Rangeleien mit Antifa

Polizei greift bei NPD-Aufmarsch durch

NPD, Antifa und Polizei sind am Samstag in Eschede aneinander geraten. Acht Rechtsextreme, die zum Hof Nahtz gehren, zogen durch den Ort. Mehr als 500 Menschen stellten sich dagegen.

  • Von Christian Link
  • 22. Juni 2020 | 10:06 Uhr
  • 10. Juni 2022
  • Von Christian Link
  • 22. Juni 2020 | 10:06 Uhr
  • 10. Juni 2022
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Eschede.

Zweimal hatte die rechtsextreme NPD bereits einen Aufmarsch in Eschede angekndigt. Zweimal hatten die Neonazis wieder zurckgezogen. Am Samstag zeigten sie sich zum ersten Mal offen im Ort. Unter schwerem Polizeischutz zogen der mehrfach vorbestrafte Pierre Bauer und Sebastian Weigler, der Landesvorsitzende der NPD-Nachwuchsorganisation "Junge Nationalisten", sowie sechs Kameraden durch die Bahnhofstrae. Hunderte Gegendemonstranten stellten sich der kleinen Gruppe in den Weg.

Whrend sich um 11 Uhr bereits dutzende Gegendemonstranten am Bahnhof versammelt hatten, lie die NPD lange auf sich warten. Mit Versptung rollte der mit rechten Parolen geschmckte Sprinter vom Campingplatz in Richtung Bahnhof. An der Ecke Bahnhofstrae/Bergener Strae hielt JN-Chef Weigler eine Zwischenkundgebung, die von Gegendemonstranten mit Trillerpfeifen und Zwischenrufen gestrt wurde.

Antifa-Aktivisten greifen Polizisten an

Mehrfach kam es zu Rangeleien zwischen den schwarz gekleideten Antifa-Aktivisten und den Bereitschaftspolizisten, die aus der ganzen Polizeidirektion Lneburg zusammengezogen wurden. "Einsatzkrfte der Polizei mussten gegen einige der unfriedlichen Gegenprotestler unmittelbaren Zwang anwenden, um sie am Durchbrechen von Polizeisperren zu hindern", berichtete Polizeisprecherin Birgit Insinger. Die Polizei habe mehrere Ermittlungsverfahren wegen Landfriedensbruchs eingeleitet.

Vor allem die Bahnhofstrae war umkmpft. Schwarz gekleidete Antifa-Aktivisten versuchten an allen mglichen Stellen, an den Polizisten vorbeizuschlpfen. Bei einem Durchbruchsversuch am schmalen Hermann-Lns-Weg setzten die Beamten auch Pfefferspray ein, wodurch mindestens ein halbes Dutzend Gegenprotestler leicht verletzt wurde und die Augen mit Kochsalz-Lsung auswaschen musste. Mehrere Anwohner verfolgten das Geschehen aus ihren Vorgrten heraus. "Wir mchte hier weder Rechts- noch Linksextreme. Die sind doch nur hier, um Krawall zu machen", rgerte sich etwa Anwohner Heinrich Stamme.

NPD muss zur Volksbank ausweichen

Eigentlich sollte der NPD-Aufmarsch ber die Bundesstrae zum Edeka-Markt gefhrt werden. Weil die Zugnge zur Bahnhofstrae von Gegendemonstranten versperrt waren, wurden die Rechtsextremen aber nur durch einen Schleichweg zur Volksbank gebracht. Dort hielt Weigler die Abschlusskundgebung, in der er unter anderem Nazi-Gegner aus Eschede namentlich aufzhlte und einzuschchtern versuchte. "Wir haben noch einige Ideen, wie wir Eschede mit Leben erfllen knnen", drohte Weigler an. Anschlieend fuhr er zusammen mit den anderen Rechtsextremen unter Polizeischutz aus dem Ort.

Die Polizei, die mit mindestens hundert Einsatzkrften vor Ort war, zog am Ende des Tages ein positives Fazit. "Wenn auch nicht gnzlich friedlich verlaufend, konnte doch allen Versammlungsteilnehmern die Wahrnehmung ihres Grundrechtes auf Versammlungsfreiheit ermglicht werden", sagte Insinger. Beamte seien nicht verletzt worden.

Antifaschisten rgern sich ber aggressive Polizei

"Die Polizei wirkte zeitweise berfordert und trat sowohl den angereisten Antifaschisten als auch den Anwohnern gegenber extrem aggressiv auf", kritisierte dagegen Anita Frster von der Kampagne Landfriedensbruch, die gegen ein Nazi-Zentrum in Eschede kmpft. Das Auftreten der Antifa-Gruppen, die auch aus Hannover, Hamburg oder Lneburg angereist kamen, rechtfertigte Frster: Es ist uns klar, dass vermummte Menschen auf die Einwohner erstmal bedrohlich wirken, aber wir haben heute gezeigt, dass es uns nicht um sinnlosen Krawall geht, sondern darum, mit den Eschedern gemeinsam und friedlich die Plne der Nazis zu durchkreuzen.

Brgermeister kritisiert Angriffe auf Beamte

Die brgerlichen Gegendemonstranten nahmen das Auftreten der Antifa mit gemischten Gefhlen auf. "Die sind laut und das verstrt mglicherweise einige. Aber es gehrt einfach dazu, dass wir hier klar und deutlich Protest zeigen", sagte Eschedes Brgermeister Gnter Berg. Whrend er sich fr die friedliche Teilnahme bedankte, uerte Berg auch Kritik an den Auseinandersetzungen mit der Polizei. "Das muss man noch analysieren."

Dass Protest auch mit durchweg friedlichen Mitteln mglich ist, machte anschlieend das "Netzwerk gegen Rechtsextremismus Sdheide" deutlich. Rund 350 Menschen spazierten vom Bahnhof bis zum Hof Nahtz, wo die NPD ein Schulungs- und Veranstaltungszentrum einrichtet. "Nach einer Abschlusskundgebung endete diese Versammlung strungsfrei", sagte Polizeisprecherin Insinger.

Kommentar: Die NPD braucht Nachhilfe

Beim ersten Neonazi-Aufmarsch in Eschede wurde viel geschrien. Umso mehr ist mir deswegen eine ruhige Szene im Gedchtnis geblieben, die sich am Rand des Tumults abgespielt hat:WhrendNPD-Agitator Sebastian Weigler seine kuriose Kundgebung vor der Volksbank hlt, die eine Mischung aus Provokation und Propaganda-Videodreh darstellt, geht der berchtigte Neonazi Pierre Bauer hinter den Polizisten auf und ab und schaut finster zu den Gegendemonstranten rber. "Du kannst noch die Seiten wechseln, fr Freiheit und Demokratie", ruft ihm der Lachendorfer Charles Sievers zu. Damit kommt der mehrfach vorbestrafte Braunschweiger offenbar gar nicht klar. Wie ein Schuljunge, der sich schmt, schaut er weg und geht wortlos zurck zu seinen Kameraden.

Nachdem er mit seinen Provokationen per Lautsprecher fertig ist, will Weigler eine "Siegesrunde" vorbei an den Demonstranten drehen. Auch er bleibt bei Sievers hngen. DerOberschullehrer, der mit lernresistenten Fllen umzugehen wei, schafft es, kurz mit Weigler ber Freiheit und Demokratie zu diskutieren. Als der Braunschweiger von einer 10.000-jhrigen Tradition der Sonnenwendfeier fabuliert, erteilt Sievers der NPD-Ideologie eine klare Absage: "Die Brger aus dem ganzen Landkreis Celle haben keine Lust, in diese Richtung getrimmt zu werden." Dazu fllt auch dem vorwitzigen Weigler keine Antwort ein.

Mit den Beschimpfungen aus den Reihen der Antifa knnen die Rechtsextremen gut leben, ja sie freuen sich sogar darber. Wenn jedoch die brgerliche Mitte ganz sachlich ihre Stimme gegen das braune Gedankengut erhebt, trifft das ins Schwarze. Es gibt eben nicht nur ein "paar Scharfmacher im Ort", wie Weigler gerne behauptet. Dass der berwiegende Teil der Escheder die NPD ablehnt, muss dieser so lange klarmachen, bis selbst Weigler und Co. das endlich verstehen.

von Christian Link