Hilfsfristen

Wenn der Rettungswagen zu spät kommt

Die vorgeschriebenen Hilfsfristen im Rettungsdienst werden weder in der Stadt Bergen und den Gemeinden Faßberg und Südheide noch im Landkreis Celle eingehalten.

  • Von Christopher Menge
  • 14. Jan. 2022 | 17:16 Uhr
  • 09. Juni 2022
  • Von Christopher Menge
  • 14. Jan. 2022 | 17:16 Uhr
  • 09. Juni 2022
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Celle.

Im Notfall zählt jede Minute – das Gesetz schreibt daher vor, dass der Rettungsdienst mindestens in 95 Prozent der Notfalleinsätze innerhalb von 15 Minuten am Einsatzort sein muss. Dass diese Hilfsfrist nicht eingehalten werden kann, wurde insbesondere in der Stadt Bergen befürchtet, als der Rettungsdienst zum 1. Juli 2019 neu beauftragt wurde. Auf CZ-Anfrage hat der Landkreis Celle nun die Zahlen mitgeteilt. Und in der Tat hat sich die Quote für die Stadt Bergen demnach im Vergleich zum vorherigen Zeitraum verschlechtert, die Hilfsfrist wird aber in mehr Fällen eingehalten als in den Gemeinden Südheide und Faßberg.

Hilfsfrist für gesamten Landkreis Celle maßgeblich

„Bei der Betrachtung einzelner Hilfsfristen ist zu beachten, dass der gesamte rettungsdienstliche Versorgungsbereich eines Aufgabenträgers maßgeblich ist“, sagt Kreissprecher Tore Harmening. Soll heißen: Schlechte Zahlen aus den nördlichen Gemeinden des Landkreises Celle können beispielsweise durch gute Zahlen innerhalb der Stadt Celle ausgeglichen werden. Für den gesamten Landkreis Celle hat sie die Quote der Hilfsfrist von 91,48 Prozent (1. Juli 2017 bis 30. Juni 2019) auf 91,75 Prozent (1. Juli 2019 bis 30. Juni 2021) verbessert. Die gesetzliche Vorgabe von 95 Prozent wird also nicht erreicht.

Rettungsleitstelle schickt Rettungswagen zum Einsatz

„Die Rettungsleitstelle alarmiert immer das nächstgelegene freie Rettungsmittel“, erklärt Harmening. Im Norden des Landkreises Celle würden daher rund 90 Prozent der Einsätze aus den Rettungswachen in Hermannsburg und Beckedorf gefahren. „Falls dort kein freies Rettungsmittel verfügbar war, kam es jedoch auch zu Alarmierungen der Rettungswachen Celle, Eschede oder Winsen“, sagt Harmening.

Wechsel im Nordkreis: Johanniter übernehmen von Marquardt

Vor dem 1. Juli 2019 war die Firma Marquardt mit dem Rettungsdienst im Nordkreis beauftragt. Standort war die Rettungswache Beckedorf, zudem wurde in Bergen ein weiterer Krankenwagen bereitgehalten. Seit der Neuvergabe – die Johanniter haben die Ausschreibung gewonne n – gibt es neben der Rettungswache Beckedorf noch eine zweite Wache in der Gemeinde Südheide, nämlich in Hermannsburg. Dadurch sollen beispielsweise Faßberg und Unterlüß besser erreicht werden. Sowohl in der Gemeinde Faßberg als auch in der Gemeinde Südheide haben sich die Quoten seitdem verbessert, von 95 Prozent sind sie aber noch weit entfernt.

Hilfsfristen: Große Unterschiede in Ortschaften der Stadt Bergen

Für die Stadt Bergen liegen der CZ auch Angaben für die einzelnen Ortschaften vor. Die Kreisverwaltung selbst hat der Celleschen Zeitung nur Daten auf Gemeindeebene zur Verfügung gestellt. „Die Aussagekraft der Daten ist bei einigen Ortschaften sehr gering“, begründet Harmening. Es habe dort nur wenige Einsätze gegeben. „Bei Ortschaften wie Bergen (Anmerkung der Redaktion: 89,97 Prozent), Sülze (98,25 Prozent) oder Eversen (90,91 Prozent) sind die Zahlen dagegen relativ aussagekräftig“, sagt der Kreissprecher.

Harmening: Rettungswache Beckedorf ist gut geeignet

Im Rahmen der Auswertung der Einsatzdaten sei festgestellt worden, dass die Rettungswache Beckedorf aufgrund ihrer Lage grundsätzlich gut geeignet sei, um die Einsatzorte in Bergen zu erreichen. „Nahezu 95 Prozent der Notfallrettungseinsätze, die von Fahrzeugen aus der Rettungswache Beckedorf übernommen wurden, konnten innerhalb von 15 Minuten erreicht werden“, sagt Harmening. Es lasse sich entsprechend festhalten, dass im Bereich Bergen im Wesentlichen sogenannte Duplizitäten vorliegen. Duplizitäten sind Einsätze, die aufgrund fehlender verfügbarer Fahrzeuge der primär zuständigen Rettungswache aus einer anderen Rettungswache angefahren werden müssen.

Hilfsfristen: Schlechteste Quote in Beckedorf

Ist es also nur Zufall, dass ausgerechnet das von Beckedorf weit entfernte Becklingen die schlechteste Quote hat? 26 Notfalleinsätze gab es hier zwischen dem 1. Juli 2019 und dem 30. Juni 2021. Nur in 33,77 Prozent der Fälle wurde die Hilfsfrist eingehalten. Der Becklinger CDU-Kreistagsabgeordnete Jan-Hendrik Hohls glaubt das nicht.

Rettungsdienst: Hohls hofft auf neues Gutachten

„Unsere Befürchtungen sind eingetroffen“, so Hohls, der seine Hoffnung nun auf ein neues Gutachten stützt. Seine Fraktion habe das Thema im Kreisausschuss wieder auf die Tagesordnung gehoben. Die Feuerwehren würden immer besser ausgestattet, um bei Unfällen auf der Bundesstraße 3 schnell helfen zu können. „Aber die Rettungszeiten werden nicht eingehalten“, kritisiert Hohls.

Rettungsdienst: Landkreis Celle will Eintreffzeiten optimieren

Laut Harmening verfolgt die Kreisverwaltung das Ziel, die Eintreffzeiten zu optimieren, aktuell werde der Bedarfsplan für den Rettungsdienstbereich des Landkreises Celle überprüft. „Die Bedarfsfeststellung kann zur Erweiterung der Rettungsmittelvorhaltestunden, zu zusätzlichen Einsatzmitteln oder zum Teil zu abweichenden Rettungswachenbereichen führen“, sagt der Kreissprecher. „Der Prozess nimmt erfahrungsgemäß mehrere Monate in Anspruch, sodass mit entsprechenden Veränderungen frühestens zum Ende des nächsten Jahres gerechnet werden kann.“ Die Einsatzdaten der einzelnen Kommunen würden aber unverändert kritisch hinterfragt und erforderliche Anpassungen vorgenommen.

Wäre eine erste Sofortmaßnahme die nächtliche Wiederbesetzung der Rettungswache in Beckedorf, um die Hilfsfristen beispielsweise in Becklingen einzuhalten?