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Aus dem Landkreis Geschichte der Landarbeiter wird wieder lebendig
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Geschichte der Landarbeiter wird in Dreilingen wieder lebendig

15:51 12.01.2022
Von Oliver Gatz
Schicht für Schicht untersucht Restaurator Philipp Ramünke die Innenwand der Stube des ehemaligen Landarbeiterhauses in Dreilingen.
Schicht für Schicht untersucht Restaurator Philipp Ramünke die Innenwand der Stube des ehemaligen Landarbeiterhauses in Dreilingen. Quelle: Museumsdorf Hösseringen
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Dreilingen

„Dass dieses Haus so eine Perle ist, hätten wir nicht gedacht.“ Vorsichtig sprüht Philipp Ramünke die Innenwand der Stube des ehemaligen Landarbeiterhauses in Dreilingen im Landkreis Uelzen mit Wasser ein – und in der hellgelben Kalkfarbe werden die zuvor nur zu erahnenden Muster deutlicher sichtbar. „Die unterste Schicht in diesem Raum ist eine Tapete, die direkt auf die Lehmwand aufgebracht wurde“, erläutert der Restaurator des Museumsdorfes Hösseringen, der seit einigen Wochen mit den Untersuchungen zur Geschichte des Arbeiterhauses an der Dreilinger Dorfstraße beschäftigt ist.

Wohnhaus für vier Landarbeiterfamilien

Das Gebäude ist zwischen 1836 und 1844 als Wohnhaus für vier Landarbeiterfamilien erbaut worden. „Für die damalige Zeit haben wir es mit einer modernen und komfortablen Bauform zu tun“, erläutert Ramünke. Denn bis dato hatten Knechte und Mägde auf den Höfen kaum Privatsphäre, waren oft im großen Hallenhaus bei den Tieren in einer Schlafbutze untergebracht.

Das Fachwerkgebäude wurde zwischen 1836 und 1844 als Wohnhaus für vier Landarbeiterfamilien erbaut. Quelle: Museumsdorf Hösseringen

Unter diesen Umständen war an das Gründen einer Familie nicht zu denken. Kein Wunder, dass viele junge Leute ihr Glück lieber in der Stadt oder gar im fernen Amerika suchten. Diese weit verbreitete Landflucht führte zu einem Arbeitskräftemangel auf dem Land, dem die Bauern entgegenwirken mussten.

Bau sollte Landflucht entgegenwirken

So auch der Dreilinger Bauer Meyer, der ein reines Wohnhaus für mehrere Mietparteien errichtete. Jeder Familie stand eine Stube und eine Kammer zur Verfügung, in der Flurküche befanden sich zwei Gemeinschaftskochstellen unter einem großen, unten offenen Schornstein mit Rauchfang. Die offenen Feuerstellen wurde später durch Sparherde ersetzt.

Philipp Ramünke in seinem mobilen Büro vor Ort. Quelle: Museumsdorf Hösseringen

Seit Mitte der 1960er Jahre steht das Gebäude leer, später schenkte es Bauer Jürgen Meyer dem Museumsdorf. Elektrifiziert wurde das Fachwerkhaus in den 1930er Jahren. Die damaligen Bewohner hatten sich extra ein Radio gekauft, um einen Boxkampf von Max Schmeling mitverfolgen zu können.

Museumsdorf Hösseringen rückt Land- und Industriearbeiter in den Fokus

„Mit diesem Gebäude haben wir die Gelegenheit, eine soziale Gruppe in den öffentlichen Fokus zu rücken, die in den niedersächsischen Freilichtmuseen bislang kaum thematisiert wurde: die breite Schicht unterprivilegierter Land- und Industriearbeiter im Zeitraum 1840 bis 1950“, resümiert Museumsleiter Ulrich Brohm.

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