Zwei neue Bücher

Verschickt und gedemütigt: Aufarbeitung beginnt

Verschickungskinder haben sich in Selbsthilfegruppen zusammengeschlossen. Dort können Celler in der Coronakrise keine Hilfe erfahren, aber durch neue Bücher.

  • Von Andreas Babel
  • 28. Feb 2021 | 12:00 Uhr
  • 09. Jun 2022
  • Von Andreas Babel
  • 28. Feb 2021 | 12:00 Uhr
  • 09. Jun 2022
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Celle.

Das Leid der ehemaligen Verschickungskinder hat in den vergangenen Monaten viele Menschen berührt, auch im Landkreis Celle. Es hat nicht lange gedauert, bis jetzt im Januar die ersten Übersichtsbücher erschienen sind. Nachdem sich die einstigen Verschickungskinder in Selbsthilfegruppen zusammengeschlossen und in Foren, aber auch öffentlich in Zeitungen wie der CZ, von ihren Erfahrungen berichtet haben, wissen sie nun, dass sie nicht alleine sind. Es waren vielmehr Millionen von Kindern, die nach dem Krieg aus ihren Familien herausgerissen und auf weite Reisen kreuz und quer durch die Bundesrepublik geschickt wurden.

Autorin Anja Röhl war selbst Verschickungskind

Nun hat Anja Röhl, selbst früheres Verschickungskind und Initiatorin der Verschickungskinder-Bewegung, ein Buch herausgebracht, in dem sie versucht, die Praxis der Kinderverschickung in die Tradition der „Kinderlandverschickung“ zu stellen, die schon unter den Nazis praktiziert worden ist. Die Sonderpädagogin legt mit „Das Elend der Verschickungskinder“ nun ein Grundlagenwerk vor, dem sicher weitere Regionalstudien folgen werden.

Ursachenforschung und Einzelschicksale

Die Autorin gliedert ihr Werk wie folgt: Sie beschreibt, wie sich erst vor kurzem Verschickungskinder gefunden haben, blickt in die Literatur und nähert sich dem Begriff „Verschickung“ kritisch an, auch vor dem Hintergrund erster empirischer Zahlen. Den Schwerpunkt ihres 305 Seiten starken Buches hat sie neben der Ursachenforschung (hier zeigt sie neun Stränge auf) auf Kindererholungsheime in acht Regionen gelegt. Die Schilderungen ehemaliger Verschickungskinder machen fast die Hälfte des Buches aus. Mit Scheidegg und Berchtesgaden sind zwei Luftkurorte im Süden Deutschlands darunter. Das „Seehospiz“ auf Norderney erhielt eine eigenes Kapitel. Heime auf zwei weiteren Nordseeinseln, nämlich Föhr und Borkum, werden beleuchtet. Schließlich sind noch drei Kurorte in Niedersachsen mit jeweils eigenen Kapiteln vertreten: Bad Salzdetfurth, Bad Rothenfelde und Bad Sachsa.

In sieben Regionen gegliedert

Nach der umfangreichen Berichterstattung zu Verschickungskindern im September vergangenen Jahres in der CZ hatten sich zahlreiche Betroffene bei uns gemeldet. Nun würden wir gerne wissen, wer noch in einer der oben genannten sieben Regionen zur Kur war und darüber offen mit Namen oder anonym berichten möchte. Wir sind nicht an Schwarzweiß-Malerei interessiert, sondern möchten versuchen, ein Abbild dessen zu erreichen, wie es für die damaligen Kinder war. Wir sind von daher an neutralen, positiven wie negativen Berichten interessiert.

Cellerin berichtet von Schlägen

Bad Sachsa: So schrieb uns eine Eldingerin, die im Alter von zwei bis drei Jahren Ende der 1940er Jahre in Bad Sachsa zur Kur war. „Es war grauenhaft“, schreibt sie, ohne Details zu nennen. Sie hat 1963 Kinderkrankenschwester in einem Kinderheim gelernt. „Da hat es so etwas nicht gegeben.“ Und da sie dachte, dass man Ende der 1960er Jahre klüger geworden wäre, ließ sie es zu, dass auch ihr Sohn zu einer Kinderkur geschickt wurde. Er kam nach St.-Peter-Ording. „Wir haben es gut gemeint, aber er kam nach vier Wochen total verändert zurück.“ Eine 1957 geborene Cellerin schrieb zu ihrer Kur in Bad Sachsa: Sie berichtet von Schlägen, wenn man während des Mittagsschlafs auf die Toilette musste, davon, dass sie gezwungen wurde, das Erbrochene zu essen, und: „Briefe, die wir an unsere Eltern gesendet haben, wurden eingesammelt und uns wurde versprochen, dass sie verschickt werden würden. Sie kamen nie an!“

Kind aus Bergen kam verstört zurück

Die Eltern eines 1960 geborenen Mädchens aus Bergen berichteten ihr, dass sie als total verängstigtes und verstörtes Kind zurückkam. Die Kinderärztin zu Hause riet, diese Ängste gar nicht zu beachten. „All dieses hatte fatale Folgen und hat mein Leben sehr geprägt. Viele Ängste sind geblieben, unter Heimweh habe ich lange gelitten und mich dafür selbst verurteilt. Klassenfahrten waren anfangs der Horror. Seit meinem zwölften Lebensjahr leide ich immer wieder unter Depressionen und war mehrmals in Therapie“, erzählte die Cellerin, der es seit vier Jahren besser geht.

Cellerin berichtet aus "Seehospiz"

„Seehospiz“ Norderney: Die Cellerin Birgit Lehne, deren ramponierten Teddy aus Kindheitstagen wir in der Printfassung der CZ dreimal groß abgedruckt haben, hat ihre negativen Verschickungserfahrungen im „Seehospiz“ Norderney gemacht. Auch sie berichtete davon, dass Kinder ihr Erbrochenes aufessen mussten. Ein 1957 geborener Celler war ebenfalls auf Norderney zur Kinderkur. Die „Erzieherin“ hat sein Gesicht in den Teller, der mit einer Haferschleimsuppe und seinem Erbrochenen gefüllt war, gedrückt und ihn gezwungen, das aufzuessen. Sein Aufenthalt war durch Strenge und Gehorsam geprägt.

Celler wurde auf Föhr gedemütigt

Föhr: Ein 1947 geborener Celler berichtete von seinem Aufenthalt in Wyk auf Föhr: Die Methoden des behandelnden Arztes und seiner Kinderkrankenschwestern seien „demütigend, unverhältnismäßig und durch nichts, gerade gegenüber schutzbefohlenen Kindern, zu rechtfertigen“ gewesen.

Hilke Lorenz ist Spezialistin für Traumatisierte

Wenige Tage vor Anja Röhl hat auch die Journalistin Hilke Lorenz (58) ein Buch über Verschickungskinder herausgebracht. Die Autorin hat schon öfter in Büchern traumatisierten Menschen eine Stimme gegeben. Hilke Lorenz hat sich als Außenstehende dem Thema genähert. Wahrscheinlich ist sie deshalb auch nicht so unversöhnlich wie Anja Röhl, deren Kampf für die Anerkennung des Leids der Verschickungskinder schon viele Jahre andauert. So fordert Röhl in ihrem Schlusswort auch, dass Träger ihre Heime nicht hinter verschlossenen Türen und nur von Wissenschaftlern „beforschen“, sondern die Kinder von einst darin einbeziehen sollten.

Renz-Polster plädiert gegen Ausgrenzung

Nach dem eindrucksvollen Plädoyer des Arztes Dr. Herbert Renz-Polster für einen vorurteilslosen, nicht ausgrenzenden Erziehungsansatz in seinem Vorwort gibt Lorenz zehn Kindern eine Stimme. Sie ordnet ihre Leidensgeschichten thematisch beispielsweise unter „Das Heimweh-Trauma“, „Das NS-Erbe“ und „Pädagogik der Einschüchterung“ ein. Manche Kinder haben verschiedene Heime erlebt, Albert beispielsweise hat in 14 Jahren sage und schreibe 114 Wochen in Kurheimen in Scheidegg, Berchtesgarden, Bad Reichenhall, Oberjoch und auf Norderney zugebracht.

Gegenwehr und ein Gegenentwurf

Hilke Lorenz schafft es, am Ende ihres Buches, Gegenwehr und einen Gegenentwurf als Leuchttürme vorzustellen: Teil der Wahrheit seien eben auch die positiven Erlebnisse von Kurkindern und engagierte Erzieherinnen wie die 1951 geborene Petra Messing, die 1969 die Missstände in einem Kinderkurheim in Oberstdorf der Aufsichtsbehörde meldete, aber leider ohne Erfolg. Gudrun Wentz (81) leitete drei Jahrzehnte lang ihr kleines Kinderheim „Mövengrund“ in List auf Sylt. Sie hatte sich der Summerhill-Pädagogik verschrieben, bei der die Kinder sich selbst die Regeln aufstellen. Nur einmal musste sie ein Kind wegen Heimwehs nach Hause schicken, auch das geschah zum Wohl des Kindes. Zweimal standen Ausreißer vor der Tür des Heims, die von ihrem Zuhause quer durch die Bundesrepublik gereist waren, um wieder bei der liebevollen, den Kindern zugewandten Pädagogin sein zu dürfen. Leider die absolute Ausnahme in dieser Kinderverschickungs-Industrie.

Der Draht zur CZ

Wir möchten auch ehemaligen Verschickungskindern aus Stadt und Landkreis Celle erneut eine Stimme geben: Wer öffentlich (mit vollem Namen oder anonym) anderen in der CZ über seine positiven oder negativen Erfahrungen in der Kinderkur berichten möchte, wende sich bitte an Andreas Babel unter Telefon (05141) 990113, per E-Mail an a.babel@cz.de oder per Post an Andreas Babel, Redaktion der CZ, Bahnhofstraße 1–3, 29221 Celle Celle. Gerne können auch Fotos von diesen Heimaufenthalten eingesandt werden. Sie können auch im Redaktionssekretariat unter (05141) 990110 Ihre Nummer für einen Rückruf durch Andreas Babel hinterlassen.