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Eschede Celler Bauern haben "das Tierwohl fest im Blick“
Celler Land Eschede

Celler Azubi-Bauern haben "das Tierwohl fest im Blick“

18:00 12.12.2020
Birte Hemme und Lennart Thieleke schauen sich gemeinsam mit Ausbilder Dirk Drögemüller (rechts) die vor drei Wochen gedrillte Sommergerste an. Quelle: Lothar H. Bluhm
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Scharnhorst

Die Corona-Pandemie hat ihm einen Strich durch seine Pläne gemacht, denn eigentlich will Lennart Thieleke für ein Jahr ins Ausland gehen. Nach Kanada, Chile oder Russland. „Die Größe der Betriebe und die hohen Erträge im Getreideanbau dort interessieren mich. – Das ist einfach eine andere Liga“, sagt der 19-Jährige aus Köchingen im Landkreis Peine. Jetzt ist er für seine zweite Ausbildungsstation auf dem Hof von Dirk und Silke Drögemüller in Scharnhorst. Zusammen mit Birte Hemme (19). Auch sie absolviert die Ausbildung zur Landwirtin.

Birte Hemme mag die Arbeit mit den Kälbchen. Quelle: Lothar H. Bluhm

Zwei Azubis auf einem Hof

Seit dem Sommer sind Hemme und Thieleke Auszubildende auf dem Hof der Bentloh KG. Sie lernen Landwirt. Dirk Drögemüller bildet seit über 20 Jahren aus, seit sechs Jahren hat er zwei Auszubildende pro Jahrgang. Birte Hemme ist die erste weibliche Auszubildende für die Familie Drögemüller. „Das ist schon was Besonderes und das gibt es eigentlich nur in der Landwirtschaft: Lernen, Leben, Arbeiten und Wohnen unter einem Dach mit Familienanschluss“, macht Dirk Drögemüller auf die Situation der zwei Auszubildenden auf seinem Hof aufmerksam. Birte Hemme und Lennart Thieleke wohnen im Altenteilerhaus des Milchbauernhofes von Familie Drögemüller: „Sie gehören für ein Jahr zu unserer Familie.“

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Lennart Thieleke mag Tiere offensichtlich. Die Arbeit als Bauer ist sein Lebenselixier. Quelle: Lothar H. Bluhm

Menschlich muss es passen

Darum müsse das Zusammenleben auch klappen. Sowohl aus Sicht des Ausbildungsbetriebes, als auch aus Sicht der Auszubildenden. „Das Menschliche ist ganz wichtig, der Mensch muss zu uns passen“, formuliert Drögemüller ein Einstellungskriterium, auf das er besonders achtet. Ansonsten reicht als erster Schritt einer Bewerbung ein Anruf beim Betriebsleiter. „Naja, und der Führerschein Klasse T muss da sein“, ergänzt Drögemüller, der dann nach einigen Schnuppertagen über die Einstellung entscheidet.

Dirk Drögemüller Quelle: Lothar H. Bluhm

Birte Hemme kommt von einem Hof aus Poitzen

Kein Problem für Birte Hemme. Sie kommt vom Hof in Poitzen, wo ihre Eltern einen Milchviehbetrieb führen. „Wir haben jetzt 85 Milchkühe und überlegen, ob wir auf 100 Tiere aufstocken sollten und ob wir uns für einen Melkroboter entscheiden oder beim konventionellen Melken bleiben“, sagt die junge Frau, die ihren Realschulabschluss in Hermannsburg erhielt. Sie solle sich mal was anderes angucken, habe ihr Vater Lars-Christian empfohlen, als es um die Berufswahl ging: „Mach das, was dich glücklich macht.“

Bei Hinrich Rabe in Weesen gearbeitet

Vor diesem Jahr in Scharnhorst hat sie bereits ein Ausbildungsjahr auf dem Milchviehbetrieb von Hinrich Rabe in Weesen gearbeitet. Es sei zu empfehlen, die Ausbildung auf mehreren unterschiedlich strukturierten Betrieben durchzuführen, sagt Drögemüller. Dabei werde die betriebliche Ausbildung im Rahmen des Dualen Systems durch Unterricht in der Berufsschule begleitet und durch überbetriebliche Lehrgänge ergänzt.

Auch Füttern gehört zu den Aufgaben von Birte Hemme. Quelle: Lothar H. Bluhm

Milchkühe und jede Menge Gerät

Das Arbeiten mit Grubber, Scheibenegge und Pflug gehört ebenso zu ihren Tätigkeiten wie die Erntehilfe, Futterbergung und die Arbeit mit den Milchkühen. „Dabei haben wir immer das Tierwohl fest im Blick“, sagt die junge Auszubildende.

In der Freizeit ist Handballspielen angesagt

Eigentlich spielt sie in ihrer Freizeit gern Handball. Eigentlich beim MTV Müden, nun bei der HSG Lachte-Lutter. Durch die Corona-Beschränkungen spielt sie aber zurzeit gar nicht.

Drei Hektar Sommergerste gedrillt

Vor rund drei Wochen hat sie zusammen mit ihrem Kollegen Lennart drei Hektar Sommergerste gedrillt. „Da haben wir uns auf einen Versuch eingelassen, der uns von verschiedenen Seiten empfohlen wurde“, berichtet Drögemüller. Normalerweise wird die Sommergerste im März gedrillt. Immerhin seien aber die Winter in den letzten Jahren wärmer gewesen, so dass für das Saatgut und die Keimlinge hoffentlich keine Gefahr des Erfrierens besteht.

Auch die Kälber haben es Lennart Thieleke angetan. Da gibt es schon mal Streicheleinheiten. Quelle: Lothar H. Bluhm

Lennart Thileke stammt von Hof aus Köchingen

„Da wirkt sich der Klimawandel aus“, steht auch für Lennart Thieleke fest, dessen Eltern ebenfalls einen landwirtschaftlichen Betrieb haben. Er hat nach seinem Abitur das erste Ausbildungsjahr auf einem Betrieb mit 500 Sauen und 1500 Mastschweinen in Querfurt verbracht, den er durch einen bekannten Viehhändler und Mund-zu-Mund-Gespräche gefunden hat. „Scharnhorst ist in etwa vergleichbar mit dem Ort Köchingen, aus dem ich komme. Insofern ist das Leben auf dem Land in einem kleinen Dorf nicht neu für mich“, sagt er.

Landwirtschaft wird immer komplexer

Hier erhält er - ebenso wie seine Kollegin - Einblicke in Techniken und Organisation der betrieblichen Arbeit, Produktion und Vermarktung sowie in Pflanzen- und Tierproduktion. „Die Agrarwirtschaft entwickelt sich ständig weiter und wir immer komplexer“, skizziert Drögemüller seine Tätigkeit. Deshalb sei es wichtig, dass den Auszubildenden neben dem theoretischen Wissen auch Arbeiten in der Praxis vermittelt werden: Selbstständiges Arbeiten und berufliche Handlungsfähigkeit müssen in sechs Schritten gefördert werden: Informieren, Planen, Entscheiden, Ausführen, Kontrollieren und Bewerten.

Dennis Gramm ist Bildungsgangsleiter bei der Albrecht-Thaer-Schule für die Agrarberufe. Quelle: Lothar H. Bluhm

Nachgefragt bei Dennis Gramm

Dennis Gramm ist Bildungsgangsleiter für die Agrarberufe an der Albrecht-Thaer-Schule (BBS 3) Celle.

Wie lange dauert die Ausbildung zum Landwirt?
Die Ausbildung dauert normalerweise drei Jahre. Eine Verkürzung ist möglich, wenn eine allgemeine Hochschulreife vorliegt oder bereits eine andere Berufsausbildung erfolgreich abgeschlossen wurde.

Worum geht es bei dem schulischen Teil?
Neben den allgemeinbildenden Fächern Deutsch, Englisch und Politik wird der Schwerpunkt auf die Vermittlung fachtheoretischer Inhalte aus den Bereichen Pflanzenproduktion, Tierproduktion und Betriebswirtschaftslehre gelegt. Im Bereich Landtechnik wird pro Jahr ein Wochenlehrgang an der Deula Nienburg durchgeführt. Im Bereich der Tierproduktion gibt es im zweiten und dritten Ausbildungsjahr jeweils einen Wochenkursus, der sich nach der gewählten Spezialisierung der Auszubildenden richtet, wahlweise in Rinder-, Schweine- oder Geflügelhaltung.

Wie gliedert sich die Ausbildung?
Im ersten Ausbildungsjahr kann man wählen, ob man eine vollschulische oder eine betriebliche Ausbildung durchläuft. Bei der vollschulischen Variante besuchen die Auszubildenden vier Tage pro Woche die Berufsfachschule und einen Tag pro Woche einen Praktikumsbetrieb. Bei der betrieblichen Ausbildung reduziert sich der Schulbesuch auf zwei Tage, und drei Tage pro Woche wird auf dem Ausbildungsbetrieb ausgebildet (plus 0,5 Tage, da jedes zweite Wochenende ein Tag gearbeitet wird). Das zweite und dritte Ausbildungsjahr findet auf dem Ausbildungsbetrieb statt und ein Tag pro Woche wird die Berufsschule besucht.

Wem würden Sie die Ausbildung empfehlen?
Die Ausbildung eignet sich für Schüler, die gerne mit Landtechnik, Tieren und an der frischen Luft arbeiten. Allerdings muss man sich auch bewusst sein, dass es zum Beispiel zur Erntezeit keine vollkommen geregelten Arbeitszeiten geben kann. Ein Schlepperführerschein ist für die Ausbildung unbedingt erforderlich.

Wie sind die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt?
Da viele landwirtschaftliche Betriebe immer größer werden und auf spezialisierte Fremdarbeitskräfte angewiesen sind, gibt es eine große Auswahl an Stellen. Nach einer Weiterspezialisierung in einer Fachschule, Meisterausbildung oder Hochschulstudium steigen die Möglichkeiten eines attraktiven, gut bezahlten Jobangebots noch weiter an. Beispielsweise sind im Bereich der Beratung, Bildung und Information landwirtschaftliche Fachkräfte gesucht. Für Berufe wie LehrerIn im Agrarbereich (Praxis- oder Theorielehrkraft in der Schule), Landwirtschaftsberater (Beratungsring, Landvolk, Landwirtschaftskammer) oder Agrarjournalist (Landwirtschaftliche Verlage) ist die vorher absolvierte praktische Ausbildung sehr gefragt.

Von Lothar H. Bluhm

Was macht man in diesem Beruf?

Landwirte erzeugen pflanzliche sowie tierische Produkte und verkaufen diese.

Abhängig vom jahreszeitlichen Ablauf bearbeiten sie Böden, wählen Saatgut aus, mähen, düngen, pflegen Pflanzen und wenden Pflanzenschutzmittel an. Bei ihren Tätigkeiten benutzen sie meist landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge und Anlagen, die sie nicht nur bedienen und überwachen, sondern auch warten. Nach der Ernte lagern oder konservieren sie ihre Erzeugnisse oder vermarkten sie. In der Tierhaltung füttern, tränken und pflegen sie Nutztiere und reinigen Ställe. Auch Buchführungs- und Dokumentationsarbeiten gehören zu ihren Aufgaben.

Wo arbeitet man?

Beschäftigungsbetriebe:

Landwirte finden Beschäftigung in erster Linie

• im eigenen landwirtschaftlichen Betrieb oder in landwirtschaftlichen Großbetrieben

Arbeitsorte:

Landwirte arbeiten in erster Linie

• im Freien

• in Ställen

• in Lagerräumen, Scheunen,
Geräte- und Maschinenschuppen, auf Heuböden

Darüber hinaus arbeiten sie gegebenenfalls auch

• an Marktständen oder in Hofläden

• im Büro

Welcher Schulabschluss wird erwartet?

Rechtlich ist keine bestimmte Schulbildung vorgeschrieben. In der Praxis stellen Betriebe überwiegend Auszubildende mit mittlerem Bildungsabschluss ein.

Worauf kommt es an?

Anforderungen:

• Verantwortungsbewusstsein (zum Beispiel im Umgang mit Nutztieren und Pflanzenschutzmitteln)

• Gute körperliche Konstitution (zum Beispiel beim Heben von Säcken mit Düngemitteln, bei der Arbeit im

Freien)

• Technisches Verständnis (zum Beispiel bei der Reparatur von Landmaschinen und Fütterungsanlagen)

Wichtige Schulfächer:

• Biologie (zum Beispiel beim Anbau von Nutzpflanzen, für die Tierhaltung, ‑pflege und ‑zucht)

• Chemie (zum Beispiel zum Verstehen der Zusammensetzung von Futter- und Düngemitteln)

• Werken/Technik (zum Beispiel beim Umgang mit technischen Geräten und Maschinen)

• Mathematik (zum Beispiel für die Berechnung der benötigten Mengen an Saatgut oder Düngemitteln)

Was verdient man in der Ausbildung?

Beispielhafte Ausbildungsvergütungen pro Monat (je nach Bundesland unterschiedlich):

• 1. Ausbildungsjahr: 580 bis
750 Euro

• 2. Ausbildungsjahr: 640 bis
815 Euro

• 3. Ausbildungsjahr: 680 bis
875 Euro

Wie viele Schüler wollen in Celle derzeit Landwirt werden?

An der Albrecht-Thaer-Schule (BBS 3 Celle) sind es im ersten Lehrjahr
21 Schüler, im zweiten Lehrjahr 33 Schüler und im dritten Lehrjahr 20 Schüler.

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