10 Jahre Windpark

Im Schmarloh dreht sich alles um Strom

Die Befürworter waren erst ziemlich allein. Seit zehn Jahren ist der größte Celler Windpark voll in Betrieb. Ein Blick auf die Anfänge - und wie es weitergeht.

  • Von Carsten Richter
  • 16. Jan. 2022 | 13:00 Uhr
  • 09. Juni 2022
Der Windpark Schmarloh ist seit zehn Jahren voll in Betrieb.
  • Von Carsten Richter
  • 16. Jan. 2022 | 13:00 Uhr
  • 09. Juni 2022
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Celle.

Auf 80 Prozent soll der Anteil erneuerbarer Energien am Stromverbrauch bis zum Jahr 2030 steigen. Ein wichtiges Etappenziel auf dem Weg zur geplanten Klimaneutralität 2045. „Wir müssen jetzt in den nächsten Jahren effizienter und schneller werden“, mahnte Klimaschutzminister Robert Habeck (Grüne) Anfang dieser Woche an. Wäre die Zahl der Windräder überall so hoch wie in der Samtgemeinde Lachendorf, wäre Deutschland seinem Ziel schon ein ganzes Stück näher. Tatsächlich aber ist der Ausbau der Windenergie ins Stocken geraten. Planungs- und Genehmigungsverfahren müssten beschleunigt werden, so der Minister. Und: Vorteile für die Wirtschaft und für die Menschen vor Ort müssten miteinander verbunden werden.

Windräder im Schmarloh zwischen Grebshorn und Spechtshorn.

Windpark Schmarloh war Vorreiter in Deutschland

Was Habeck für ganz Deutschland erst noch erreichen will, wird im Celler Ostkreis längst schon praktiziert. Der Windpark Schmarloh gehörte zu den Vorreitern in Deutschland. Und mit der Stiftung wurde ein Weg gefunden, der für mehr Akzeptanz der Bürger sorgen sollte – örtliche Vereine und andere Institutionen profitieren davon jedes Jahr.

Größter Celler Windpark seit zehn Jahren voll in Betrieb

Am 19. Dezember 2007 wurde die erste Anlage in Betrieb genommen. Mittlerweile ist der Bereich zwischen Ahnsbeck und Hohne mit 19 Windrädern das größte Vorranggebiet im Landkreis. Ende der 1990er Jahre gab es die ersten Überlegungen, seit gut zehn Jahren ist der Windpark im Vollbetrieb. Und er wird in den kommenden Jahren weiter wachsen. Wie genau, ist noch unklar und hängt von vielen Faktoren ab.

Das Waldbad in Hohne profitiert von der Windpark-Stiftung.

Ursprünglich waren 45 Anlagen im Schmarloh geplant

Da die Betreiber die vorgesehene Fläche optimal bestücken wollten, waren vor gut 20 Jahren sogar 45 Anlagen geplant, was dann aber doch nicht umgesetzt wurde. „Das war bundesweit einzigartig“, erinnert sich Erhard Thölke, damaliger Hohner Bürgermeister. Der Sozialdemokrat, ein kommunalpolitisches Urgestein im Landkreis Celle, hat die Geschichte des Windparks dokumentiert, hat fast alle Zeitungsartikel und andere Publikationen zu dem Thema archiviert. Am 26. Mai 2000 wurde das Antragsverfahren durch den Landkreis Celle eröffnet. „Insgesamt wurden 44 Gutachten von den Betreibern verlangt. Eine derartig akribische Untersuchung für ein solches Projekt gab es bis dahin in Deutschland noch nicht“, sagt Thölke. Er sei immer Sympathisant der Windkraft gewesen, erzählt der SPD-Politiker. Die Idee eines Windparks im Schmarloh aber geht nicht allein auf ihn zurück.

1998 wurde die Idee geboren

CZ-Ortstermin bei Thölke zu Hause: Auf dem Sofa auf der anderen Seite des Wohnzimmertisches sitzt Hans-Rainer Rohde. Beide sind seit vielen Jahren befreundet. Rohde ist auch Betreiber des ersten privat erbauten Windrades im Kreis Celle – 1994 war das. Als Ingenieur hat Rohde das Projekt fachlich unterstützt. „Ein historischer Ort“ sei dieses Sofa, meinen Rohde und Thölke übereinstimmend. Hier fand im September 1998 die erste Besprechung statt. Dritter im Bunde war Bodo Köhne, ein ehemaliger Hohner und Betreiber von Windkraftanlagen. Er legte später die Konzepte für einen Windpark vor.

Kein leichter Anfang für Windpark Schmarloh

Der Anfang war dennoch nicht einfach. Die Gemeinschaft der Grundeigentümer verhandelte mit anderen Betreibern. Sechs intensive Gespräche unter Führung der Gemeinde waren notwendig. Im März 2000 gelang schließlich der Durchbruch: Ein gemeinsames Papier wurde unterzeichnet. Kern der Vereinbarung: Die Bevölkerung der Gemeinde soll von dem Windpark profitieren.

Erhard Thölke hat die Pläne für den Windpark Schmarloh mit vorangetrieben.

"Wir haben in ein Wespennest gestochen"

Bis zur Gründung der Schmarloh-Stiftung vergingen trotzdem noch einige Jahre. Und es sollten harte Jahre werden für die Windkraft-Befürworter. Rohde und Thölke informierten die Bürger bei Veranstaltungen über die Pläne. Gleichzeitig gründete sich eine Bürgerinitiative gegen den Windpark. "Weder Landwirte noch Grundstückseigentümer waren begeistert. Es gab Skeptiker und Gegner, aber praktisch keine Befürworter", sagt Thölke. "Wir haben damals in ein Wespennest gestochen", ergänzt Rohde. Vor der Kommunalwahl 2001 verschärften sich die Auseinandersetzungen. Die Debatte, auch angeheizt durch die Medien, wurde zunehmend unsachlich.

Gemeinde Hohne sollte profitieren

Die Zahl der Anlagen wurde schließlich deutlich reduziert. Auch die riesigen Jumbo-Windräder, die auf kleiner Fläche einen hohen Ertrag bringen sollten, wurden aus den Plänen herausgenommen. Die Windkraftgegner hatten nun weniger Argumente, der Protest hielt dennoch an. Gleichzeitig gingen die Planungen voran, Hohnes Gemeindedirektor Jörg Warncke erarbeitete 2007 eine Stiftungssatzung. Sie legte fest, dass die Gemeinde einen prozentualen Anteil der Einnahmen von den Grundstücksbesitzern erhält und diese für kulturelle, sportliche und soziale Zwecke verwendet werden.

Hans-Rainer Rohde hat die Pläne für den Windpark Schmarloh mit vorangetrieben.

Vereine profitieren von der Stiftung Schmarloh

Der Plan ging auf: "Bislang wurden durch die Stiftung knapp 800.000 Euro an Vereine ausgeschüttet." Größter Gewinner ist der Förderverein des Waldbades Hohne-Spechtshorn, der seitdem gut 145.000 Euro bekam. Zudem sei seit dem vollständigen Aufbau des Windparks vor gut zehn Jahren Gewerbesteuer im hohen sechsstelligen Bereich geflossen, berichtet Thölke.

Positive Öko-Bilanz der Samtgemeinde Lachendorf

Vor allem aber kann sich die Öko-Bilanz sehen lassen. Aus Zahlen der Celle-Uelzen-Netz (CUN) für das Jahr 2020 geht hervor: Nirgendwo im Landkreis Celle wurde mehr Erneuerbare Energie ins Stromnetz eingespeist als in der Samtgemeinde Lachendorf. "Etwa die Hälfte des in der Samtgemeinde aus erneuerbaren Energien erzeugten Stroms stammt aus dem Windpark Schmarloh", sagt SVO-Sprecher Thomas Hans. Allerdings werde der Strom über die CUN direkt an das Hochspannungsnetz abgegeben. "Die Samtgemeinde wird zu nahezu 100 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen versorgt", ergänzt Hans. "Im Fall von Lachendorf sind das Biomasse und Fotovoltaik."

Erneuerbare Energie im Landkreis Celle 2020.

Wie geht es weiter mit der Windkraft?

Nun kommt es mehr denn je darauf an, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Schon seit mehreren Jahren stellt der Landkreis Celle sein Regionales Raumordnungsprogramm (RROP) neu auf. Es legt Vorrangflächen zur Nutzung von Windenergie fest. Das Verfahren zieht sich in die Länge, eine Fertigstellung kann nach Angaben von Kreissprecher Tore Harmening derzeit nicht terminiert werden.

Bundeswehr hat ein Mitspracherecht

Problematisch für den weiteren Ausbau der Windenergie im Schmarloh ist unter anderem das Vetorecht der Bundeswehr. Erst seit Dezember 2021 liegen der Kreisverwaltung wichtige Daten zu Hubschraubertiefflugkorridoren vor. "Fest steht, dass einige Belange der Bundeswehr der Planung von Windenergieanlagen entgegenstehen", erläutert Harmening. Neue Windräder dürfen deshalb eine bestimmte Höhe nicht überschreiten. Für das Vorranggebiet Hohne-Nord bedeute das, die Anlagen dürfen maximal 174 (im Westen) beziehungsweise 184 Meter (im Osten) hoch sein.

Kreis Celle muss sich an Vorgaben halten

Außerdem muss sich der Landkreis an Vorgaben aus Hannover halten. Inzwischen wurde ein zweiter Entwurf des Landesraumordnungsprogrammes veröffentlicht. "Hierin finden sich im Gegensatz zum ersten Entwurf weitere gravierende Änderungen, die eine Überarbeitung des Entwurfes des RROP des Landkreises Celle zwingend notwendig machen würden. Hierzu zählt etwa die erstmalige Festlegung von Vorranggebieten Wald", sagt der Sprecher. Eine entsprechende Stellungnahme werde zurzeit erarbeitet.

Energieeinspeisung und Entnahme in der Samtgemeinde Lachendorf.

Wo weitere Windräder gebaut werden könnten

Nach derzeitigem Stand werde sich nördlich und östlich des bestehenden Windparks der Umfang möglicher Vorranggebiete erheblich reduzieren, so Harmening. Wie viele neue Anlagen hinzukommen, lasse sich nicht sagen. "Allerdings ergeben sich nach gegenwärtigem Planungsstand westlich des vorhandenen Windparks im Schmarloh (Richtung Helmerkamp/Ahnsbeck) große Flächen, die als Vorranggebiete in Frage kommen." Potenzielle Flächen südlich von Hohne kämen dagegen wegen artenschutzrechtlicher Konflikte nicht in Frage.

"Mit den meisten Kritikern Frieden geschlossen"

Mit Augenmaß vorgehen, den 1000-Meter-Abstand zu Wohnhäusern einhalten, das ist auch Erhard Thölke wichtig – auch wenn die Zeit bei der Energiewende drängt. "Wir haben jetzt ein Staatsziel. Dadurch ergibt sich eine andere Aufgabenstellung" – er ist optimistisch, dass das auch gelingt. "Mit den meisten Kritikern haben wir Frieden geschlossen", sagt Thölke. Er schaut zu seinem Freund Hans-Rainer Rohde und meint: "Wir geben unsere Erfahrung gerne weiter."