Anastasia Gulej

KZ-berlebende muss vor Putin fliehen

1945 wurde Anastasia Gulej aus dem KZ Bergen-Belsen befreit, nun musste sie aus der Ukraine fliehen. In der Gedenksttte fand sie deutliche Worte.

  • Von Christopher Menge
  • 15. Apr 2022 | 20:00 Uhr
  • 10. Jun 2022
  • Von Christopher Menge
  • 15. Apr 2022 | 20:00 Uhr
  • 10. Jun 2022
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Lohheide.

Wer htte gedacht, dass sie nochmal einen Krieg erleben muss? Die KZ-berlebende Anastasia Gulej hat am Freitag deutliche Worte fr den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine gefunden. Die 96-Jhrige sprach von einem Genozid am ukrainischen Volk, insbesondere an den ukrainischen Mnnern, die ab 14 Jahren vernichtet wrden. Am Obelisken in der Gedenksttte Bergen-Belsen gedachte sie am 77. Jahrestag der Befreiung des KZ Bergen-Belsen der Opfer des Nationalsozialismus und der des Krieges in der Ukraine. Die offizielle Gedenkfeier soll am 8. Mai stattfinden. Fr den 4. September sind 100 berlebende zu einer weiteren Gedenkfeier eingeladen.

Maik Reichel holt KZ-berlebende aus Ukraine nach Deutschland

"Wir fhlen heute groe Freude einerseits und groe Trauer andererseits", sagte Diana Gring von der Gedenksttte Bergen. Freude, weil man sich nach langer Zeit wiedersehe, groe Trauer, weil Anastasia Gulej und viele andere wegen des russischen Angriffskrieges aus der Heimat fliegen mussten. Der Direktor der Landeszentrale fr politische Bildung Sachsen-Anhalt, Maik Reichel, hat der 96-jhrigen KZ-berlebenden die Flucht nach Deutschland ermglicht.

Anastasia Gulej war in Auschwitz und Bergen-Belsen inhaftiert

"Als Kind musste Anastasia Gulej in den 1930er Jahren Not und Hunger im stalinistischen System erleiden", berichtete Gring. Als Deutschland 1941 die Sowjetunion berfiel, war sie 16 Jahre alt. Ihre drei Brder kmpften in der Roten Armee. "Im September 1943 kam sie als politische Gefangene nach Auschwitz, im Januar 1945 dann ins KZ Bergen-Belsen, das am 15. April 1945 von der britischen Armee befreit wurde. Anastasia Gulej war damals 19 Jahre alt. Sie kehrte nach Kiew zurck, machte ihr Abitur, studierte Forstwirtschaft und bekam drei Kinder.

Anastasia Gulej setzt sich fr Frieden und Vlkerverstndigung ein

50 Jahre nach der Befreiung besuchte sie erstmals die Gedenksttte Bergen-Belsen, nachdem sie sich zuvor schon 25 Jahre lang in Verbnden von KZ-berlebenden engagiert hatte. In Schulklassen erzhlte sie von der Verfolgung und den Erlebnissen im KZ. Anastasia Gulej habe sich fr die Vlkerverstndigung und den Frieden eingesetzt, sagte Gring.

Russischer Angriffskrieg: Anastasia Gulej flieht aus Ukraine

Doch in diesem Jahr hat ein neues schlimmes Kapitel in ihrem Leben begonnen. "Den Schmerz ber die furchtbaren Geschehnisse in der Heimat knnen wir nicht abnehmen", sagte die Gedenksttten-Mitarbeiterin. "Aber wir wollen gute Gastgeber und Freunde sein, solange ihr in Deutschland sein msst oder wollt."

77. Jahrestag der Befreiung des KZ Bergen-Belsen

Die berlebenden der Konzentrationslager htten gedacht, dass sie das Schlimmste berstanden htten. "Aber nach 77 Jahren ist wieder Krieg in unserer Heimat", sagte Anastasia Gulej. Sie sei stolz auf das ukrainische Volk, das heldenhaft kmpfe. "Mge euer Land nie wieder Krieg erleben", sagte die 96-Jhrige, ehe sie den Gsten gemeinsam mit ihrer Tochter Walentyna Brot, Kekse und Bonbons reichte eine ukrainische Tradition, um der Toten zu gedenken.

Lichter auf Schienen am Waggon an der Rampe in Bergen

Am Abend sprach die KZ-berlebende zudem noch bei der Veranstaltung "Lichter auf Schienen" am Waggon an der Rampe in Bergen. "Der Waggon an der Rampe ist ein Mahnmal fr die massenhafte Deportation und Vernichtung von Menschen im Zweiten Weltkrieg und fr den Frieden", sagte die Vorsitzende der AG Bergen-Belsen, Elke von Meding. Der Waggon soll mahnen Nie wieder, doch nun sei wieder Krieg mit all den schrecklichen Folgen.