Drohnenrettung

Für Bambi kommt Hilfe aus der Luft

Rehkitze und Vögel, die ihre Nester auf Wiesen und Weiden bauen, würden bei der Mahd vermutlich unentdeckt bleiben und hätten gegen die Maschinen keine Chance.

  • Von Jana Wollenberg
  • 11. Juni 2022 | 11:00 Uhr
  • 14. Juni 2022
  • Von Jana Wollenberg
  • 11. Juni 2022 | 11:00 Uhr
  • 14. Juni 2022
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Bergen.

Dichter Nebel liegt in den frühen Morgenstunden über den Flächen von Landwirt Moritz Meinecke. Die Wiesen südlich von Bergen, die an diesem Tag gemäht werden sollen, sind von Tau bedeckt, das Gras steht fast kniehoch. Was sich zwischen den langen Halmen verbirgt, ist weder vom Boden noch vom Sitz des Traktors aus gut zu erkennen. Junge Hasen, Rehkitze und Vögel, die ihre Nester auf Wiesen und Weiden bauen, würden bei der Mahd vermutlich unentdeckt bleiben und hätten gegen die Messer der Landmaschine keine Chance.

Deshalb hat der Landwirt Hilfe aus der Jägerschaft angefordert: An diesem Morgen machen Henning Timme und Jan Hinrich Wrogemann vom Hegering Bergen ihre Drohne schon zum zweiten Mal startklar – ihr Tag begann um halb fünf, als sie die Felder eines anderen Landwirts nach Rehkitzen und anderen Wildtieren absuchten. Gut eine Stunde später steigt das Gerät erneut auf, innerhalb weniger Sekunden hat es seine Flughöhe von 40 Metern erreicht.

„Die Kitze ducken sich und versuchen, sich zu verstecken, wenn sich Gefahr nähert“, erklärt Wrogemann. Wenn sich ein Fressfeind nähert, kann dieses Verhalten den jungen Rehen das Leben retten, vor den Landmaschinen schützt es sie aber nicht. In geraden Bahnen steuert der Jäger die Drohne über die Wiese, die Bilder werden auf einen großen Bildschirm im Kofferraum des Einsatzfahrzeugs übertragen. Was auf dem Sichtbild der Kamera auch aus der Luft nicht zu erkennen ist, macht die Wärmebildkamera sichtbar: Stellen, die wärmer sind als das feuchte Gras, heben sich in Weiß von der Umgebung ab.

Helfer werden über Funk angeleitet

Nicht jeder dieser Flecken auf dem Kamerabild zeigt, dass sich hier ein Rehkitz verbirgt: „Dort sitzen Vögel im Baum“, sagt Wrogemann nach einigen Minuten. Und auch Erdlöcher, Maulwurfshügel und die Kuhfladen, die Meineckes Rinder auf der benachbarten Weide hinterlassen haben, sind deutlich zu erkennen. „Wenn das Gras nass ist, sind die Wärmeverhältnisse gut“, erklärt der Jäger. Kurze Zeit später taucht dann tatsächlich das erste Kitz auf dem Bildschirm auf. Um sicherzugehen, senkt er das Fluggerät über der Fundstelle ab. Aus der Nähe ist das Tier mit seinem braunen Fell und den typischen weißen Flecken auch auf dem Sichtbild deutlich zu erkennen.

Nun muss es schnell gehen: Während sich Claudia Dettmer-Müller und Frank Dammann, die den Einsatz an diesem Morgen unterstützen, zur Fundstelle aufmachen, schwebt die Drohne über dem Rehkitz. Bergens Verwaltungschefin ist selbst auch Jägerin. Per Funk erhalten sie Anweisungen, um das Tier im hohen Gras zu finden. 20 Minuten haben die Jäger ab dem Zeitpunkt, wenn das Gerät in die Luft steigt. Dann muss der Akku gewechselt werden.

Während die beiden noch auf dem Weg zum ersten Kitz sind, entdecken Timme und Wrogemann bereits ein zweites Jungtier, einige Meter entfernt von der ersten Fundstelle. Walter Ritz und Carl-Heinz Dammann begeben sich auf die Suche. Die Jungtiere fassen die Helfer nur mit Handschuhen und Jutesäcken an, so verhindern sie, ihren Geruch zu hinterlassen und die Ricke – das Muttertier – abzuschrecken.

Auf einer benachbarten Wiese, die an diesem Morgen nicht gemäht wird, setzen sie die Kitze ab. „Bis heute Mittag sollte die Ricke wieder dazugefunden haben“, sagt Wrogemann. So lange kommen sie aus, ohne gesäugt zu werden. Mit Rufen machen die Jungtiere auf sich aufmerksam.

Nachdem die erste Fläche abgesucht ist, machen sich Jäger und Landwirt auf den Weg zu einer zweiten Wiese. Die Drohne macht zwei weitere Kitze sichtbar, eines davon ist vollständig unter dem hohen Gras verborgen. Bei einer Suche ohne Wärmebildkamera wäre es wohl unentdeckt geblieben, vermuten die Jäger.

Langsam lichtet sich der Nebel, inzwischen ist die Sonne hinter den Schwaden erkennbar. Der Einsatz ist rechtzeitig abgeschlossen: Wegen der Nähe zum Truppenübungsplatz darf die Drohne nur bis sieben Uhr morgens in der Luft bleiben. Nun sollten die Flächen zeitnah gemäht werden, um zu verhindern, dass Tiere auf die Wiese zurückkehren.

Suche schützt Vieh und Wildtiere

„Es gibt keine Ausrede, das Angebot nicht zu nutzen“, betont Henning Timme. Die Suche ist für die Landwirte kostenlos, Spenden der Auftraggeber ermöglichen es den Jägern, ihre Kosten zu decken. „Den Landwirten sparen wir Zeit“, sagt Wrogemann – die Flächen vor der Mahd zu Fuß abzulaufen, würde um ein Vielfaches länger dauern. Und der Einsatz der Drohne schützt nicht nur die Wildtiere, sondern auch das Vieh, das später mit dem Heu gefüttert wird. „Es ist schon vorgekommen, dass ganze Tierbestände gestorben sind“, erzählt der Jäger. Ursache war Botulismus – eine Vergiftung mit einem Leichengift, das entstehen kann, wenn die Kadaver von Wildtieren ins Futter gelangen.

An diesem Tag haben die Jäger sieben Rehkitze vor dem Mähtod bewahrt. Nicht alle von ihnen mussten von den Wiesen getragen werden, einige waren schon älter und liefen davon, als die Helfer sich näherten. 30 Jungtiere waren es in dieser Saison, die voraussichtlich bis Ende Juni gehen wird. Dazu kommen junge Hasen und bei einem Einsatz stießen die Drohnenführer auf das Gelege eines Bodenbrüters. Einfach umgesetzt werden kann ein solches Nest nicht. „Wir haben es markiert, damit der Landwirt die Stelle auslässt“, erklärt Timme.

Einsatz von Drohnen ist nicht verpflichtend

Landwirte sind nicht dazu verpflichtet, ihre Felder vor der Mahd mit Wärmebildkameras absuchen zu lassen. Das Tierschutzgesetz verbietet es aber, Tierenohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen. Gerichtsurteile aus den vergangenen Jahren zeigen, dass Landwirte in der Pflicht sind, Vorkehrungen zum Schutz von Wildtieren zu treffen. Das geht zum Beispiel mit Vergrämungsmaßnahmen wie Flatterbändern oder Menschenhaaren, deren Geruch Tiere von den Flächen fernhalten sollen. In der Vergangenheit wurden Landwirte, die dies unterlassen haben und auf deren Feldern Rehkitze zu Tode gekommen sind, zu Geldstrafen von mehreren tausend Euro und in einem Fall zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr verurteilt. Auch die Suche mit der Drohne gibt keine 100-prozentige Sicherheit, dass sich keine Kitze mehr auf der Wiese befinden, „aber es ist das Effektivste, was man machen kann“, sagt Jan Hinrich Wrogemann– und es bietet den Auftraggebern rechtliche Sicherheit.