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Aus dem Landkreis Wallraff-Lesung in Celle
Celler Land Aus dem Landkreis Wallraff-Lesung in Celle
15:03 13.06.2010
Von Simon Ziegler
Günter Wallraff
Günter Wallraff Quelle: nicht zugewiesen
Landkreis Celle

Herr Wallraff, für Ihren Film haben Sie sich in den Farbigen Kwami Ogonno aus Somalia verwandelt. Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie als Afrikaner verkleidet in Cottbus in einen Zug voller Fußballfans gestiegen sind?

Das Ganze hatte eine Vorgeschichte. Ich wurde niedergemacht. Einige zeigten mir den Hitlergruß. Als ich den Einsatzleiter der Polizei auf die ganzen Faschos ansprach, antwortete er, das sei ihm noch nicht aufgefallen. Daraufhin habe ich beschlossen, ich gehe da rein. Ich kann mir das auch eher leisten als jemand, der aus seiner Haut nicht raus kann. Zur Not hätte ich mich geoutet. 

Hatten Sie keine Angst?

Ich habe hinterher am ganzen Körper gezittert. In dem Zug waren 600 hasserfüllte, aggressionsaufgeladene Fans. Hätte sich eine junge Polizistin nicht schützend vor mich gestellt, wäre es um mich geschehen gewesen.

Es gibt Vorbehalte gegen Ihre Arbeitsmethoden. Kritiker bemängeln, Sie würden Klischees bedienen und würden Schwarze nicht selbst zu Wort kommen lassen.

Ich habe kein Verständnis für diese Kritik. Das ist ein Vorwand von Feuilletonisten, um sich mit den Inhalten nicht auseinandersetzen zu müssen. Dabei belegen Studien, dass ein Viertel der Deutschen ausländerfeindlich ist.

Anfang der achtziger Jahre haben Sie zwei Jahre als türkischer Gastarbeiter Ali gelebt und Ihre Erfahrungen in dem Bestseller „Ganz unten“ verarbeitet. Ist Kwami Ogonno die konsequente Fortführung von Ali?

Das würde ich so sehen. Es geht in meinen Arbeiten um soziale Themen, um soziale Benachteiligung, um „Wüstenbildung im sozialen Leben“. Das sind längst keine Randthemen mehr, das rückt in die Mitte der Gesellschaft.

Spielt die Rolle als Afrikaner in Ihrem Buch „Aus der schönen neuen Welt“ auch eine Rolle?

Ja, es ist eine von mehreren Arbeiten der vergangenen Jahre, die jetzt in der öffentlichen Wahrnehmung vom Film überlagert werden, mir aber genauso wichtig sind.

Worum geht es in den Reportagen?

Zum Beispiel um die Kaffeekette „Starbucks“, einen Betrieb, der sich nach außen modern und trendig gibt. Die Mitarbeiter haben aber keine Erholung während der Arbeitszeit. Ich habe gesehen, wie Starbucks-Mitarbeiter in der Filiale des Düsseldorfer Flughafens auf Kaffeesäcken geschlafen haben, weil sie nicht mehr nach Hause kamen. Ganze Belegschaften arbeiten bis zur Erschöpfung. Wenn Mitarbeiter krank sind, werden sie bis zu 20 Mal am Tag zu Hause angerufen. Das hat sektenähnlichen Charakter.

Sie beschreiben auch die psychologische Kriegsführung von Unternehmen.

Richtig. Ich habe mich als alter Unternehmer im Rollstuhl verkleidet und von einem Anwalt „beraten“ lassen, wie ich meinen Betriebsrat loswerden kann. Dieser Anwalt hat ein Buch unter dem Titel „Wie kündige ich Unkündbare“ geschrieben. Ich hatte einen hochkarätigen Anwalt als Zeugen dabei. Das geht jetzt vor die Rechtsanwaltskammer.

Wie erklären Sie sich den großen Erfolg Ihrer Arbeiten?

Ich erlebe die Resonanz immer wieder mit Erstaunen. Ich mache das, weil ich es für richtig und wichtig halte. Es ist eine Herangehensweise, die in anderen Ländern Nachfolger gefunden hat.

Wie lange wollen Sie sich noch in die Rolle von anderen hineinversetzen?

Meine Arbeit macht mir immer auch Spaß. Es gibt Szenen, die sind so grotesk, dass man darüber auch lachen kann. Ich habe eine Maskenbildnerin, die kriegt aus mir noch einen 49-jährigen Malocher hin. Ein 75-jähriger Unternehmer ist inzwischen aber leichter.

Lesung in Celle: Günter Wallraff liest am Donnerstag, 3. Dezember, 20 Uhr, aus dem Buch „Aus der schönen neuen Welt“ in der CD-Kaserne. Die Tickets kosten im Vorverkauf 18,90 Euro, ermäßigt 10,90 Euro. Sie sind auch im Ticketshop der CZ erhältlich.