Corona im Kreis Celle

Landrat als Krisenmanager gefragt

"Das hätte ich mir nie vorstellen können": Landrat Klaus Wiswe spricht im Interview über sein Krisenmanagement, die Lage im AKH und die Baumärkte.

  • Von Simon Ziegler
  • 03. Apr 2020 | 14:58 Uhr
  • 09. Jun 2022
  • Von Simon Ziegler
  • 03. Apr 2020 | 14:58 Uhr
  • 09. Jun 2022
Anzeige
Celle.

Herr Wiswe, wenn Sie die Corona-Krise historisch einordnen. Hat es etwas Vergleichbares in Ihrer Amtszeit als Landrat schon mal gegeben?

Nicht mal im Ansatz. Diese Form der Krise, mit diesem Ausmaß und diesen einschneidenden Maßnahmen, das hätte ich mir nie vorstellen können.

Bei Ihnen laufen die Fäden zusammen, Sie sind sozusagen der oberste Corona-Krisenmanager in Celle. Wie sieht derzeit Ihr Arbeitsalltag aus?

Zum einen bin ich wie viele meiner Mitarbeiter im Homeoffice. Zumindest die meiste Zeit. Persönliche Kontakte sind auf das Allernötigste beschränkt. Telefonate und E-Mails bestimmen den Tag. Selbst verwaltungsinterne Gespräche finden als Videokonferenzen statt. Ich bekomme am Tag bis zu 120 E-Mails. Die letzten werden um 23 Uhr beantwortet.

Zum anderen?

Zum anderen haben wir in der Verwaltung einen Krisenstab eingerichtet. Es geht dabei um alle medizinischen Angelegenheiten, die Durchsetzung und Kontrolle der Allgemeinverfügungen und Verordnungen, die Kommunikation mit Dritten wie dem Krankenhaus oder der Bundeswehr, die Organisation innerhalb und außerhalb der Kreisverwaltung und es geht um die Öffentlichkeitsarbeit. Die Leitung des Krisenstabs hat Erster Kreisrat Michael Cordioli. Insgesamt sind das komplette Gesundheitsamt und zusätzlich bis zu 50 Mitarbeiter nur mit Corona beschäftigt.

Wie arbeitet der Krisenstab?

Das Spektrum ist breit: Es gibt eine tägliche Lagebesprechung. Infektionsketten bei positiv getesteten Personen werden verfolgt. Medizinische Fragen und Quarantänemaßnahmen müssen geklärt werden. Hier unterstützt der Stab das Gesundheitsamt. Dann müssen Probleme gesichtet und Entscheidungen getroffen werden, wie unklare Verfügungen auszulegen sind. Desweiteren wollen wir die Öffentlichkeit früh und umfassend informieren, damit Vertrauen entsteht. Wir müssen uns außerdem mit der Polizei und unseren Gemeinden abstimmen, wer welche Teile der Verfügungen überwacht.

Was machen die „Corona-Mitarbeiter“ konkret?

Wir haben zum Beispiel schon vor Wochen einen Trupp mit 20 bis 30 Leuten gebildet. Sie fahren durch den ganzen Landkreis, informieren über die Regeln, beraten und achten auf konsequente Umsetzung. Vor Ort gibt es häufig viele Fragen, denn die Verfügungen können nicht jeden Einzelfall regeln. Diese Fragen beantworten unsere Mitarbeiter – wenn nicht sofort, dann nach Abstimmung im Haus oder notfalls mit dem Sozialministerium.

Welche Auswirkungen hat Corona auf den „normalen“ Betrieb?

Zum allergrößten Teil arbeitet die Verwaltung unverändert weiter. Denn es werden auch weiterhin Bauanträge gestellt. Auch die Bußgeldstelle arbeitet wie immer. Es gibt ja Forderungen, wir sollten jetzt keine Geschwindigkeitsmessungen mehr vornehmen und die Kapazitäten stattdessen im Corona-Bereich nutzen. Es ist aber so, dass zum Teil mehr gerast wird, weil es weniger Verkehr gibt. In einigen Bereichen haben wir sogar mehr zu tun als sonst. So mussten innerhalb sehr kurzer Zeit viele Jagdscheine ausgestellt werden, weil es eine gesetzliche Neuregelung gab. Auf Veranstaltungen verzichten wir derzeit natürlich komplett. Lediglich einige freiwillig angebotene Bereiche wie die Kreismusikschule, die Kreisfahrbücherei und das Kreismedienzentrum wurden geschlossen, ansonsten bieten wir unverändert unsere Dienstleistungen nach Terminvereinbarung und unter Beachtung der Abstandsregeln an. Aber Sitzungen unserer Kreistagsgremien werden vorerst nur noch bedingt stattfinden.

Es wird aber doch Teile der Verwaltung geben, die jetzt weniger zu tun haben.

Ja, sicher. So fallen zum Beispiel im sozialen Bereich derzeit viele Hausbesuche weg. Unsere Mitarbeiter bauen dann Überstunden ab. Oder sie machen Minusstunden und holen die Arbeit später nach. Es wird jedenfalls niemand bei vollen Bezügen nach Hause geschickt. Etwas anderes wäre ja auch das völlig falsche Signal.

In der Öffentlichkeit gibt es Stimmen, wonach jetzt Schulen saniert werden sollten, weil die ja jetzt geschlossen sind. Was halten Sie davon?

Selbst wenn wir wollten, ginge das nicht so leicht. Denn so schnell würden wir gar keine Baufirmen bekommen. Es wird ja trotz Corona weitergebaut und die Baufirmen haben volle Auftragsbücher. Es ist jetzt sogar schwieriger, Bauprojekte fristgerecht umzusetzen. Die Sporthalle am Burgzentrum in Celle sollte zum Ende der Sommerferien im August fertiggestellt werden. Jetzt gibt es Probleme bei den Lieferketten. Die genauen Auswirkungen sind noch nicht absehbar.

Was halten Sie von der Entscheidung, ab Samstag die Baumärkte wieder für Privatleute zu öffnen?

Wenig, es wird damit wieder zu mehr Kontakten kommen und genau das erhöht das Infektionsrisiko.

Sie sind auch AKH-Aufsichtsratsvorsitzender. Wie ist das Krankenhaus auf die Pandemie vorbereitet?

Wir sind gut aufgestellt. Wir haben eine Corona-Abteilung gebildet, quasi ein Krankenhaus im Krankenhaus. Dafür haben sich viele Mitarbeiter freiwillig gemeldet. Die Zahl der Beatmungsplätze ist auf zwölf erhöht worden. Es sollen noch weitere Plätze dazukommen. Die Hoffnung ist, dass nicht zu viele Patienten gleichzeitig kommen.

Wie bewerten Sie die Infektionszahlen in Celle?

Das ist schwer einzuschätzen. Wenn man nach Wolfsburg schaut, sieht man, dass es schnell eine dramatische Entwicklung geben kann. Natürlich machen wir uns auch Sorgen um unsere Pflegeheime. Die Entwicklung der letzten Tage zeigt, dass diese Sorgen leider berechtigt waren. Wir tun alles, um die Auswirkungen so gering wie möglich zu halten.

Der Landkreis Peine kauft für 1,5 Millionen Euro Schutzmaterial. Ist so etwas auch in Celle geplant?

Nein. Das AKH und die Hilfsorganisationen haben sich in der Vergangenheit das Material beschafft. Wenn sich jetzt ein Mangel abzeichnet, melden wir das beim Land Niedersachsen. Dort wird zentral bestellt und dann verteilt. Wir haben gerade eine größere Lieferung bekommen. Das reicht für die nächsten zehn Tage. Das AKH hat zudem frühzeitig einen eigenen Vorrat angelegt.

Wie wird der Landkreis Celle Ihrer Einschätzung nach durch die Krise kommen?

Kontakte herunterzufahren, ist weiterhin das absolute Gebot der Stunde. Wir müssen die Infektionsketten unterbrechen. Selbst Dankesaktionen – etwa das Verteilen kleiner Geschenke an Pflege- oder Einsatzkräfte und Supermarktkassiererinnen – sind zwar sehr ehrenhaft, aber wegen der damit verbundenen zusätzlichen Kontakte im Moment definitiv nicht zulässig. Wir wollen, dass es bei uns nicht zu Verhältnissen wie in Italien kommt. Ich glaube, wir schaffen das. Aber dafür sind weiterhin sehr deutliche Einschränkungen im täglichen Leben unverzichtbar.