund 95.000 Euro sind bislang auf dem Spendenkonto eingegangen. Das Konto des gemeinnützigen Vereins „Mitmenschen in Not“ läuft unter dem gleichnamigen Stichwort mit der IBAN DE74269513110000009910 bei der Sparkasse Celle-Gifhorn-Wolfsburg (BIC: NOLADE21CEL). Bis zu einem Betrag von 200 Euro erkennt das Finanzamt Celle den Einzahlungsbeleg als Spendenquittung an.

Von