Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Anmelden
Aus dem Landkreis So leiden Celler Kinder unter Corona
Celler Land Aus dem Landkreis

Psychologen aus Celle berichten: So leiden Kinder unter Corona und Lockdowns

19:00 12.05.2021
Von Christian Link
Foto: Scheidungen sind bei der Erziehungsberatungsstelle schon vor der Coronakrise der häufigste Beratungsgrund gewesen. Die Auslegung der sich immer wieder verändernden Corona-Regelungen hat bei getrennten Eltern für zusätzliches Eskalationspotenzial gesorgt.
Scheidungen sind bei der Erziehungsberatungsstelle schon vor der Coronakrise der häufigste Beratungsgrund gewesen. Die Auslegung der sich immer wieder verändernden Corona-Regelungen hat bei getrennten Eltern für zusätzliches Eskalationspotenzial gesorgt. Quelle: Fizkes
Celle

Trotzphase, Trennungsprobleme oder sogar der Tod eines Geschwisterkinds: In schwierigen Zeiten können sich Eltern, Jugendliche und Kinder an die Erziehungsberatungsstelle des Landkreises Celle wenden. Durch die Corona-Pandemie trifft das Team von Psychologen, Therapeuten und Sozialpädagogen nun auf ganz neue Problemstellungen. „Themen wie der plötzliche teilweise Wegfall und die deutliche Veränderung des sozialen Lernumfeldes in Kindertagesstätten und Schulen sowie die Kontaktreduktion mit Gleichaltrigen sind aufgetreten“, berichtet Einrichtungsleiterin Anja Werner: „Außerdem hat sich das Bewusstsein von Kindern für Krankheit und Tod verändert.“

Kinder verlieren durch Lockdowns Anschluss in Kita und Schule

Lockdowns, Homeoffice und Homeschooling sorgten nicht nur für Zukunftsängste, sondern auch jede Menge soziale und familiäre Konflikte. „Im Jahr 2020 hatten wir vermehrt Anmeldungen von Kindern, die nach dem ersten Lockdown Schwierigkeiten hatten, sich wieder in den Institutionen zurecht zu finden“, erzählt Diplom-Psychologin Werner. Bei Kita-Kindern würde sich das vor allem in Beißen oder heftigen Wutanfällen äußern, bei Grundschülern in psychosomatischen Bauchschmerzen. „Manche Kinder hatten sich auch so an die kleineren Gruppen der Notbetreuung gewöhnt, dass es ihnen besonders schwerfiel, in der vollständigen Kindergartengruppe oder Klasse ihren Platz wiederzufinden.“

Erstklässler, Fünftklässler und Schulwechsler stark betroffen

Nach den Sommerferien habe der zweite Lockdown dann die Mädchen und Jungen besonders hart getroffen, die neu in den Einrichtungen war. „Viele von ihnen hatten damit zu kämpfen, keine Kontakte zu haben, weil die in den Institutionen geknüpften Verbindungen noch nicht stabil genug waren, um alleine – wie auch immer – fortgesetzt werden zu können“, sagt Werner. Erstklässler, Fünftklässler oder auch Jugendliche nach einem Schulwechsel hätten besonders unter der Isolation gelitten.

Einige Aspekte des Lockdowns wie etwas das spätere Aufstehen hätten die Schüler zwar als angenehm empfunden „Auf der anderen Seite haben sie unter überfrachteten Ansprüchen einiger Fachlehrer gelitten und waren überfordert, Zeiten sinnvoll einzuteilen“, weiß die Beratungsstellenleiterin. Gerade Schüler, die auch im normalen Schulalltag Schwierigkeiten mit der Selbstorganisation haben, hätten im Lockdown komplett den Anschluss verloren.

Mediennutzung bei Homeschooling besonders problematisch

Viele Konflikte drehten sich 2020 deswegen um die Mediennutzung. „Für Eltern war es nur sehr schwer zu erkennen, wann Spielzeiten heimlich 'integriert' wurden oder ob der Austausch über WhatsApp nebenbei sich tatsächlich auf den Schulstoff bezog“, beschreibt Werner ein typisches Problem. „Wir haben Jugendliche gesehen, die quasi rund um die Uhr 'on' waren, dabei aber die schulischen Inhalte definitiv nicht mehr stringent und konzentriert bearbeiten konnten.“

Die Erziehungsberatungsstelle des Landkreises Celle hat im Jahr 2020 insgesamt 766 Familien und Jugendliche beraten. „Wir haben dabei einen Anstieg der Anmeldungen aus eigener Initiative von Eltern oder Heranwachsenden gegenüber 2019 beobachtet, als 762 Familien und Jugendliche beraten wurden“, berichtet die Einrichtungsleiterin. Neben der Präsenzberatung hat sich das Team mittlerweile auch an Telefon- und Skype-Beratung gewöhnt.

Alleinerziehende Mütter ziehen den Kürzeren

42 Prozent der Klienten kamen aus der Stadt Celle, 59 Prozent aus dem übrigen Landkreis. Bei mehr als jedem zweiten Beratungsfall, leben die Kinder nicht mit den beiden leiblichen Eltern zusammen. Wiederum 66 Prozent dieser Trennungskinder wohnen bei der alleinerziehenden Mutter – was angesichts fehlender Notbetreuung in der Coronakrise schwerwiegende Folgen hatte. Die Diplom-Psychologin stellt dazu fest: „Die Gleichzeitigkeit von beruflichen Anforderungen und kindlichen Bedürfnissen ging häufig zu Lasten der Kinder und immer zu Lasten der arbeitenden Mütter.“

13 Totfunde in einem Jahr - So viele Wölfe leben im Landkreis Celle 
Christopher Menge 11.05.2021
Simon Ziegler 09.05.2021