Ausbau von Bahnstrecke

Stellt die Bahn Alpha E aufs Abstellgleis?

Ignoriert die Bahn die Beschlüsse zum Ausbau der Bahnstrecke im Kreis Celle? Es wächst die Sorge vor dem Bau einer neuen Trasse. Das ist der Grund.

  • Von Carsten Richter
  • 26. Okt. 2021 | 19:00 Uhr
  • 09. Juni 2022
  • Von Carsten Richter
  • 26. Okt. 2021 | 19:00 Uhr
  • 09. Juni 2022
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Celle.

Aus seiner Enttäuschung macht der Berger Christian Böker keinen Hehl. Im Raum Bergen – und nicht nur dort – geht die Sorge um, dass die Deutsche Bahn die vom Dialogforum Schiene Nord 2015 beschlossenen Zielsetzungen für die Bahnstrecke Hannover–Hamburg ignoriert. "Unsere Befürchtungen bestätigen sich", sagt Böker, der Mitglied des Projektbeirates Alpha E ist. Schon länger formiert sich Widerstand. Im Kern geht es darum, ob im Dreieck Bremen-Hamburg-Hannover die Bestandsstrecken ausgebaut oder eine Trasse für eine Neubaustrecke präferiert wird. Politiker, Kommunalverwaltungen und Bürgerinitiativen im Kreis Celle setzen sich nach wie vor für die Alpha-E-Lösung ein, also für den Ausbau der Bestandsstrecke. Allerdings verdichten sich die Anzeichen, dass die Bahn zunehmend von Alpha E abrückt.

Plant die Bahn eine neue Strecke durch den Kreis Celle?

Die Bahn zieht unter anderem Grobkorridore an der A7 und der B3 in Erwägung: "Die jetzt präsentierten Korridore haben mit Ortsumfahrungen nichts mehr zu tun. Die DB Netz AG plant offensichtlich eine Neubaustrecke und hat die Optimierungen der Planungen zur Bestandsstrecke abgebrochen", teilt Peter Dörsam, Sprecher des Projektbeirates, mit. "Damit würden alle Chancen des Alpha E verworfen werden, und die Diskussionen um eine Neubaustrecke wie bei der Y-Trasse würden von vorne beginnen."

Neubaustrecke würde westlich an Bergen vorbeiführen

Die Grobkorridore sind auf der Internetseite der DB Netz ( www.hamburg-bremen-hannover.de/uelzen-sued-hannover-lehrte.html ) einsehbar. Daraus ist zu erkennen, dass eine mögliche Neubaustrecke von Soltau nach Celle westlich an Bergen vorbeiführen würde. Auch andere Regionen im Landkreis wie Eschede und Unterlüß liegen im Bereich des Grobkorridors.

Bahn sagt: Alle Varianten sind im Rennen

Ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums betont gegenüber der CZ, dass es sich lediglich um "technisch machbare Varianten" und um "keine Vorfestlegung für die weitere Planung" handele. Konform zu den Beschlüssen des Dialogforums würden nach wie vor alle drei Grundvarianten – bestandsnaher Ausbau, bestandsnaher Ausbau mit Ortsumfahrungen und bestandsferner Neubau – näher betrachtet. "Die Auswahl der Vorzugsvariante erfolgt erst nach Vorliegen aller Entscheidungskriterien", so der Sprecher. Und: Das Ministerium stehe weiter zum Projekt Alpha-E.

Projektbeirat kritisiert Infoveranstaltung der Bahn

Dem Projektbeirat sind aber nicht nur die Korridore ein Dorn im Auge. Die Kritik bezieht sich auch auf die Kommunikation der Bahn. An der Online-Veranstaltung vor zwei Wochen nahmen rund 400 Interessierte teil. Die Mitwirkung sei aber "deutlich eingeschränkt" gewesen. "Fragen waren schriftlich vorzubringen und wurden nur teilweise beantwortet. Eine lebendige Diskussion mit spontanen Wortmeldungen, Kommentaren und dem Aufzeigen von Widersprüchen war nicht möglich. Offensichtlich war genau das auch nicht erwünscht", so Sprecher Dörsam.

Keine Runden Tische mehr auf absehbare Zeit

Hinzu kommt: Die Bahn will fortan nur noch mit den Kommunen direkt sprechen. Runde Tische, an denen auch Bürgervertreter teilnehmen, solle es in absehbarer Zeit nicht mehr geben, sagt Dörsam. Bahnsprecher Peter Mantik sagt auf CZ-Anfrage, dass die Bestandsstrecke weiter im Rennen sei, bestätigt aber auch: "Zurzeit gibt es keinen Anlass für Runde Tische. Vielmehr gibt es den Wunsch der Kommunen, sich zunächst mit uns fachlich abzustimmen." Gleichwohl betont die Bahn: "Wenn es sich thematisch anbietet, die Bürger einzuladen, sich aktiv einzubringen, dann werden wir dies auch wieder tun."

Dialog ohne Bürger? Stadt Bergen spricht von "Affront"

Nicht nur den Projektbeirat bringt das Unternehmen damit gegen sich auf. Frank Juchert, Allgemeiner Vertreter von Bergens Bürgermeisterin Claudia Dettmar-Müller, spricht von einem "fatalen Signal", das die Stadt nicht gutheißen könne. "Das wäre ein Affront. Allein mit den Kommunen wird es nicht gehen. Bürgerschaftliches Engagement hat mit zur Entwicklung beigetragen." Juchert betont, den Schulterschluss mit der Politik aus Bund und Land und den Bürgerinitiativen fortzuführen, und weist auf den breiten Konsens von 2015 für die Alpha-E-Lösung hin.

Celler Kirsten Lühmann und Henning Otte kritisieren Planungen

"Die ständigen Beteuerungen des Bahnbeauftragten des Bundesverkehrsministeriums, Enak Ferlemann, eine Neubaustrecke entlang der Autobahn 7 würde nur aus Gründen der Rechtssicherheit geprüft, der Bestandsstreckenausbau sei, wie im Bundesverkehrswegeplan verankert, beschlossen, scheinen nun nicht mehr zu gelten", kritisiert die scheidende Celler Bundestagsabgeordnete Kirsten Lühmann (SPD). "Wenn die Planer nun meinen, entgegen der politischen Beschlüsse und des Auftragsgebers agieren zu können, missachten sie den Bund als Besteller und den dann erwachsenen Widerstand bei uns in der Region", so der wiedergewählte Bundestagsabgeordnete Henning Otte (CDU).

"Es sieht nicht gut aus", meint der Berger Christian Böker derweil. "Wir blicken argwöhnisch ins nächste Jahr." Bis Ende 2022 soll eine Entscheidung zum Trassenverlauf fallen.