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Bergen Stadt „Hier werde ich nicht gehänselt“
Celler Land Bergen und Lohheide Bergen Stadt „Hier werde ich nicht gehänselt“
14:53 13.06.2010
Dörte Marten (links) begleitet Knut während des Unterrichts in der Klasse. Martin (vorne rechts) nimmt als Förderschüler ebenfalls am Integrationsunterricht der Hauptschule teil. Im Hintergrund arbeitet Lehrerin Tanja Zemke mit Schülern.
Dörte Marten (links) begleitet Knut während des Unterrichts in der Klasse. Martin (vorne rechts) nimmt als Förderschüler ebenfalls am Integrationsunterricht der Hauptschule teil. Im Hintergrund arbeitet Lehrerin Tanja Zemke mit Schülern. Quelle: Lothar H. Bluhm
Bergen Stadt

„Eigentlich schon immer“, beantwortet die Stimme aus dem Sprachcomputer ein wenig klirrend die Frage, wie lange Knut bereits am Integrationsunterricht in der Anne-Frank-Schule in Bergen teilnimmt. Der 17-jährige Schüler aus Oldau hat seine Antwort auf die Tastatur eingetippt, denn er selbst kann nicht sprechen. Seine Krankheit, eine Art Muskelschwund, hindert ihn körperlich daran. Trotzdem nimmt Knut am normalen Unterricht der Klasse 9b der Hauptschule Bergen teil, obwohl er Schüler der benachbarten Förderschule ist. Genauso wie Martin und andere, die in einigen Fächern in der Hauptschule unterrichtet werden.

Die Grundlage sind die Schulprogramme und ein Kooperationsvertrag zwischen beiden Schulen. Die Käthe-Kollwitz-Schule, eine Förderschule mit 116 Kindern, arbeitet mit der Anne-Frank-Schule, einer Hauptschule mit 160 Kindern, zusammen, um so Kindern zu ermöglichen, große Teile des Unterrichtes gemeinsam zu erleben und bessere Startmöglichkeiten zu erhalten. In den Fächern Deutsch, Geschichte, Mathe oder auch Erdkunde oder Werte und Normen wird für Haupt- und Förderschüler gemeinsam unterrichtet.

„Das wird künftig noch einfacher, wenn der Lift zwischen unseren verschiedenen Etagen eingebaut wird“, freut sich Wilfried Lilie, Schulleiter der Anne-Frank-Schule auf Auswirkungen des Konjunkturprogramms der Bundesregierung. Dann kann der Unterricht auch in den jeweiligen Klassenräumen stattfinden und die Schüler brauchen nicht mehr in den Kunstraum zu wechseln. Das war bisher aber auch kein Problem, denn insgesamt sind es nur kurze Wege zwischen den beiden benachbarten Schulen.

Je nach Alter, Krankheitsbild und Empfehlung der Lehrkräfte nehmen zirka 30 Förderschüler am Unterricht in der Hauptschule teil. „Die Eltern vertrauen ihre Kinder gern der Hauptschule an“, kennt Rektor Kai Backhaus die Erziehungsberechtigten der körperlich-motorisch beeinträchtigten Kinder und Jugendlichen genau. Oft werde die Kooperation auch als Argument für die Wahl des Schulstandortes Bergen genommen. Schüler aus den Kreisen Soltau-Fallingbostel. Uelzen und Celle kommen hier zusammen. „Es geht uns immer um die Kinder“, ergänzt Schulleiter Wilfried Lilie und sieht für viele Seiten einen Zugewinn: Für die Hauptschüler, für die beeinträchtigten Schüler der Förderschule und für die Lehrer: „Wir stellen immer wieder einen Zuwachs an Professionalität fest.“

Leider werde in der Lehrerausbildung das Thema der Integration körperlich beeinträchtigter Schüler zu sehr vernachlässigt.

Für Knut, Martin und die anderen ist es ein schönes Gefühl, in der Anne-Frank-Schule unterrichtet zu werden. „Hier werde ich nicht gehänselt“, freut sich Martin, der wegen einer Strahlentherapie zeitweilig keine Haare hatte.

Von Lothar H. Bluhm