Wolfsrisse im Celler Land

Hat Wolf Respekt vor Pferd und Rind verloren?

Erst ein Pony, nun ein Kalb aus einer Rinderherde. Hat der Wolf den Respekt vor Pferd und Rind verloren? Ein Blick auf die Nutztierrisse im Landkreis Celle.

  • Von Christopher Menge
  • 17. Oct 2021 | 19:00 Uhr
  • 09. Jun 2022
  • Von Christopher Menge
  • 17. Oct 2021 | 19:00 Uhr
  • 09. Jun 2022
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Celle.

Mitte August soll ein Wolf bei Hohne ein Pony gerissen haben , nun wurde ein Kalb aus der Rinderherde von Landwirt Wilhelm Krößmann, die etwa 1,5 Kilometer südöstlich von Hohne grast, verschleppt. Das Gerippe wurde in 150 Metern Entfernung gefunden. "Ich war geplättet, geschockt", sagt Krößmann. "Die Wölfe haben tagsüber zugeschlagen." Das Ergebnis der genetischen Untersuchung steht zwar noch aus, die Spuren deuten aber auf drei Wölfe als Täter hin. Wie Krößmann berichtet, wurde am Stacheldrahtzaun ein Haarbüschel gefunden, zudem habe man Spuren von Tatzen und eine Schleifspur gefunden. Traut sich der Wolf immer mehr zu und macht auch vor Pferden und Rinderherden nicht Halt? Ein wolfsabweisender Grundschutz ist bei diesen Tierarten, anders als bei Schafen und Ziegen, nicht vorgesehen.

Wolfsbeauftragter Reding: Wolf kann auch große Huftiere töten

"Vom Körperbau und von der Intelligenz her sind Wölfe in der Lage, auch große Huftiere zu töten", sagt Raoul Reding, Wolfsbeauftragter der Landesjägerschaft Niedersachsen. Im Vergleich handele es sich aber immer noch um seltene Einzelfälle. Mit zunehmender Verbreitung würden aber auch Risse von Rindern und Pferden zunehmen. "Wenn die Wölfe Erfolg hatten und wissen, dass es geht, kann sich die Zahl signifikant erhöhen", glaubt Reding. Das Wissen würde an den Nachwuchs weitergegeben werden. Aber: "Wenn der Wolf die Wahl zwischen einem Schaf und einem Hannoveraner hat, würde er das Schaf wählen", sagt der Wolfsexperte. Und wenn die Raubtiere schlechte Erfahrungen mit wehrhaften Rindern und Pferden gemacht hätten, würden sie auch von diesen Tierarten ablassen.

Ist Wolf-Grundschutz auch bei Pferden und Rindern nötig?

"Bisher geht man davon aus, dass bei Rindern der Schutz der Herde ausreichend ist", sagt der stellvertretende Kreisjägermeister und Wolfsberater Helge John. "Aber es gibt unterschiedliche Rassen und Zusammensetzungen der Herden. Es kann sein, dass man in fünf oder zehn Jahren darüber nachdenken muss, dass wir beispielsweise für Milchkühe oder Jungrinder einen anderen Grundschutz brauchen." Bisher handele es sich aber um Einzelübergriffe. "Der Wolf testet, ob er leichte Beute machen kann", so John. "Und dann passt es aus einem dummen Zufall, zum Beispiel weil das Pony gerade döst." Bisher gebe es aber kaum belastbare Zahlen. "Zum Glück", sagt John. "Denn sonst würde das ja bedeuten, dass wir mehr Übergriffe haben."

Vergleichsweise wenig Nutztierschäden im laufenden Monitoringjahr

Bisher gibt es in diesem Monitoringjahr (1. Mai bis 30. April) überhaupt erst verhältnismäßig wenig offiziell erfasste Nutztierschäden. "Normalerweise würde man sagen: ,Je mehr Wölfe, desto mehr Risse'", so Reding. Aber bisher seien Nutztierschäden nicht in dem Ausmaß wie gewohnt gemeldet worden. Dabei wäre jetzt eigentlich Hochsaison, was die Risse betrifft. "Es ist schwierig zu analysieren", meint der Wolfsbeauftragte. Die Vegetation aufgrund des nassen Sommers, die für fittere Wildtiere sorgt, könnte ein Grund sein. "Oder wird weniger gemeldet?", fragt sich Reding. In diesem Fall aber würde es auch keine finanzielle Entschädigung seitens des Landes geben.

Wolfsrudel in Lachendorf, Steinhorst und Ringelah bestätigt

Wilhelm Krößmann geht davon aus, dass im Gebiet um Hohne 15 bis 20 Wölfe unterwegs sind. Die offiziellen Zahlen bestätigen seine These. Aus dem Wolfsmonitoring geht hervor, dass in Lachendorf, Steinhorst und Ringelah Wolfsrudel heimisch sind. "Wolfsrisse können aber grundsätzlich überall in Niedersachsen passieren", sagt der Wolfsbeauftragte Reding. "Ein Wolf reicht aus, um 100 Schafe zu töten." Dass es noch ein weiteres Rudel in der Nähe von Hohne gibt, glaubt er nicht. Reding hält es aber für möglich, dass es sich bei dem Wolfsrudel Eschede/Rheinmetall doch um zwei Wolfsrudel handelt, wie oft behauptet wird. "Die Bezeichnung ist ohnehin extrem unglücklich", kritisiert Wolfsberater John. Eine Fähe sei einst aus Eschede auf den Schießplatz gewandert und habe mit einem "Rheinmetall-Rüden" ein neues Rudel gegründet. Die Tiere seien überwiegend im Uelzener Kreisgebiet unterwegs.

Gibt es weiteres Wolfsrudel bei Eschede?

Fest steht, dass es im Wald zwischen Eschede und Walle "überall Wölfe gibt", wie Reding sagt: "Es ist denkbar, dass es drei Rudel sind." Man benötige gute Genetikproben, beispielsweise von Losungen oder nach Rissen, um herauszufinden, ob es verschiedene Territorien seien. "Ich kann es bisher weder bestätigen noch ausschließen", so Reding. Offiziell sind derzeit die Rudel Walle und eben Eschede/Rheinmetall bestätigt.

Revierkämpfe von Wölfen bei Widdernhausen

Bei den Rudeln Widdernhausen und Wietzendorf – für beide Rudel fehlt aktuell der Reproduktionsnachweis – könnte es sich dagegen nur noch um ein Rudel handeln. Vor einem Jahr hatte es dort vermutlich Revierkämpfe gegeben. Es wurden zwei von einem anderen Wolf getötete Wölfe gefunden.

Viele Wölfe müssen auf Wanderschaft gehen

"Am Anfang sind viele Wölfe zugewandert", sagt Raoul Reding. Inzwischen würden überwiegend "eigene Wölfe" die Territorien besiedeln, die weiteren Tiere würden durch Revierkämpfe zur Abwanderung gezwungen. Regelmäßig würden Wölfe aus Niedersachsen in anderen Bundesländern nachgewiesen. "Wenn die Wölfe ständig auf Wanderschaft gehen, leidet die Fitness", sagt Reding. Auf der Suche nach einem neuen Territorium und einem Partner sei die Sterblichkeit relativ hoch. Unerfahrene Wölfe wären zudem auch häufig Opfer von Verkehrsunfällen.

Ein Wolf kann 100 Schafe töten

Auf der anderen Seite kann ein durchwandernder Wolf jederzeit für einen Nutztierschaden sorgen. Bei Wilhelm Krößmann haben aber vermutlich Raubtiere aus der Nachbarschaft zugeschlagen. Reding hält es für gut möglich, dass das Rudel Ringelah genetisch nachgewiesen wird.

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