Landkreis Celle

Celler Kinderärzte sind am Limit

Der Kinderarzt hetzt von einem Patienten zum anderen. Impfen, Elterngespräche, Vorsorgeuntersuchungen. Das Wartezimmer ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Am Telefon ist kein Durchkommen. Eltern bekommen kaum einen Termin für ihre Kinder. So geht das jeden Tag. In vielen Regionen sind die Kinderärzte völlig überlastet.</p>

  • Von Simon Ziegler
  • 18. Juli 2018 | 17:32 Uhr
  • 09. Juni 2022
  • Von Simon Ziegler
  • 18. Juli 2018 | 17:32 Uhr
  • 09. Juni 2022
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Landkreis Celle.

Experten schlagen Alarm: Es fehlen Kinderärzte. In einigen Jahren könnte es auch im Kreis Celle kritisch werden, sagt Dr. Volker Dittmar, Kinderarzt in Celle und Vorstandsmitglied im Bundesverband für Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Elf Kassensitze gibt es in Stadt und Kreis Celle, damit gilt die Region sogar als überversorgt. Doch so einfach ist es nicht. Die Berechnung der Sitze sei veraltet, die Aufgaben der Kinderärzte dagegen nähmen immer mehr zu, sagt Dittmar. So seien heute deutlich mehr Vorsorgeuntersuchungen bei Kleinkindern empfohlen als noch vor 20 Jahren. Dazu kommt: „Die Kontaktfrequenz hat zugenommen. Wenn das Kind 38,5 Grad Fieber hat, hat die Oma früher einen Wadenwickel gemacht. Heute geht man zum Kinderarzt“, sagt Dittmar. Die Folgen: Überlastete Ärzte, volle Praxen, lange Wartezeiten.

Dr. Ludger Potthoff führt mit zwei Kollegen eine große Kinderarztpraxis am Bullenberg in Celle, in der sechs weitere Ärzte arbeiten. Er spricht bereits heute von einem Kinderarztmangel im Landkreis. „In unserer Praxis sehen wir einen deutlichen Anstieg der Patientenzahlen. Im letzten Jahr haben wir im Durchschnitt jedes Quartal 20 Prozent mehr Patienten behandelt als vor drei Jahren. Diese Steigerung war nur zu schaffen, weil wir die Möglichkeit haben, Kinderärzte und Assistenten zu beschäftigen, die mit uns die Kinder und Jugendlichen versorgen“, sagt Potthoff. Die Ärzte würden 55 bis 60 Stunden in der Woche arbeiten. „Eine weitere Steigerung ist kaum möglich. Das gilt auch für die meisten meiner Kollegen im Landkreis. Deshalb wird es in den nächsten Monaten und Jahren sicher Eltern geben, die keinen Termin beim Kinderarzt mehr bekommen.“

Potthoff führt mehrere Gründe für die Entwicklung an: Die gestiegene Geburtenrate in den vergangenen fünf Jahren, die Betreuung von Flüchtlingsfamilien und den Mangel an ausgebildeten Fachärzten in der Kinderheilkunde. Dazu kommen aus Sicht der Kinderärzte „unsinnige Tätigkeiten“ wie Kindergartenatteste und Krankschreibungen der Eltern, wenn sie ihre Kinder zu Hause betreuen müssen. All das kostet Zeit. Erste Konsequenzen seien bereits zu spüren: Nach Potthoffs Angaben haben die Celler Mediziner sich darauf verständigt, einen Wechsel des Kinderarztes nur in Ausnahmefällen zu ermöglichen. Das soll doppelte Behandlungen vermeiden.

So schwierig wie in anderen Regionen ist es in Celle aber bei weitem nicht. Vor allem in Großstädten macht sich der Kinderarztmangel bereits bemerkbar. Mancherorts ist davon die Rede, dass Eltern überhaupt keine Ärzte mehr für ihre Babys finden. Dort wird Müttern der Tipp gegeben, sich schon während der Schwangerschaft einen Arzt zu suchen, damit man für die Vorsorgeruntersuchung irgendwo unterkommt.

Im Gesundheitsministerium in Hannover hat man die Probleme in Niedersachsen erkannt. Doch man könne nichts dagegen machen, heißt es: Wie viele Ärzte in einem Landkreis oder einer Stadt zugelassen werden, liege allein in den Händen der Krankenkassen.

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) erkennt kein Problem für die Residenzstadt und das Kreisgebiet. „Es gibt genügend Kinderärzte in Celle“, sagt Dr. Ralf Aring, Kardiologe und KV-Sprecher für Celle, mit Blick auf die elf Kassensitze. Die Kinderärzte seien zudem gut aufs Kreisgebiet verteilt – mit Praxen oder Zweitpraxen in Celle, Bergen, Winsen und Lachendorf.

Das sieht die Kinderärztin Tanja Brunnert anders. Die Göttingerin ist Sprecherin des Bundesverbandes für Kinder- und Jugendärzte in Niedersachsen. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis eine Versorgungslücke auftreten werde, sagt sie. In Niedersachsen konnten in der Vergangenheit Kassensitze nicht wieder besetzt werden, weil sich kein Arzt fand. So seien auch schon Sitze verfallen. „Wir sind leider eine alte Arztgruppe. Das Durchschnittsalter der Kinderärzte ist hoch“, sagt Brunnert. Sie fordert, das Ausbildungssystem attraktiver zu machen.

Das denkt auch ihr Kollege Volker Dittmar in Celle. Er sieht die Politik gefordert. „Es werden zu wenige Studienplätze zur Verfügung gestellt. Wir bräuchten in Niedersachsen 200 bis 300 zusätzliche Plätze im Jahr“, sagt er. Dazu kommt, dass junge Akademiker heute weniger bereit seien, 60 Stunden in der Woche zu arbeiten, Stichwort Work-Life-Balance. Ein Ausweg könnte in Gemeinschaftspraxen mit teilzeitangestellten Ärzten liegen. Potthoff fordert, dass die Bedarfsplanung der KV angepasst wird. Für ihn steht fest: „Für uns Kinder- und Jugendmediziner wird es schwer sein, einen Nachfolger zu finden.“